Wegschauen verboten

YB und Basel liefern sich im ausverkauften Stade de Suisse einen spektakulären Spitzenkampf. Im Spiel der Saison fallen gleich zwei Tore des Jahres.

Hoarau schiesst das Traumtor.

Hoarau schiesst das Traumtor.

(Bild: Keystone)

Dominic Wuillemin

Es ist, als würde das Spiel YB gegen Basel den An­weisungen eines grossen Hollywoodregisseurs folgen. Mit jeder Sekunde wird die Begegnung im ausverkauften Stade de Suisse spannender, im Minutentakt ereignen sich Szenen, ein spektakuläres Bild folgt auf das andere. Wer in der Pause in einer der vielen sehr langen Warteschlangen vergeblich auf sein Bier oder seine YB-Wurst gewartet hat und das nun nachholen will, wird dies garantiert bereuen. Der linke YB-Verteidiger Loris Benito vergibt allein vor Basels Torhüter Tomas Vaclik das 3:2, im Gegenzug trifft FCB-Stürmer Albian Ajeti die Latte. Dramatik, Emotionen, Intensität, Spannung: Es ist alles drin in diesem Spitzenkampf, der in der zweiten Halbzeit hin und her wiegt und beste Werbung für den Schweizer Fussball ist.

Das Traumtor von Guillaume Hoarau.

Die Young Boys wissen in dieser Phase offenbar nicht, wie sie das 2:2 einordnen sollen. Einmal lassen sie bei einem Einwurf bewusst viel Zeit verstreichen, als wären sie mit dem Unentschieden zufrieden. Dann wieder preschen die Aussenverteidiger Loris Benito und Kevin Mbabu nach vorn, als müsste die Berner gewinnen, um die Hoffnung im ­Duell um die Meisterschaft am Leben zu halten – und nicht der FC Basel. Als Nuhu in der 82. Minute einen Fehlpass spielt und dann unter dem Ball durchfliegt, taucht Valentin Stocker nach Pass von Dimitri Oberlin allein vor YB-Goalie Marco Wölfli auf. Die grosse Mehrzahl der Zuschauer im ausverkauften Stade de Suisse hält den Atem an.

Taulant Xhaka trifft zum Ausgleich.

Ausgerechnet Stocker. Der Basler Winterzugang ist in seiner ersten Zeit beim FCB mit thea­tralischen Aktionen, rüden Fouls und vor allem entscheidenden Toren gegen YB zum Bösewicht beim Berner Publikum geworden. Ausgerechnet er kann jetzt hollywoodlike den Young Boys einen heftigen Rückschlag versetzen. Doch stattdessen wird der Offensivakteur endgültig zum Unglücksraben, er verstolpert Oberlins Zuspiel und kann so den Ball nicht wunschgemäss an Wölfli vorbeispielen, der je nach Betrachtung grenzwertig oder penaltywürdig einsteigt. Der Ball prallt an den Innenpfosten und wird vom zurückgeeilten YB-Captain Steve von Bergen gerade noch auf der Linie geklärt. Das Spitzenspiel ist um eine mitreissende Szene reicher. Die YB-Fans atmen tief durch. Und Stocker blickt auf den Boden, als möchte er darin versinken.

«Wo hatten wir Angst?»

Wie das Spiel werden auch die Tore dem grossen Rahmen gerecht. Der hoch gewachsene Guillaume Hoarau beweist erstaunliche Beweglichkeit und bringt die Young Boys in der 24. Minute mit einem herrlichen Fallrückzieher in Führung. Es ist im vielleicht grössten Spiel der Saison ein ernsthafter Anwärter auf das Tor des Jahres. Wobei: Ist es überhaupt das schönste am Ostermontag? Eine Viertelstunde später gelingt Taulant Xhaka der Ausgleich mit einem Distanzschuss, dessen unrealistische Flugkurve einem Science-Fiction-Film entsprungen sein könnte. Der Ball steigt erst rapide und senkt sich dann unhaltbar für YB-Goalie Wölfli in den Torwinkel.

Das 1:2 von Marek Suchy.

Der Treffer Xhakas, der in der Unbeliebtheitsskala der YB-Fans nach Stocker gleich an zweiter Stelle folgt, ist der Weckruf für die Basler, die erstaunlich harmlos begonnen hatten. In der Anfangsphase verzeichnete das Heimteam fast 65 Prozent Ballbesitz. «Ich frage mich, wovor wir Angst hatten. Es ist nur ein Spiel, das ist für mich nicht verständlich», sagt Basels Trainer Raphael Wicky. Dass er am Ende dennoch zufrieden ist, hängt mit der Leistung in der zweiten Halbzeit zusammen. ­Basel geht zwar gleich nach dem Seitenwechsel mit der erst zweiten Chance durch Innenverteidiger Marek Suchy 2:1 in Führung, doch der FCB erspielt sich in der Folge genügend Gelegenheiten, die das Skore rechtfertigen. Und immer wieder steht Stocker im Mittelpunkt, der drei aussichtsreiche Chancen vergibt. Der alte Stocker hätte wohl mindestens zwei verwandelt, der neue muss sich nach dem Spiel hämische Kommentare gefallen lassen.

Christian Fassnacht lässt die Berner ein zweites Mal jubeln.

Die Zeiten haben sich geändert. Ziemlich sicher wäre eine frühere YB-Ausgabe ob des unglücklichen Spielverlaufs mit den zwei Gegentoren aus dem Nichts zusammengebrochen. Die Ausgabe 2017/2018 spielt unbeirrt weiter. Der Kopfball Christian Fassnachts in der 55. Minute nach einer Ecke landet am Pfosten, doch wenige Momente später geling dem YB-Flügel nach starker Vorarbeit von Roger Assalé aus kurzer Distanz der Ausgleich. Der Jubel der Berner ist sinnbildlich für ihr Selbstverständnis: Assalé schnappt sich den Ball und trägt ihn zurück zur Mittellinie. YB will mehr.

Am Ende sind die Young Boys mit dem Unentschieden dennoch zufrieden. Trainer Adi Hütter sagt: «Wir können mit dem Punkt sicher besser leben als Basel.» Der spektakuläre Spitzenkampf endet zwar ohne Sieger – mit YB bringt er aber einen Gewinner hervor.

Berner Zeitung

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