«Was würde Gott darüber denken!»

Die Nacht von 2009 holt Ronaldo ein: Eine Amerikanerin klagt, er dementiert und spielt, als wäre nichts gewesen.

In der Öffentlichkeit unter Druck, auf dem Rasen für Juventus stark wie immer: Cristiano Ronaldo.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

In der Öffentlichkeit unter Druck, auf dem Rasen für Juventus stark wie immer: Cristiano Ronaldo.

(Bild: Keystone)

Er lacht und trifft an diesem Samstag, wenn er treffen muss. Im Regen von Udine ist Cristiano Ronaldo im Element, als er hier mit Juventus seine Aufwartung macht und 2:0 gewinnt.

Acht Tage ist es her, dass das Hamburger Nachrichtenmagazin «Spiegel» titelte: «Und dann ist er auf mich drauf.» Seither ist der schwere Vorwurf in der Welt, der grosse Fussballer habe vor über neun Jahren die Amerikanerin Kathryn Mayorga vergewaltigt.

Tags darauf bereitet Ronaldo alle Tore der Juve zum 3:1 gegen Napoli vor. Am Dienstag schaut er von der Tribüne aus zu, wie sie in der Champions League YB vorführt. Und jetzt, im Friaul, gibt er sich, als gäbe es nichts, was ihn belasten könnte. «Es geht ihm gut», meldet sein Trainer Massimiliano Allegri, «er hat breite Schultern.»

Vor dem Anpfiff posiert Ronaldo mit einem Knirps für ein Foto auf dem Platz. Bei den ersten Ballberührungen wird er noch ausgepfiffen. Nach 37 Minuten erzielt er ein sehenswertes Tor. Juventus gewinnt 2:0. Es ist der zehnte Sieg im zehnten Saisonspiel. Es ist ­alles Routine.

Sie tanzt mit ihm, feiert mit ihm und hat Sex mit ihm

Alles gut. Wenn da nicht die Erinnerung an den 12. Juni 2009 wäre, an diesen Abend in Las Vegas. Cristiano Ronaldo verbringt da seine Ferien und trifft auf Kathryn Mayorga. Später wird sie als Grundschullehrerin arbeiten, an diesem Tag aber ist es ihr Job, Gäste für das Rain anzuwerben – einen Nachtclub, der zum exklusiven Palms Casino Resort gehört.

Im VIP-Bereich des Clubs trifft sie auf Ronaldo.

Sie tanzt mit ihm, feiert in seinem Penthouse weiter – und hat Sex mit ihm. Einvernehmlich, sagt er. Unfreiwillig, sagt sie. Sie wirft ihm vor, sie vergewaltigt zu haben.

Die heute 34-jährige Frau erzählt im «Spiegel» vor einer Woche ihre Sicht der Ereignisse jenes verhängnisvollen Tages im Detail. Sie habe Ronaldos Annäherungsversuche mehrmals abgewiesen: ­«Irgendwann meinte er dann so etwas wie: Ich lasse dich gehen, wenn du mir einen Kuss gibst. Und ich sagte: Okay. Ich küsse dich, aber ich fasse dich nicht an.» Die Küsse entspannen die Situation nicht, sie ­machen sie schlimmer.

Auf Seite 3 der Klageschrift steht unter Punkt 16: «Als Cristiano Ronaldo den sexuellen Übergriff auf die Klägerin vollendet hatte, erlaubte er ihr, das Schlafzimmer zu verlassen. Er gab an, normalerweise sei er ein Gentleman.»

Spielt und jubelt, als sei nichts gewesen: Cristiano Ronaldo am Samstag nach seinem 1:0 bei Udinese. Bild: Keystone

Am nächsten Tag spürt Mayorga starke Schmerzen im Intimbereich. Darum geht sie zur Polizei und ins Krankenhaus, um sich einem «rape kit» zu unterziehen. Das ist eine Untersuchung für Opfer sexueller Gewalt, bei der Spuren gesichert und Verletzungen fotografiert werden. Gemäss der Darstellung von Mayorga werden dort ihre Verletzungen festgehalten: eine Schwellung, ein Bluterguss, eine Risswunde.

Mayorga geht mit ihrer Anwältin auf die Juristen von Ronaldo zu. Der Portugiese muss einen Fragenkatalog beantworten. Daraus geht hervor, dass den Sex laut Ronaldo beide Parteien wollten. Nur: In einer früheren Version des Dokuments, das dem «Spiegel» durch das Datenleck Football Leaks zugespielt wurde, sagt Ronaldo: «Sie sagte mehrfach Nein und Stopp.» Ronaldos Anwälte zweifeln entschieden die Echtheit des Dokuments an.

Für 375 000 Dollar schweigt sie – so viel verdient er pro Woche

Kathryn Mayorga will keinen öffentlichen Prozess. Sie hat Angst vor der Aufmerksamkeit, vor den Folgen, sich mit einer Berühmtheit wie Ronaldo anzulegen, von seinem einflussreichen Umfeld. Im «Spiegel» erklärt sie letzte Woche ihr Denken von 2009: «Ich habe Angst um mein Leben, um meine Familie.»

Deshalb entschliesst sie sich zu einem Vergleich über 375 000 Dollar – das ist so viel, wie Ronaldo nach seinem 94 Millionen Euro teuren Wechsel von Manchester United zu Real Madrid in der Woche verdient. An die Zahlung sind Bedingungen geknüpft: Sie darf niemals und mit niemandem über das Geschehene sprechen, nicht einmal mit Therapeuten. Und sie verpflichtet sich, alle Tatvorwürfe fallen zu lassen.

Mayorga selbst besteht darauf, dass sie Ronaldo einen Brief schreiben kann, der ihm innert zwei Wochen vorgelesen wird. Darin schreibt sie: «Du sprangst von hinten auf mich, mit einem weissen Rosenkranz um deinen Hals!! Was würde Gott darüber denken!! Ich hoffe, dass du aus diesem schrecklichen Fehler lernst!! Nimm nie wieder einer Frau ihr Leben, so wie du meines genommen hast!!» In der Klageschrift steht, sie habe schwere seelische und körperliche Verletzungen erlitten.

Die internationale Presse übernimmt die Geschichte, die sich vor neun Jahren zutrug, erst nur sehr zögerlich, weil einerseits der deutsche Medienanwalt von Ronaldo sich über schwere Verletzungen von Persönlichkeitsrechten beschwert und mit Schadenersatzklagen droht. Weil andererseits man dem Beschuldigten Gelegenheit geben muss, sich zu den Vorwürfen zu äussern. Erst bezeichnet er sie in einem saloppen Video als «Fake News», dann teilt er auf den sozialen Kanälen seinen 220 Millionen Followern mit: «Ich streite entschieden die Anschuldigungen ab, die gegen mich erhoben werden. Vergewaltigung ist ein abscheuliches Verbrechen.»

Der Tweet von Ronaldo

Inzwischen aber beobachtet man eine Dynamik, die für Ronaldos Lager immer mehr ausser Kontrolle gerät. Der Aktienkurs von Juventus fällt um fast zehn Prozent, Sponsoren melden sich. Der Riese Nike, der mit Ronaldo einen Werbevertrag im Wert von einer Milliarde Dollar abgeschlossen hat, zeigt sich «tief besorgt über die verstörenden Anschuldigungen». EA Sports entfernt auf seiner Website Ronaldo vom Cover des Computerspiels Fifa, obwohl nach wie vor die Unschuldsvermutung gilt.

Der portugiesische Fussballverband dagegen hält seinem Star den Rücken frei. Von Trainer Fernando Santos heisst es stellvertretend: «Es gibt keine Zweifel an der Solidarität mit ihm. Ich glaube, was der Spieler öffentlich erklärte.» Ronaldo ist für die nächsten Länderspiele trotzdem nicht aufgeboten. Offiziell, um ihn wegen der Verpflichtungen bei Juventus zu schonen.

Juventus, das ist der Club, der in der letzten Woche der WM in Russland die Nachricht von der Verpflichtung Ronaldos platzen lässt. Er gibt für den 33-Jährigen viel Geld aus: 105 Millionen Euro für die Ablöse und 240 Millionen Euro Gehalt für vier Jahre. Es ist seine Investition, um wirtschaftlich zu wachsen, gerade in Asien, und um endlich wieder die Champions League zu gewinnen.

Zuerst der Tweet von Juventus, dann der Shitstorm gegen Juventus.

Damit erklärt sich, was er diesen Donnerstag offiziell mitteilt: «Ronaldo hat in den vergangenen Monaten grosse Professionalität und Hingabe gezeigt. Die Ereignisse, die angeblich vor fast zehn Jahren stattgefunden haben, ändern diese Meinung nicht, die von jedem geteilt wird, der mit diesem grossen Champion in Kontakt gekommen ist.»

Ein Shitstorm breitet sich über die Turiner aus. Leute wie BBC-Moderator Gary Lineker kommentieren: «Das ist beschämend von Juventus.»

Und immer wieder wird gefragt: Wieso redet sie jetzt?

Unter den Fans wiederum entsteht eine Diskussion mit grenzwertigen Inhalten und zwei Lagern: für oder gegen Ronaldo. Sie decken sich im Internet mit Injurien ein und denunzieren sich gegenseitig. Und immer wieder wird die eine Frage gestellt: Weshalb kommt die Frau ausgerechnet jetzt erneut mit ihren Vergewaltigungsvorwürfen?

Mayorga hat einen neuen Anwalt, dieser sagt, dass das Schweigeabkommen rechtswidrig sei. Zudem habe die #MeToo-Debatte sie bekräftigt, auch über ihre Geschichte sprechen zu können. Tatsächlich hat der Skandal um den amerikanischen Filmproduzenten Harvey Weinstein dazu geführt, dass es für Männer schwieriger geworden ist, ihre sexuellen Übergriffe gegen Frauen durch Geld und Einfluss zu kaschieren und zu bagatellisieren. Und es gibt einen dritten Punkt: Mayorga möchte erfahren, ob Ronaldo auch andere Frauen missbraucht hat.

Der Fall um Cristiano Ronaldo wirft einmal mehr die Frage auf, wie stark eine öffentliche Person mit ihrer Macht unliebsame Berichterstattung verhindern kann. Über neun Jahre hat das bei Ronaldo geklappt.

In dieser Zeit erzielte er in 438 Spielen für Real Madrid 450 Tore. Viermal gewann er die Champions League, und er ist vierfacher Vater geworden. Die beiden Mütter seines ältesten Sohnes und der Zwillinge sind nicht bekannt. Ronaldo hat mit ihnen Stillschweigen vereinbart.

Am vergangenen 15. Juni wird schliesslich bekannt, dass er sich mit der spanischen Justiz geeinigt habe, 18,8 Millionen Euro an Steuern nachzuzahlen und eine Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung zu akzeptieren. Die Staatsanwaltschaft hat ihm vorgeworfen, zwischen 2011 und 2014 die Einnahmen aus Bildrechten nicht deklariert zu haben.

Und jetzt hat ihn Las Vegas eingeholt. Die örtliche Polizei untersucht den Fall wieder. Sollte die Schuld Ronaldos eindeutig bewiesen werden, droht ihm in den USA lebenslange Haft.

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