Vom leisen Punk zum lauten Patrioten

Der Rauswurf von Valon Behrami durch Vladimir Petkovic hinterlässt beim langjährigen Nationalspieler eine tiefe Wunde.

Ein grosser Kämpfer tritt ab: Valon Behrami spielte für die Schweiz an vier Weltmeisterschaften. (Video: Tamedia)
Sebastian Rieder@RiederSebastian

Er weiss mit Schmerzen umzugehen. Die physische Pein war in seiner Karriere sein ständiger Begleiter. Der neueste Stich geht Valon Behrami aber mitten ins Herz. Vladimir Petkovic hat den 33-jährigen Tessiner mit der Ausmusterung im Stolz getroffen. Es ist ein seelischer Schmerz, der den 80-fachen Nationalspieler noch lange beschäftigen wird.

Aus Behramis Sicht hatte der Nationaltrainer bei seiner Zäsur jeglichen Respekt vermissen lassen. Lediglich eine halbe Minute habe das Telefonat mit Petkovic gedauert, um ihm nach 13 Jahren im Nationalteam mitzuteilen, dass der WM-Achtelfinal in Russland sein letzter Auftritt gewesen sei. «Das ist nicht die richtige Art, um den Leuten mitzuteilen, dass sie nicht mehr zum Projekt gehören», findet Behrami.

Eine Frage des Stils

Er hätte sich gewünscht, dass Petkovic ihm nach all den Jahren von Angesicht zu Angesicht die neue Ausrichtung erklärt. Zumal beide im Tessin zu Hause sind und ein persönliches Treffen die Agenda des Nationaltrainers wohl kaum im Übermass strapaziert hätte. Es ist für Behrami aber nicht nur die Art und Weise, die ihn beleidigt und tief enttäuscht.

Über die Stilfrage hinaus macht Behrami der Zeitpunkt der Entscheidung schwer zu schaffen. Nach der Niederlage gegen Schweden verkündete er noch im Stadion von Sankt Petersburg, dass seine Zeit im Schweizer Dress noch nicht abgelaufen sei. «Es wäre schön, wenn ich es einmal mit der Schweiz in einen Viertelfinal schaffe», sagte er, nachdem auch seine vierte Teilnahme an einer WM ohne Exploit zu Ende gegangen war.

Schnelle Karriere

Dass Behrami nun im Frust nicht nur den Trainer, sondern auch noch den Verband angreift und dabei die Doppeladler- und Doppelbürger-Affäre wieder ins Spiel bringt, bedeutet mehr als einen emotionalen Gegenschlag. Behrami war bei diesen Diskussionen eine der zentralen Figuren im Team. «Während meiner Karriere habe ich immer den Effort gemacht, dass wir eine Einheit sind, denn das habe ich schon als kleiner Junge gelernt.»

Er, der als Kind mit seiner Familie aus dem Kosovo in die Schweiz flüchtete und im Tessin eine neue Heimat fand. Als junger Bub flitzte er noch ohne Ball durch die Büsche. Machte im Geländelauf mit seiner Ausdauer auf sich aufmerksam, entdeckte aber als Teenager auch seine Passion zum Fussball. Über Lugano schaffte er den Sprung in die Serie A. Zuerst Genua, dann Verona und schliesslich das grosse Lazio Rom.

Der einzige Albaner

Schneller Aufstieg, schnelles Geld, schnelle Autos. Blondierte Haare, wild frisiert, das Gesicht mit einer dicken Sonnenbrille kaschiert. Arme und Beine tätowiert – stets ein schriller Auftritt ohne Worte. Behrami war ein Punk auf leisen Sohlen, wortkarg, mürrisch. Seine Leistungen bei Lazio konnte er in der Nationalmannschaft zu Beginn nicht bestätigen.

Als einziger Albaner im Team führte er sich wie ein Sonderling auf und wurde auch so behandelt. «Ich hatte am Anfang mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen, mit den Jahren habe ich aber ein starkes Zeichen gesetzt», sagt Behrami. Sein Länderspieldebüt gab der damals 20-Jährige unter Köbi Kuhn 2005 im WM-Qualifikationsspiel gegen Frankreich (1:1). Die Spieler der Startformation hiessen damals: Frei, Vonlanthen, Wicky, Vogel, Cabanas, Barnetta, Müller, Senderos, Magnin, Philipp Degen, Zuberbühler.

Der Sündenbock in Südafrika

Seine Sternstunde hatte er im WM-Barrage-Hinspiel 2005 gegen die Türkei, als er als Joker das 2:0 für die Schweiz erzielte und am nächsten Tag die Frontseite aller Zeitungen zierte. «Zugegeben, es waren grosse Gefühle. Aber im Nachhinein muss ich sagen: Dieses Tor hat zu viel ausgelöst. Plötzlich hatte ich so viel Aufmerksamkeit. Ich konnte nicht damit umgehen. Darum war dieses Tor nicht gut für meine Karriere», sagte er einmal.

In Erinnerung bleibt auch die Rote Karte 2010 im zweiten WM-Gruppenspiel in Südafrika gegen Chile. Behrami musste danach als Sündenbock für die 0:1-Niederlage herhalten. Positiv haften bleibt die Szene im WM-Gruppenspiel 2014 in Brasilien gegen Ecuador, als er im eigenen Strafraum den Ball erobert, über den halben Platz rennt, hinfällt, wieder aufsteht und den 2:1-Siegtreffer einleitet.

Versöhnliche Worte zum Schluss

Zuletzt hat sich das Bild eines Behrami eingebrannt, der im Kreis der Nationalmannschaft als laute Integrationsfigur auftritt, der seinen Körper bis aufs Äusserste strapaziert und selbst Stürmer wie Neymar mit seiner leidenschaftlichen Aggressivität aus dem Spiel nimmt. Dass er seine Qualitäten in Zukunft nicht mehr an einer WM oder EM zeigen darf, dürfte aber nicht nur die Gegner freuen, sondern insgeheim auch seiner Frau gefallen.

In Bezug auf seine Ehe mit Lara Gut und seine Kinder aus der früheren Beziehung findet Behrami bei allem Schmerz auch versöhnliche Worte: «Jetzt kann ich endlich meinen Mädchen und meiner Frau Zeit widmen. Für mich stand der Entscheid immer auf der Kippe, es ist also keine Frage von Egoismus. Ich bin 33, mit 35 hätte ich den Entscheid sehr wahrscheinlich gefällt.» Vladimir Petkovic ist ihm jetzt zuvorgekommen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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