Untergang oder Auferstehung

Am Dienstag reisten die Young Boys nach Baku, am Donnerstag treten sie zur wohl wichtigsten Partie der Saison an. Im Playoff-Rückspiel zur Europa League gegen Karabach geht es um sehr viel – sportlich und finanziell.

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Fabian Ruch

Genau so hat sich das YB vorgestellt. Inmitten mehrerer strenger August-Wochen mit Partien fast im Dreitagesrhythmus mal eben nach Sitten reisen, trotz fünf verletzten Stammspielern dank des breiten, stark besetzten Kaders und den vielen jungen, talentierten Kräften sicher 3:1 gewinnen – und damit mit einem beeindruckenden Auswärtssieg bei einem starken Rivalen ein Ausrufezeichen an die Konkurrenz um den Meistertitel senden.

Dieses Gedankenspiel hat einen grossen Schönheitsfehler (wobei Unschönheitsfehler passender wäre). YB steckt inmitten einer Riesenkrise. Der Trainer ist längst weg, die Zuschauer laufen weg, der Serienmeister Basel ist weit weg in der Tabelle. Schon wieder, wie vor einem Jahr, als YB Mitte August ebenfalls neun Punkte hinter dem FCB zurücklag.

Damals qualifizierten sich die Young Boys immerhin relativ problemlos für die Europa League, in der Rückrunde schliesslich deuteten sie mit einer bemerkenswerten Serie ohne Niederlage ihr Potenzial an.

«Enorm wichtige Partie»

Eine gute Saison ist natürlich auch jetzt noch möglich für die Young Boys, Rang 2 ohnehin. Die Mannschaft ist für Schweizer Verhältnisse stark, auch wenn viele Kritiker das anders beurteilen. Zugang Miralem Sulejmani agierte in Sitten erstmals überzeugend, er kann sowieso nur besser werden nach den blassen ersten Auftritten im YB-Dress.

Torjäger Guillaume Hoarau ist nach Adduktorenproblemen ebenfalls auf dem Weg zur Bestform. Und in einigen Wochen werden die Stammkräfte Renato Steffen, Sékou Sanogo, Alexander Gerndt und Loris Benito alle zurück sein – und den Konkurrenzkampf im Team ganz schön anheizen.

Bis dahin dürften die vielversprechenden Talente wie Yuya Kubo, Alexander Gonzalez, Denis Zakaria oder Grégory Wüthrich die eine oder andere Einsatzgelegenheit erhalten.

Zum Beispiel am Donnerstag in Baku. Es steht viel – sehr viel – auf dem Spiel, sportlich wie finanziell, wenn die Young Boys zum Playoff-Rückspiel der Europa League gegen Karabach antreten. «Das ist für den ganzen Verein eine enorm wichtige Partie», sagt Sportchef Fredy Bickel, «deshalb ist es gut, konnten wir in Sitten Selbstvertrauen holen.»

Längste Anreise für YB

Am Dienstagnachmittag flogen die Young Boys ab Basel in die aserbeidschanische Hauptstadt, wo Karabach seine Heimspiele seit vielen Jahren wegen der unsicheren Lage in der Heimat austrägt.

Nach rund viereinhalb Stunden Flugzeit landete die YB-Delegation gegen Mitternacht Ortszeit in Baku, es war die längste Anreise, welche der Klub in seiner Geschichte für ein Pflichtspiel absolviert hatte. «Wir müssen uns auf ein schwieriges Spiel einrichten», sagt Bickel, «das ist ein echter Prüfstein für uns.»

Es ist warm in Baku, die Stimmung im Stadion wird heiss sein und der Druck gewaltig, diese Mischung kann explosiv sein: Auferstehung aus den Trümmern – oder Untergang ins Tränenmeer?

Gämperles Optimismus

Das Hinspiel letzte Woche im Stade de Suisse vor nicht einmal 7000 Zuschauern lief für ein schwaches YB unglücklich, die Gäste siegten dank eines wunderschönen Sonntagsschlenzerschusses am Donnerstagabend 1:0. Eine Nullnummer wäre für YB gleichfalls kein gutes Resultat, die Ausgangslage jedoch akzeptabel gewesen.

Jetzt müssen die Young Boys morgen gewinnen, sonst ist das erste Saisonziel, die Teilnahme an einer Europacup-Gruppenphase, bereits verspielt. «Das Team ist konzentriert und hat in Sitten gezeigt, dass es trotz schwierigen Zeiten funktioniert», sagt Interimstrainer Harald Gämperle.

Er steht vor der nicht einfachen Aufgabe, morgen die richtige taktische Marschroute festzulegen. «Wir haben 90 Minuten Zeit, Tore zu schiessen», sagt er.

Aus einer überzeugenden Defensive wollen die Young Boys am Donnerstag operieren, mit einem Yvon Mvogo im Tor, der in Sitten mit starken Paraden ein sicherer Rückhalt war. «Je wichtiger ein Spiel ist», sagt der junge Torhüter, «umso mehr Spass macht es doch für uns alle.»

Der 21-Jährige wurde vom früheren YB-Trainer Uli Forte gerne als «coole Socke» bezeichnet. Morgen müssen Mvogo und seine Teamkollegen im Hexenkessel von Baku besonders kaltblütig agieren – sonst hat sich der Erfolg in Sitten bloss als kurzer Stimmungsaufheller erwiesen.

Berner Zeitung

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