«Und das braucht es, um Meister zu werden»

Heute startet YB in St. Gallen in die Saison. Trainer Adi Hütter spricht über seine Ziele und Spieler, den FC Basel und Europameister Portugal, die Aare und Ablösesummen von 130 Millionen Franken.

Der Dirigent bei den Young Boys: Trainer Adi Hütter kann auf ein vielversprechendes Kader zurückgreifen.

Der Dirigent bei den Young Boys: Trainer Adi Hütter kann auf ein vielversprechendes Kader zurückgreifen.

(Bild: Andreas Blatter)

Wen würde Fussballjournalist Adi Hütter auf Rang 1 der Super League setzen?Adi Hütter: Basel.

1. Basel, 2. YB, also wie wir...... der FC Basel ist Favorit. Er ist siebenmal in Serie Meister geworden und hat die besten Voraussetzungen.

Sie haben aber mit YB in der Rückrunde mit 41 Zählern einen Punkt mehr geholt.Das war ein schönes Signal. Aber wir haben auch gesehen, wie konstant stark man spielen muss, um Ende Saison 80 oder mehr Punkte zu haben. Und das braucht es, um Meister zu werden.

YB gibt sich diesen Sommer richtig viel Mühe, nicht vom Titel zu sprechen. Könnten Sie sich nach dieser erfolgreichen Halbserie nicht mehr zutrauen?Ich halte nicht viel von grossen Ankündigungen. Wir tun gut daran, uns auf die Arbeit zu konzentrieren. Das mag langweilig klingen, aber es ist so. Und sowieso bringt es uns nichts, wenn wir zu weit nach vorne blicken. Auf uns warten anstrengende Wochen, in denen es bereits früh in der Saison um sehr viel geht. Das ist nun wichtig. Und nicht irgendwelche Zielsetzungen.

«Auf uns warten anstrengende Wochen, in denen es bereits früh in der Saison um sehr viel geht.»

Vor einem Jahr starteten die Young Boys mit viel Optimismus und dem Ziel, einen Titel zu holen, in die Saison. Wenige Wochen später war Trainer Uli Forte entlassen, YB aus dem Europacup ausgeschieden und Basel in der Liga weit entfernt. War das in den letzten Wochen ein Thema?Bei mir nicht. Aber ich war damals ja auch nicht hier und wäre heute nicht Trainer von YB, wenn es diesen Fehlstart nicht gegeben hätte. Es mag sein, dass der eine oder andere daran gedacht hat, man wird ja auch immer wieder darauf angesprochen. Aber mich interessiert das nicht. Wir stehen vor grossen Herausforderungen. Darum geht es. Wir wollen eine Gruppenphase im Europacup ­erreichen, im Cup auch 2017 im Wettbewerb sein und in der Super League vorne mitspielen.

Mit dem Kader sind Sie zufrieden?Ja, wir haben im Rahmen unserer Möglichkeiten gut gearbeitet. Den Stürmer Philipp Zulechner haben wir durch Michael Frey ersetzt, im Mittelfeld kam Thorsten Schick für Raphaël Nuzzolo, und vor allem ist es uns gelungen, alle umworbenen Spieler zu halten. Wir sind eingespielt, das ist ein Vorteil für uns.

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Wie wichtig ist es für Sie als Trainer, diesmal die gesamte Saisonvorbereitung mit dem Team bestritten zu haben?Das ist sehr wichtig, um die Basis für eine starke Saison zu legen. Es gab nur kleinere Blessuren, wir konnten Dinge einstudieren. Als ich im letzten September anfing, lief es YB nicht gut, wir hatten Verletzte, es galt also, die Spieler aufzurichten und Schritt für Schritt nach oben zu führen. Nun kennen wir uns besser.

Gehen wir die einzelnen Mannschaftsteile durch. In der Defensive wirkt YB anfällig, zumal Linksverteidiger Loris Benito bis zur Winterpause ausfällt.Das sehe ich anders. Fehlt ein Spieler, ist das immer die Chance für andere. Wir haben viele junge, talentierte, hungrige Fussballer, links hinten zum Beispiel Linus Obexer. Und ich finde auch nicht, dass wir im Zentrum schwach aufgestellt sind. Wir haben fünf gute Innenverteidiger mit Steve von Bergen, Milan Vilotic, Alain Rochat, Gregory Wüthrich und Nicolas Bürgy. Da müssen immer drei zuschauen, aber wir werden alle benötigen, weil wir in drei Wettbewerben engagiert sind.

Im Mittelfeld sind die überzeugenden Miralem Sulejmani und Yoric Ravet auf den Flügelpositionen unbestritten. Wie sieht denn die Hierarchie bei YB im zentralen Mittelfeld mit vier Kandidaten aus?Ich halte wenig von Hierarchien auf einzelnen Positionen. Bei uns ist es so, dass Captain Steve von Bergen und Guillaume Hoarau mit ihrer Klasse und Erfahrung die Leaderfiguren sind. Und ich bin froh, je nach Form oder Gegner auf unterschiedliche Akteure zurückgreifen zu können.

Was heisst das konkret für den zentralen Aufbau?Mit Sékou Sanogo und Leonardo Bertone haben wir zwei kampfstarke, robuste Akteure, die auch Akzente nach vorne setzen können. Dann haben wir Denis Zakaria, den schlaksigen, sehr talentierten Strategen, und mit Milan Gajic einen, der das Tempo des Spiels gut variieren kann. Das ist eine ideale Auswahl.

Im Sturm schliesslich ist Rückkehrer Michael Frey eine starke Alternative zu Hoarau, Alexander Gerndt und Yuya Kubo.Auch dort haben wir eine perfekte Mischung dafür, uns unterschiedlich auszurichten. Das ist toll. Und die Spieler können sich nicht ausruhen. Zudem freut es mich, haben wir derart viele junge Fussballer im Kader. Sie haben gesehen, dass sie bei YB eine echte Chance erhalten.

Sie sind nun seit bald einem Jahr in Bern. Wie fällt Ihr Fazit aus?Ich habe den Schritt ins Ausland und vor allem zu YB noch nie bereut. Ich wusste, dass ich zu einem Spitzenklub wechsle. Aber ich realisierte erst hier, über was für grosse Möglichkeiten die Young Boys tatsächlich verfügen. Das Stadion, das Umfeld, die Fans, das Team, das alles ist erstklassig. Ich wurde wunderbar empfangen und fühlte mich sofort wie zu Hause. Zudem ist Bern eine wirklich schöne Stadt, aber das muss ich Ihnen ja nicht sagen.

«Ich wusste, dass ich zu einem Spitzenklub wechsle.»

In der Aare waren Sie aber immer noch nicht schwimmen?Nein, ich habe mal die Zehen reingehalten. (schmunzelt) Ernsthaft: Dazu fehlte mir bisher die Zeit, es gibt immer etwas zu tun. Und wenn ich mal ein wenig Freizeit habe, gehe ich ganz gerne in die Innenstadt und geniesse die Atmosphäre in Bern.

Der Fussball wird immer grösser und verrückter, die Ablösesummen haben absurde Dimensionen angenommen, Paul Pogba soll Manchester United 130 Millionen Franken wert sein. Ist diese Entwicklung gesund?Solche Zahlen wirken immer gewaltig. Ich sage: Wenn der Markt solche Beträge hergibt, dann soll es so sein. Das sind ja Fachleute, die sich damit befassen und dieses Geld ausgeben. Zudem sorgt so ein Topstar für enorme Einnahmen in vielen Bereichen auch abseits des Rasens, im Sponsoring und Merchandising zum Beispiel.

Und welche Erkenntnisse haben Sie aus der Euro 2016 zuletzt in Frankreich gezogen?Es ist alles noch enger, intensiver, ausgeglichener geworden, auch die Kleinen verteidigen auf höchstem Niveau. Geschlossene Mannschaftsleistungen sind elementar, wenn man etwas erreichen will. Fundamental neu erfunden wurde der Fussball nicht, aber das ist ja immer so. Es gibt stets Entwicklungen, die faszinierend sind. So ein Turnier ist immer auch geprägt durch den Modus, und weil diesmal die meisten Gruppendritten weiterkamen, wurde in der Vorrunde vorsichtiger gespielt als gewöhnlich.

Die Hochphase des Ballbesitz­fussballs scheint ein wenig vorbei zu sein...... das ist sie doch schon seit Jahren. Es gewinnt längst nicht immer jene Mannschaft, die mehr den Ball hat. Es geht darum, den Ball zu erobern und dann schnell umzuschalten. Entscheidend ist die Qualität des Ballbesitzes.

Ist Portugal für Sie ein Zufallseuropameister?Zufälle gibt es nicht. Wer eine EM gewinnt, tut das nicht einfach so und hat es verdient. Klar kam Portugal in der Vorrunde mit drei Unentschieden und ohne Sieg weiter, aber der Modus erlaubte das eben.

Später fielen die Portugiesen dadurch auf, dass sie sich dem Gegner anpassten und etwa im Achtelfinal gegen die Kroaten die Schlüsselspieler Luka Modric und Ivan Rakitic im Mittelfeld eng deckten. Was nehmen Sie von der portugiesischen Leistung mit für Ihre Arbeit?Dass sie eine starke Defensive hatten. (lacht) Und dass sie vorne über genügend Klasse verfügten, um im entscheidenden Moment zuzuschlagen. Sie haben das mehrmals clever gemacht. Und im Final packten sie als Aussenseiter gegen Frankreich die Chance, als sie sich bot. Das war beeindruckend. Bei den Franzosen sah man an jenem Abend auch, wie schwierig es ist, wenn man grossen Siegdruck hat.

Das Auftaktspiel in St. Gallen tickert Bernerzeitung.ch live ab 20 Uhr.

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