Trainer im Fokus: Ein Tag mit Adi Hütter

Wie arbeitet ein Profitrainer? Die Tage von Adi Hütter unterscheiden sich stark und sind mit vielfältigen Aufgaben gefüllt. Der YB-Trainer legt grossen Wert auf eine klare Kommunikation. Mit den Spielern – aber auch mit den Medien.

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Fabian Ruch

Ein Profifussballtrainertag beginnt ganz schön normal. Um 7.15 Uhr klingelt in einer Wohnung im Zentrum Muris der Wecker. Adi Hütter dreht sich vielleicht noch einmal und döst ein paar Minuten, spätestens um 7.45 Uhr hat er einen Espresso oder manchmal auch zwei Espressi getrunken, um 8.15 Uhr ist er in seinem Büro im Stade de Suisse.

Dort bleiben ihm rund 45 Minuten dazu, mit den anderen Trainern die letzten Details des Tages zu planen. Vieles ist vorbereitet und besprochen, die Abläufe mit seinen Assistenten sind eingespielt, die Rollen definiert. «Wir wollen als Trainerteam bereit sein, wenn es mit den Spielern losgeht», sagt Hütter.

Um 9 Uhr treffen sich Trainerstab, Betreuer und Spieler der ersten Mannschaft zum Frühstück im Restaurant Eleven im Stade de Suisse, ehe um 10 Uhr das Training ansteht. Eines aber stellt Adi Hütter mehrmals klar, wenn es im Gespräch um seinen Tagesablauf geht: «Es hängt ganz von den Umständen ab, wie so ein Tag bei mir aussieht.»

Sehr unterschiedliche Tage

Es kann sehr gut sein, dass YB eine englische Woche bestreitet mit Partien im 3-Tage-Rhythmus, dann ist der Trainingsbetrieb ­eingeschränkt, die Regeneration steht im Vordergrund. Möglicherweise befinden sich die Young Boys auf einer Auslandreise, zudem unterscheidet sich der Spieltag von anderen Tagen – und von der Saisonvorbereitung erst recht.

«Und wenn wir uns auf eine Partie vorbereiten, ist logischerweise auch vieles anders», sagt Hütter, «als wenn wir uns am Morgen nach einem Spiel zum Auslaufen im Stadion treffen.»

Ein Grossteil des Arbeitsaufwands eines Profifussballtrainers bei einem Spitzenklub fällt aber fernab von Trainings, Spielen und Pressekonferenzen an. Adi Hütter führt viele Gespräche, mit Spielern, Trainern, Mitarbeitern, er liest Zeitungen, informiert sich im Internet, analysiert Spiele am Computer und am TV, bereitet Videositzungen vor, geht an Sponsorenanlässe. Zum Beispiel.

Am Tag, den wir mit Hütter genauer anschauen, steht kurz nach Mittag eine Pressekonferenz auf der Agenda. Das Interesse der Medien hält sich am 7. Dezember aber in Grenzen, weil es einen Tag später im letzten Gruppenspiel der Europa League gegen Astana um nicht mehr viel geht. Dennoch bereitet sich Hütter wie immer gewissenhaft auf den Termin mit der Presse vor.

«Es ist wichtig, dass man solche Gelegenheiten nutzt, um klare Botschaften loszuwerden», sagt der Fussballlehrer. «Ich nehme mir immer zwei, drei Sätze vor, die meine Ideen transportieren sollen und knackig genug sind, um von den Medienvertretern aufgenommen zu werden.»

An diesem Mittag geht es Hütter darum, die Ernsthaftigkeit des sportlich bedeutungslosen Treffens mit Astana zu unterstreichen. «Wir wollen uns mit einem Erfolgserlebnis aus der Europa League verabschieden», sagt er. YB wird 3:0 gewinnen.

Kurze Teamansprachen

Adi Hütter überlässt wenig dem Zufall. Er ist ein interessanter, interessierter Zeitgenosse, dessen Welt nicht an den vier Cornerfahnen endet. Er holt sich regelmässig in längeren Gesprächen Ratschläge bei langjährigen Weg­begleitern des Österreichers, die sich nicht scheuen, ihn zu kritisieren. «Das ist mir wichtig», sagt Hütter, «denn als Trainer lebt man oft in einer Blase, denkt von Spiel zu Spiel, von Training zu Training. Deshalb tut es gut, von kompetenten Partnern Feedbacks zu bekommen.»

Und so spricht der 46-Jährige nicht nur mit seinem Berater immer wieder, sondern auch mit Experten aus den Bereichen Finanzen, Psychologie, Philosophie, Medien. «Das tut mir gut», sagt er. «Sie füllen meinen Rucksack.»

Am Mittag isst Adi Hütter selten ausgiebig, manchmal trifft man ihn im Stadionrestaurant. Und die Gestaltung des Nachmittags ist wieder unterschiedlich, je nachdem, um welchen Wochentag es sich handelt und wann das nächste YB-Spiel stattfindet.

Wenn der Trainer eine Teambesprechung vorbereitet, ist es ihm erneut wichtig, prägnante Äusserungen zu finden. «Man langweilt die Spieler, wenn es zu lange geht», sagt er, «eine Videoanalyse zum Beispiel dauert sieben, acht Minuten. Es bringt nichts, wird das in die Länge gezogen.»

Immer wieder Fussball

Ein Proficoach könnte, wenn er möchte, problemlos 16, 17 Stunden jeden Tag arbeiten, tüfteln, reden, lesen. «Man muss begabt darin sein, die eigenen Ressourcen klug einzusetzen», sagt Hütter. Ihm gelinge das nicht schlecht, er sei schliesslich schon acht Jahre als Trainer tätig. «Und man muss sich Freiräume schaffen.» Weil er allein in der Schweiz ist, hat er ab und zu ein paar Stunden für sich.

Sein liebstes Hobby aber, das Golfspiel, kommt derzeit zu kurz, er war 2016 bloss auf wenigen Runden, das Programm mit den Young Boys liess nicht mehr zu. Und so geht Hütter in der spärlichen Freizeit gerne an der Aare spazieren, liest ein Buch – oder guckt ein Fussballspiel.

Da stellt sich aber bereits die Frage, ob das nicht zum Arbeitsbereich gehört, weil ein Profifussballtrainer ja immer auch analysiert, sich weiterbildet, die neuesten Trends aufnimmt – und nicht nur auf dem Sofa sitzt und ein möglichst attraktives Spiel sehen will.

Wichtig sind Hütter die täglichen Kontakte mit seiner Frau und der 16-jährigen Tochter, die noch zur Schule geht und deshalb mit der Mutter in Salzburg geblieben ist. «Ja, und dann ist bald schon Abend», sagt Hütter.

Er ist keiner, der in der Stadt ständig präsent sein muss, im Gegenteil, er mag es ruhig. Für ein Abendessen mit dem Chronisten wählt Hütter nicht ein Restaurant im Zentrum aus, aber schon eines der gehobenen Kategorie. «Ich esse gerne fein und trinke dann auch ein Glas Wein. Und am Zibele­märit war ich am Abend in Bern unterwegs, das ist ja Standardprogramm hier», meint er schmunzelnd.

«Sonst bin ich zu Hause in Muri und koche was Leckeres, wenn es die Zeit zulässt.» Oft ist sein Assistent und Landsmann Christian Peintinger dabei. «Ich koche, er wäscht ab», sagt Hütter zur Arbeitsteilung. Er ist auch im Haushalt gerne der Chef.

Gute Einfälle im Bett

Und dann läuft am Abend in einer Wohnung im Zentrum Muris halt doch meistens der TV. Länderspiele, Champions League, Premier League, deutsche oder österreichische Bundesliga, sonst eine Liga, vielleicht ­sogar Challenge League – auf irgendeinem Sender ist immer irgendein Spiel zu sehen.

Und irgendwann um Mitternacht geht Hütter ins Bett. «Ich habe kein Problem, abzuschalten und einzuschlafen», sagt er, «und oft habe ich die besten Einfälle, wenn ich im Bett liege und ein paar Minuten für mich habe.»

Um 7.15 Uhr läutet der Wecker einen weiteren Tag ein. Verschlafen hat Trainer Adi Hütter noch nie.

Berner Zeitung

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