Total Fútbol

Spanien prägt den Weltfussball. Und der Fussball prägt die Spanier. Eine Seelenschau vor dem Final in der Champions League zwischen Real Madrid und Atlético Madrid.

«Soy del Atleti»: Die Worte der Fans von Atlético de Madrid. Die Gegner nannten die Mannschaft auch schon Patético de Madrid. Foto: David Klein (Landov, Keystone)

«Soy del Atleti»: Die Worte der Fans von Atlético de Madrid. Die Gegner nannten die Mannschaft auch schon Patético de Madrid. Foto: David Klein (Landov, Keystone)

Oliver Meiler@tagesanzeiger

Fährt man nach Spanien, sollte man als Erstes das Radio einschalten. Den Sender Cadena Ser etwa oder Cope oder gleich Radio Marca. In der Regel dauert es nicht lang, bis eine dieser «tertulias» zum Fussball beginnt. So nennen die Spanier ihre stammtischartigen Talkshows. Und Fussball eignet sich ja blendend zum Debattieren und Dramatisieren. Da sollte man einfach mal eine Stunde hineinhören. Egal, wie viel man versteht. Auf Spanisch, auf Katalanisch. Einfach mal hineinfühlen in die Leidenschaft der Talker im Studio und der Anrufer von zu Hause, am besten mit geschlossenen Augen dem Fluss bekannter Fussballernamen folgend, der da durch den Äther rauscht, den Legenden mit Datum, den taktischen Zahlenkombinationen 4-3-3 und 4-4-2 und, ja, auch mal 4-3-2-1 mit richtigem Neuner. Einfach wirken lassen. Jedes Land hat Melodien, die den Alltag prägen, die Gespräche in den Gassen, in den Bars, im Hausflur. So wie am Radio hört sich die spanische Hauptmelodie an, der Soundtrack zum Fussball. Willkommen im Land der Welteroberer. Seit sechs Jahren herrscht Spanien über die Fussballwelt und prägt die Sprache dieses Spiels.

Der Verein, der Stammbaum

Seit 2008 hat kein Land mit seinen Vereinen und seiner Nationalmannschaft mehr internationale Titel als Spanien gewonnen. Es stellt in diesem Jahr sowohl den Sieger in der Europa League als auch in der Champions League, der europäischen Königsklasse, deren Final am Samstagabend in Lissabon ausgetragen wird – zwischen zwei spanischen Teams.

Spanien ist auch amtierender Weltmeister und Europameister. Mehr geht nicht. Und es ist schon merkwürdig, dass sich diese ruhmreiche sportliche Ära deckt mit Spaniens grösster wirtschaft­licher und sozialer Krise seit Geburt der Demokratie vor 40 Jahren. Vielleicht förderte die Krise den Erfolg, vielleicht ist er eine Revanche. Vielleicht ist das aber auch nur dummes Geschwätz. Jedenfalls sind Fragen zum Fussball in Spanien nie einfach nur Fragen zum Fussball.

Gelacht wird in diesen Talkshows selten, höchstens ironisiert. Gestritten wird dagegen oft. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit kommt irgendwann der Moment, in dem sich alles vermischt in einem philosophischen Grossen und Ganzen: Moral, Politik, Volksseele, Madrid gegen Barcelona, Spaniens Strahlkraft in der Welt, alles. Die «tertulias» laufen im Taxi, im Führerstand des Busfahrers, in den Tickethäuschen öffent­licher Garagen. Nicht selten liefern sie einem die Argumente, die man für den Alltag braucht. Man kann dann so tun, als sei man selber draufgekommen. So befeuern die Spanier ihre Diskussionen mit den Nachbarn, den Arbeitskollegen, den Kellnern und Freunden.

Von allen weiss man, womit man sie ärgern kann, weil man von jedem weiss, welchen Farben er frönt. Die Vereinsbekenntnisse werden ultimativ formuliert: «Soy del Barça», sagt jemand, der dem FC Barcelona anhängt, als stehe er oder sie in der direkten Erblinie des Clubs: «Ich bin von Barça.» – «Soy del Madrid», sagen jene, die Real im Blut haben. Und bei den Fans von Atlético de Madrid klingt es so: «Soy del Atleti.»

«Patético de Madrid»

Es gab Zeiten, da war der Club aus dem ärmeren, industriellen Süden Madrids so chaotisch und scheinbar verflucht erfolglos, dass ihn die Stadtrivalen aus dem reicheren, grossbürgerlichen Norden «Patético de Madrid» nannten. Nun messen sich die beiden Madrider Vereine um Europas Meisterschaft. Das hat es in der Champions League noch nie gegeben: zwei Finalisten aus derselben Stadt. Mailand, London, Manchester – keine dieser grossen europäischen Fussballstädte konnte je zwei ihrer Vereine gleichzeitig fürs Endspiel qualifizieren. Spaniens Premierminister Mariano Rajoy lässt ausrichten: «Hut ab vor Atlético, aber ich hoffe natürlich, dass Real Madrid gewinnt.» In Spanien braucht nicht einmal der Regierungschef seine Vorliebe zu verstecken. Nieman­dem käme es in den Sinn, in Glaubensfragen Neutralität zu fordern.

Wahrscheinlich wurde auch der Begriff «Patético de Madrid» in einer Talkshow geboren. Oder von einer Zeitung. In Spanien erscheinen vier Sportgazetten täglich. Zwei in Madrid, zwei in Barcelona. Sie sind offen parteiisch, voll Pathos und handeln fast nur von Fútbol, Fútbol, Fútbol. Wenn es mal eine andere Sportart auf die Frontseite von «Marca», «AS», «Sport» oder «Mundo Deportivo» schafft, dann war im Fussball wohl spielfrei. Oder Sommerpause. Oder es gab keine Gerüchte vom Transfermarkt, nicht einmal haltlose.

Man kann sich gar nicht mehr vorstellen, dass bis in die Fünfzigerjahre der Stierkampf in Spanien populärer war als Fussball. Dann drehte der Zeitgeist für immer. Auch wegen des Radios, das aus diesem Spektakel auf dem Rasen, das englische Mineningenieure ins Baskenland gebracht hatten, ein Erlebnis für Millionen machte. Bis heute kommentieren selbst spanische Fernsehreporter so, als arbeiteten sie fürs Radio, als sähen die Zuschauer nichts vom Spiel. Da geht kein Ball kommentarlos ins Seitenaus.

Fürs Analytische wartet man auf die «tertulias». Und auf die wunderbare ­Sendung «El día después», «Der Tag danach», auf dem Bezahlsender Canal+. Die zoomt am Montagabend den letzten Spieltag noch einmal heran, die kleinen Bösartigkeiten und Fehlentscheide. In der Vergrösserung lässt sich auch leicht von den Lippen der Spieler ablesen, was sie an wenig Erbaulichem über ihre Mitmenschen auf dem Rasen sagen, manchmal auch über Trainer und Schiedsrichter. Es kommt immer viel Stoff zusammen für die Beschallung des Alltags.

Auch sportlich lässt sich der Wendepunkt in den Fünfzigern verorten, mit Alfredo Di Stéfano, einem Argentinier mit italienischen Vorfahren, der Real Madrid zur Weltmarke machte. Man nannte ihn «Saeta Rubia», «Blonder Pfeil». Di Stéfano, heute 87 Jahre alt und Ehrenpräsident Reals, war der erste ganz grosse Star des spanischen Fussballs. Er revolutionierte ihn.

Francos Furie

Die Königlichen waren damals so erfolgreich, dass sich Spaniens Diktator Franco für Fussball zu interessieren begann. Als politisches Vehikel für die Innenpolitik, als Propagandamittel auch für die Aussenpolitik. Der General sah im Fussball eine Chance, das Volk in harten Zeiten zu unterhalten und den spanischen Eroberungsmythos neu zu beleben. Und weil die besten Fussballer im Land Basken waren, gross gewachsene und wetterfeste Kerle aus dem regnerischen Norden, geschult von Engländern, war der spanische Fussball hart und viril. Aus dieser Zeit stammt auch der ursprüngliche Übername der spanischen Nationalmannschaft: «La furia», die Furie. Franco mochte dieses Bild, Knochenbrüche inklusive. Nur gewannen sie damit nichts.

Der Tod Francos belebte das Land, auch seinen Fussball. Wenn man nur eine Figur nennen dürfte für die zweite Revolution, die nun über den Fútbol kam, dann würde die Wahl auf einen Holländer fallen: auf Johan Cruyff, einen eleganten Fussballer, einen modernen Star mit divenhaften Allüren und schönem Spiel. Der FC Barcelona holte ihn 1973, da lebte der Diktator noch. Cruyff spürte wohl, dass er länger bleiben würde. Als ein Jahr später sein Sohn auf die Welt kam, nannte er ihn Jordi, katalanisch für Jorge. Für die amtliche Registrierung brauchte Vater Cruyff eine Bewilligung der franquistischen Behörden. Und die duldeten alles Katalanische und Baskische nur, wenn es keine kulturellen und politischen Assoziationen weckte. Fussball durfte in diesen unterdrückten Regionen nur Spass sein, mehr nicht, nur Gaudi. «Jordi» war auch eine politische Botschaft.

Barça spielte nun ganz anders, aufregender. Als Trainer machte Cruyff daraus später ein System. Man sprach vom «totalen Fussball» und meinte damit eine Philosophie, nach der jeder Spieler fast alles kann. Vor allem soll jeder den Ball akkurat annehmen und weitergeben können, möglichst direkt und schnell, auf engem Raum. Cruyff sagte es einmal so: «Wenn wir den Ball haben, können die Gegner kein Tor schiessen.» Das klingt banal, schier komisch trivial. Es war aber die Basis zur Welteroberung, die definitive Antithese zum britischen Kick & Rush, das vornehmlich darin bestand, den Ball weit nach vorn zu dreschen und ihm dann schnell nachzustellen.

Der Rest ist Zeitgeschichte. Pep Guardiola, den Cruyff in jungen Jahren ins erste Team geholt hatte, verfeinerte als Barça-Coach den gepflegten Fussball des Holländers. Er hatte Glück, eine Generation grossartiger Fussballer war mit Cruyffs Devise gross geworden. Alles gewannen sie, 14 Titel in vier Jahren. Sie stellten fortan das Rückgrat der Nationalmannschaft, die nur «La Roja», die Rote, genannt wurde. Sie brach keine Knochen mehr, war eher schmächtig gebaut. Aber was waren die Herren ballfest und pass­sicher, totale Fussballer eben.

Poetische Überhöhung

Der Kulturwandel erfasste die gesamte spanische Liga, dynamisierte auch Clubs ausserhalb Madrids und Barcelonas. Und trieb die Talker und Kommentatoren zu neuer Meisterschaft. Jeder grosse Verein hat seinen Literaten, der das Spiel seiner Lieblinge sprachlich durchdringt und überhöht. Ihre Stücke, meist voller poetischer Verve, erscheinen in den politischen Tageszeitungen. Javier Marías etwa huldigt seinem Real Madrid seit vielen Jahren in der Zeitung «El País». Der katalanische Schriftsteller Sergi Pàmies schreibt in «La Vanguardia» zuweilen täglich Texte über sein Barça und erfindet dabei oft hinreissende Metaphern.

Das spanische Publikum ist ja kein leicht verführbares. Es versteht viel vom Sport. Das erlebt man schon auf dem Bolzplatz. Als Feierabendspieler wird man schon mal entschlossen zurechtgewiesen, wenn man eine schwierige Nummer versucht und dabei kläglich versagt: «Fácil!», bekommt man dann zu hören, «Spiel simpel!» In der Massregelung schwingt ein «Du Idiot» mit.

Golazo um Golazo

Das spanische Publikum ist ein Fachpublikum. Es klagt und kritisiert. Es hält die Stars, wenn die sich nicht dezent aufführen, für überbezahlte Schnösel. Gerade jetzt in der Krise. Die Vereine haben den Ruf, überprivilegierte Institutionen zu sein, denen man Steuerschulden erlässt, während der kleine Bürger an die Kasse kommt. Denen Millionenkredite von regionalen Sparkassen gewährt werden, während kleine Wohnungsbesitzer aus ihrem Heim geworfen werden, wenn sie ihre Hypotheken nicht mehr bedienen können. In manchen Städten ist der Präsident des örtlichen Fussballvereins mächtiger als der Bürgermeister. Er gibt den Chefunterhalter. Oft schon waren es zweifelhafte Figuren, die sich da zum gesell­schaftlichen Sonderstatus hochschwangen. Und so endeten auch schon etliche Karrieren im Gefängnis.

Alles wahr, alles erkannt. Und am Ende doch alles nebensächlich. Das Lamento verhallt im Triumphgesang. Partidazo um Partidazo, Hammerspiel um Hammerspiel und Golazo um Golazo.

Fährt man nach Spanien, sollte man sich am Samstag- oder Sonntagabend eine Weile lang «Carrusel deportivo» auf Cadena Ser anhören, 16 Uhr bis 24 Uhr. Die legendäre Radiosendung, drei Millionen Zuhörer, bringt Liveübertragungen aus den Stadien mit Reportern, die ohne Punkt und Komma reden, das «r» dramatisch rollen, den Torschrei ewig lang ziehen. Im Studio sitzen laute und recht geistreiche Moderatoren, die gleichzeitig reden und deren Reden noch von scheppernder Werbung und Einspielern überlagert wird. Wenn man das zum ersten Mal hört, wird man fast verrückt, gerät in einen wilden Strudel. Beim zweiten Mal auch noch. Beim dritten Mal ist die Melodie drin – ein Ohrwurm.

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