Thun entdeckt seine Talente

Das Einzugsgebiet des FC Thun ist klein. Dennoch wollen die Oberländer seit diesem Jahr pro Saison drei Junioren mit einem Profivertrag ausstatten. Das erste Fazit ist positiv.

Zielstrebige Eigengewächse: Uros Vasic (17-jährig, rechts) und Justin Roth (18) haben sich in die erste Mannschaft gespielt.

Zielstrebige Eigengewächse: Uros Vasic (17-jährig, rechts) und Justin Roth (18) haben sich in die erste Mannschaft gespielt.

(Bild: Patric Spahni)

Dominic Wuillemin

Die letzte Saison mit Rang 4 und Cupfinal-Teilnahme mag eine der besten in der Vereinsgeschichte des FC Thun gewesen sein. In einer Wertung, die nicht unerheblich ist für die Zukunft eines Fussballclubs, belegten die Oberländer allerdings den letzten Rang. Sie setzten keinen einzigen Schweizer U-21-Spieler (Jahrgang 1998 oder jünger) in der Meisterschaft ein. Keiner von ihnen stand zudem in der Startformation des U-19- und U-21-Nationalteams.

Im Nachwuchsrating der Liga gab es dafür 0 Punkte. Gleich viele wies Lugano aus, die Tessiner vertrauten aber immerhin auf einen wertungsrelevanten Spieler, wenn auch nicht oft genug. Zum Vergleich: Xamax, das drittschlechteste Team im Ranking, erhielt 14 Zähler. «Wir haben Aufholbedarf» sagt Trainer Marc Schneider. Und Jürg Frey, Chef der Nachwuchsabteilung, stellt fest: «Im Verhältnis zu den Investitionen, die wir tätigen, haben es zu wenig Junioren ins Profiteam geschafft.»

Deutlich über eine Million Franken fliesst in den Nachwuchs – ungefähr ein Zehntel des Thuner Jahresbudgets. Doch während der Club Saison für Saison mit klugen Transfers aus unteren Ligen Schlagzeilen macht, ist die Ausbeute der Jugendförderung dürftig. Der letzte Junior, der sich bei den Profis durchsetzte, war bis zum Sommer Nicola Sutter. Er debütierte vor fünf Jahren.

Die jungen Pioniere

Doch es hat sich etwas getan. Seit Sommer verfolgen die Oberländer eine ehrgeizige Nachwuchsstrategie, mitinitiiert von Frey, mitgetragen von Schneider. Jede Saison will der Club drei Junioren mit einem Profivertrag ausstatten. Auch wenn die U-21-Equipe in die 2. Liga interregional abgestiegen ist. Die Talente erhalten einen Einjahreskontrakt, sind fixe Mitglieder des Kaders.

Das hat den Vorteil, dass sie Zeit erhalten, sich ans höhere Niveau zu gewöhnen. Ohne den Druck zu haben, in ein paar Trainings den Trainer überzeugen zu müssen. Der Club erhält derweil genügend Anschauungsmaterial, die Qualität der Spieler abzuschätzen. Nach einer Saison wird Bilanz gezogen, im besten Fall resultiert ein langfristiger Profivertrag.

Donnerstagmorgen, Justin Roth kommt mit dem Velo zum Stadion gefahren. Ein paar Minuten später sitzt er im Medienraum der Stockhorn-Arena und sagt: «Von zu Hause aus sehe ich das Stadion. Das war immer ein Ansporn. Es nun zu den Profis geschafft zu haben, ist aufregend.» Neben Roth hat Uros Vasic Platz genommen. Er ist nicht minder angetan, spricht von einem Traum, der in Erfüllung gegangen sei.

Die beiden sind zwei der drei Nachwuchskräfte, die einen Profivertrag erhalten haben. Der Dritte, Levin Wanner, litt am Pfeiffer’schen Drüsenfieber, er befindet sich auf dem Weg zurück. Roth, 18-jährig und im zentralen Mittelfeld daheim, hat am Sonntag beim 1:0 im Cup bei Nyonnais in der Startaufstellung debütiert. Der gar noch ein Jahr jüngere Flügel Vasic kommt schon auf fünf Einsätze. Sie lassen Nachwuchschef Frey von einem positiven ersten Fazit sprechen. «Es zeigt, dass es uns ernst mit dem eingeschlagenen Weg ist.»

Die faire Chance

Roth und Vasic können von den Vorzügen des neuen Modells berichten. Noch in der letzten Saison sei man hin und wieder für eine Einheit mit der ersten Mannschaft aufgeboten worden, sagt Roth. «Da hat man natürlich probiert, alles in dieses eine Training zu stecken. Das hatte zur Folge, dass man zu viel wollte.» Der Trainer habe zudem nicht abschätzen können, ob man nun einen guten oder schlechten Tag gehabt habe. «Jetzt haben wir Zeit, uns zu bewähren.» Und Vasic erzählt, wie frühere Kollegen aus der U-21-Equipe ihm gesagt hätten, sie seien von seinem Beispiel angestachelt worden. «Sie sehen: In Thun haben sie die Möglichkeit, es ins Profigeschäft zu schaffen.»

Vasic ist in der Oberwalliser Gemeinde Naters aufgewachsen. Er pendelt jeden Tag mit dem Zug nach Thun. Er kam 2015 ins Oberland und ist das Aushängeschild einer Zusammenarbeit, die nicht mehr besteht. Bis 2017 schlossen sich die besten Junioren aus dem Oberwallis dem FC Thun an, mit Vasic waren damals vier weitere Walliser zu den Oberländern gestossen. Mittlerweile ist für sie wieder der Schritt zum FC Sion vorgesehen.

Das macht die Thuner Nachwuchsarbeit nicht einfacher. Ihr Einzugsgebiet ist oben von den Alpen begrenzt, unten durch die Young Boys. Sie können nur aus 25 Vereinen rekrutieren. «Davon haben 12 auch noch eine Skisektion», sagt Schneider halb ernsthaft, halb witzelnd. Zum Vergleich: Alleine dem Freiburger Fussballverband, einer der Partner von YB, gehören 96 Vereine an. «Unser Einzugsgebiet ist klein. Umso mehr müssen wir zu ihm Sorge tragen», sagt der Trainer.

Schneider ist überzeugt, dass es Jahr für Jahr Spieler gebe, die das Potenzial für die Super League mitbringen, aus Mangel an Einsatzgelegenheiten aber im Regionalfussball versauern würden. In Thun sind sie nun bestrebt, zumindest ein paar von ihnen eine faire Chance zu geben.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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