Thomas Häberli: «Irgendwann greife ich an»

Thomas Häberli war bei YB die Kultfigur. Heute arbeitet er als Talentmanager beim Rivalen FC Basel. Vor dem sonntäglichen Duell im St.-Jakob-Park verrät er, wie seine Zeit als Spieler in Bern wirklich zu Ende gegangen ist.

  • loading indicator
Dominic Wuillemin

Als Thomas Häberli im Mai 2009 von YB-Trainer Vladimir Petkovic, CEO Stefan Niedermaier und Sportchef Alain Baumann zum Gespräch gebeten wurde, ahnte er nichts Schlimmes. Er dachte sich, die Herren wollten ihm ­Anfang Woche noch einmal die Bedeutung des bevorstehenden letzten Saisonspiels gegen den FC Basel verdeutlichen.

Schliesslich hatte Häberlis Wort in der Kabine Gewicht. Er war Captain, Routinier, zuverlässiger Torschütze: in Bern längst eine Kultfigur. Stattdessen aber stellte der Coach seinen Angreifer vor vollendete Tatsachen: Er plane trotz Vertrag bis 2010 nicht mehr mit ihm. «Ich fiel aus allen Wolken», sagt der 42-Jährige.

Ärger über Petkovic

Treffpunkt mit Thomas Häberli ist das Stadionrestaurant des Basler St.-Jakob-Parks. Für den Serienmeister arbeitet er als Talentmanager. Die Episode von seinem Abgang in Bern hat er in der Öffentlichkeit zuvor nie erzählt. Längst kann er darüber ­lachen, spricht von einem legendären Gespräch. Aber damals vor acht Jahren war er stinksauer.

«Ich sagte zu Petkovic: Dann muss ich ja gar nicht mehr kommen.» Häberli blieb dem Training die ganze Woche fern. Erst die letzte Einheit vor der Partie in Basel machte er wieder mit. Zum Trainer meinte er: «Lass mich in Ruhe. Wenn du mich brauchst, dann bringst du mich.»

Es vergingen 70 Minuten, bis Petkovic Häberli brauchte. Beim Stand von 2:0 wechselte er die Offensivkraft ein. Es war Häberlis 267 Meisterschaftsspiel für die Berner. Und er erzielte tatsächlich sein 74. und letztes Tor. YB gewann 3:0, überholte Basel und beendete die Saison auf Rang 2. Wochen später gab der Publikumsliebling sein Karriereende bekannt. Ohne zur Schau gestellten Groll, ohne schmutzige Wäsche zu waschen. Mit Pektovic, dem heutigen Nationaltrainer, verstand er sich rasch wieder.

Lob für Spycher

Als Thomas Häberli gefragt wird, an welche Partien gegen den grossen Rivalen er am liebsten zurückdenke, fällt ihm diese zuerst ein. Doch gerade in der Schlussphase seiner Karriere erlebte der Stürmer etliche erinnerungswürdige Duelle, den Cup­halbfinal miteingerechnet vermochte er mit YB die letzten vier zu gewinnen.

Damals befanden sich Bern und Basel auf Augen­höhe, 2008 und 2010 wurde die Saison erst in einer Finalissima entschieden. Solche Spannungsmomente sind heute nur noch Wunschdenken.

Der FC Basel kann diesmal schon sieben Spieltage vor Schluss Meister werden. Zwischen dem Leader und dem Tabellenzweiten klafft vor dem sonntäglichen Spiel in Basel (16 Uhr, Bernerzeitung.ch tickert live) eine riesige Lücke von 17 Punkten. «Hier werden einfach sehr wenige Fehler gemacht», sagt Häberli.

Ein Beleg: Während er spricht, findet nebenan die Medienkonferenz mit Trainer Urs Fischer vor der Cuppartie in Winterthur statt. Einen Tag später gelingt dem FCB der Finaleinzug. Bei YB ist derweil die Wunde nach dem peinlichen Ausscheiden gegen Winterthur nicht verheilt.

Häberli mag die Differenzen zwischen den Klubs nicht dramatisieren. Er findet, in beiden Vereinen werde sehr gute Arbeit geleistet, Strukturen und Stadien seien vergleichbar. Zudem wertet es der frühere YB-Nachwuchscoach als gutes Zeichen, sind etliche Weggefährten immer noch in Bern angestellt.

«Das war eine Wahnsinns­geschichte.  So etwas ist beim FC Basel nicht vorstellbar.»Thomas Häberli über die Causa   Siegenthaler bei YB

«Auch bei YB gibt es in vielen Bereichen Kontinuität», sagt Häberli. Die Turbulenzen im Herbst, als Sportchef Fredy Bickel und CEO Alain Kappeler abgesetzt worden waren und Urs Siegenthaler für wenige Tage als neuer starker Mann im Klub galt, irritierten aber auch ihn. «Das war eine Wahnsinnsgeschichte. So etwas ist bei Basel nicht vorstellbar.»

Die Causa habe jedoch auch Gutes gebracht. Häberli meint die Ernennung von Christoph Sypcher zum Sportchef. «Sie hat mich enorm gefreut.» Den 39-Jährige, der zuvor ebenfalls Talentmanager war, bezeichnet er als eine «super Wahl». Häberlis Verbundenheit mit YB ist unüberhörbar.

Tanz auf vielen Hochzeiten

2013 verliess Thomas Häberli die Young Boys. In den vier Jahren zuvor war er mal Assistent im Fanionteam, mal Nachwuchscoach. Beim FCB übernahm er die U-21, wurde 2015 nach enttäuschenden Resultaten abgesetzt und zum Talentmanager ernannt.

Seine Tätigkeit nennt er einen «coolen» Job. Er betreut die rund 20 hoffnungsvollsten Talente des Klubs. Besucht sie, falls sie an andere Vereine ausgeliehen sind, steht in Kontakt mit Schulen und dem Schweizer Fussballverband, Lehrmeistern und Coachs.

Häberli ist zudem Teil des Trainerstabs von Urs Fischer. Er war in der Champions League dabei, hilft in den Trainingslagern mit. «Ich tanze auf vielen Hochzeiten. Das macht den Job hochinteressant. Momentan ist es perfekt, so, wie es ist», sagt er. Seine Wortwahl verrät jedoch: Er will mehr.

«Irgendwann greife ich an», sagt Thomas Häberli. Er möchte als Trainer zurück auf die grosse Bühne, von der er 2009 mit einem letzten Knall abgetreten war.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt