Sturm und Drang

Kasim Nuhu zählt in dieser Saison zu den Eckpfeilern der Young Boys. Der 22-jährige Innenverteidiger hat grosses Potenzial. Zuweilen verliert er aber den Kopf.

Schussgewaltiger Verteidiger: Kasim Nuhu zieht es während einer Partie nach vorne.

Schussgewaltiger Verteidiger: Kasim Nuhu zieht es während einer Partie nach vorne.

(Bild: Christian Pfander)

Dominic Wuillemin

Es gibt Momente, da überrascht Kasim Nuhu seinen Trainer Adi Hütter immer noch: Wie letzten Sonntag, als der Innenverteidiger in der Startphase der Partie gegen Lausanne den Ball an der Mittellinie übernahm, losstürmte, ei­nen Gegner aussteigen liess und aus dreissig Metern abzog.

Der anschliessende Corner führte zum 1:0 für die Young Boys, es war der Anfang vom Ende für die Westschweizer. «Ich hätte ihm einen solchen Schuss nicht zugetraut», sagt Hütter und schmunzelt. Der Trainer meint das nicht negativ, er hält viel von Nuhu, den er sowohl als physisch wie spielerisch stark bezeichnet.«Er hat gewisse Fähigkeiten, die bei uns auf dieser Position keiner hat», sagt der Österreicher. «Er ist ein spezieller Spieler.»

Bei Nuhu ist nicht die Frage, ob er genügend Werkzeuge dazu hat, Grosses zu schaffen. Sondern, ob er lernt, sie richtig einzusetzen.

Das Veto des Vaters

Kasim Nuhu sitzt am Dienstagnachmittag in den Katakomben des Stade de Suisse. Er ist eine imposante Erscheinung, 190 Zentimeter lang, 86 Kilogramm schwer. Ein Kraftprotz, mit sanfter Stimme. Nuhu erzählt von seiner Kindheit in Ghana. Schwierig sei diese gewesen, meint der gläubige 22-Jährige gleich zu Beginn und holt aus. Aufgewachsen ist Nuhu mit drei Schwestern und einem älteren Bruder in Kumasi, einer Provinzhauptstadt rund 200 Kilometer entfernt von Accra. Nuhu hätte gerne Fussball gespielt wie sein Bruder, der heute in der höchsten ghanaischen Liga unter Vertrag steht.

Der Vater meinte aber, ein Sohn, der dem Ball nachjage, genüge. Kasim, der Jüngere, solle sich gefälligst auf die Schule konzentrieren. So vergingen die Jahre, in denen Nuhu nur zum Spass spielte, auf der Strasse, mit Freunden. Er war schon sechzehn, als er entdeckt und an ein Team in einer anderen Stadt vermittelte wurde. Nuhus Vater wusste nichts davon.

In einem ­Alter, in dem die YB-Junioren schon mühelos zwischen Spielsystemen hin und her wechseln, absolvierte Nuhu zum ersten Mal im Leben ein Fussballtraining. Es ist eine Erklärung für seine Spielweise, der etwas Anarchisches, Stürmisches, Unkontrolliertes, Überraschendes anhaftet. «Manchmal», sagt Nuhu, «vergesse ich, dass ich Verteidiger bin.» Er lacht.

Der Schicksalsschlag

Einmal im Training, stieg Kasim Nuhu rasch zu einem umworbenen Spieler auf, bald folgte ein Aufgebot für das Nachwuchsnationalteam. Als er mit der U-20 Ghanas an einem Juniorenturnier weilte, sah der Vater zufällig den Namen seines Sohnes in der Mannschaftsliste stehen. Da erst erfuhr er, was der Sohn treibt. «Er wusste, er kann mich nicht aufhalten. Zumal ich die Schule abgeschlossen hatte», sagt Nuhu. Längst haben sich Vater und Sohn vertragen, vor drei Jahren galt es den Tod der Mutter zu verkraften. Wenn immer möglich verfolgt die Familie in Ghana die YB-Partien im Internet. Mit ihr tauscht er sich täglich aus.

Nuhu kann viel Gutes berichten. Der kräftige und schnelle Abwehrspieler erlebt derzeit mit die beste Phase seiner Karriere, in dieser Saison hat er jede Minute bestritten. Nuhu, der Englisch und Spanisch spricht, fühlt sich im Team bestens aufgehoben, mit Guillaume Hoarau, Djibril Sow oder Kevin Mbabu trifft er sich auch abseits des Platzes. «Es gefällt mir gut in Bern. Ich bin glücklich hier», sagt er. Der Anfang bei YB aber war schwer.

Als Kasim Nuhu vor einem Jahr leihweise von Mallorca aus der zweiten spanischen Liga nach Bern kam, sorgte das für Kopfschütteln. Im Kader befanden sich bereits fünf Innenverteidiger, es fehlte wegen Verletzungen aber an Offensivkräften. Es hiess, Nuhu sei auf Geheiss des Verwaltungsrates Urs Siegenthaler verpflichtet worden, der kurz darauf gehen musste. Es waren unruhige Zeiten in Bern, Nuhu befand sich mittendrin.

Doch er liess sich nicht beirren, er drängte sich im Training auf. Und als seine Chance Ende September in der Europa League bei Astana kam, nutzte er sie mit einem überzeugenden Debüt. Er bestritt bis zum Saison­ende 24 Partien, im Sommer übernahm ihn YB definitiv von Mallorca. Hütter findet, Nuhu zeichne ein grosses Selbstvertrauen aus. «Er nimmt auch unter Druck den Ball mit der Brust an, sucht eine spielerische Lösung.» Zuweilen verliere Nuhu aber die Konzentration, sagt Hütter. «Daran muss er arbeiten, dann kann er es sehr weit bringen.»

Der Einfluss des Captains

Wenn man Kasim Nuhu auf seine Entwicklung anspricht, erwähnt er bald einmal Steve von Bergen, Captain und Partner im Abwehrzentrum. «Steve ist einfach eine tolle Person», sagt Nuhu. «Während des Spiels redet er die ganze Zeit mit mir, er korrigiert, dirigiert, motiviert. Ich kann sehr viel von ihm lernen, auf wie neben dem Platz.» Kasim Nuhus Spiel ist nicht mehr so wild wie zur Anfangszeit in Bern. Nach vorne zieht es ihn aber immer noch ab und zu, so wie letzten Sonntag gegen Lausanne. Nuhu sagt: «So bin ich eben.»

Liveticker vom Derby heute ab 20 Uhr auf www.bernerzeitung.ch

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt