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Soll das WM-Teilnehmerfeld auf 48 Nationen aufgestockt werden?

Die beiden Sportredaktoren Dominic Wuillemin und Fabian Ruch sind nicht einer Meinung, was die Pläne der Fifa betreffen. Eine Pro und Contra Gegenüberstellung.

Kleine Exoten wie die Mannschaft von Island waren Publikumslieblinge an der EM im letzten Jahr.
Kleine Exoten wie die Mannschaft von Island waren Publikumslieblinge an der EM im letzten Jahr.
Keystone

Contra: Immer mehr, bis zum Gehtnichtmehr

Eine Frage: An wie viele Partien der letztjährigen EM in Frankreich können Sie sich erinnern?Eine? Zwei? Sogar drei? Keine Bange: Sie ­leiden nicht an Gedächtnisschwund. An die allermeisten der 51 Spiele lohnt es sich schlicht nicht, zurückzudenken.

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Teilnehmerzahl wurde im Vorfeld von 16 auf 24 aufgestockt. Statt am schönen mitreissenden Fussball erfreuten sich viele Zuschauer an feierwütigen Fans der Fussballzwerge wie Island. Doch wenn die Konsequenz daraus ein Achtelfinal auf tiefen Super-League-Niveau zwischen Nordirland und Wales ist, läuft etwas falsch. Mehr Teilnehmer, weniger Unterhaltung. Das kann nicht im Sinne des Fussballs sein.

Es wird noch schlimmer: Anfang nächster Woche diskutiert die Fifa in Zürich, ob die WM von 32 auf 48 Mannschaften vergrössert werden soll. Nichts ist den profitorientierten, machtbewussten, ja zuweilen geldgierigen Funktionären heilig.Nicht mal der wichtigste und populärste Anlass weltweit. Carlo Ancelotti, Bayern Münchens italienischer Trainer, der als früherer Arbeitnehmer bei Chelsea und Paris Saint-Germain nicht im Verdacht steht, die Kommerzialisierung des Fussballs per se zu verteufeln, meinte kürzlich in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung»: «Die wirtschaftlichen Interessen beeinträchtigen schon jetzt die Qualität, weil wir eben immer öfter auf den Platz müssen.» Und als Nächstes wird wohl die Klub-WM von 7 auf 32 Teams aufgeblasen. Die Devise lautet: mehr, mehr, mehr! Bis zum Gehtnichtmehr.

Die Befürworter wie Fifa-Präsident Gianni Infantino begründen, dass 48 Länder nur knapp ein Viertel der Fifa-Mitglieder darstelle. Und, dass es für die Entwicklung des Fussballs in einem Land nichts Besseres gebe als eine WM-Teilnahme. Es ist auf den ersten Blick ein nachvollziehbares Argument. Doch wer beispielsweise schon einmal in Trinidad und Tobago war, der weiss: Eine erfolgreiche Qualifikation wie 2006 bringt keinen nachhaltigen Nutzen. Die Wirkung verpufft bereits nach Monaten. Oder anders formuliert: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.

Infantino sagt auch, die meisten Mitgliedsverbände würden die WM-Aufstockung begrüssen. Natürlich: Es lockt die erste Teilnahme. Das bedeutet nicht, dass der Entscheid richtig wäre. Eine Abstimmung über die Aufhebung der Steuern hätte vielerorts auch gute Chancen.

Dominic Wuillemin Sportredaktor
Dominic Wuillemin Sportredaktor

Pro: Das Fussballfest dauert noch länger

Die Erweiterung der Fussball-WM auf 48 Nationen wird kommen. Und das ist sehr gut so. Bei weit über 200 Auswahlteams weltweit wird das Niveau an der Weltmeisterschaft auch mit mehr Mannschaften kaum schlechter sein. Natürlich bot die Euro 2016 mit 24 statt 16 Teams spielerisch grösstenteils Magerkost. Aber das lag keineswegs an den kleinen Mannschaften, die von der Aufstockung profitiert hatten. Ganz im Gegenteil. Island, Nordirland und Wales profilierten sich als Farbtupfer, getragen von einer teilweise absurden Begeisterung der Beobachter über die frechen Exoten.

Und schwächer waren die Underdogs erst recht nicht. Island schlug England, Wales erreichte den Halbfinal, Europameister wurde mit Portugal kein Gigant. Das Niveau der Nationalmannschaften hat sich deutlich angeglichen, was auch daran liegt, dass die Auswahlen kaum gemeinsam trainieren können. Die Leistungsdichte ist enorm, was auch ein grosser Unterschied ist beispielsweise zum Eishockey, das in vielleicht 10 Nationen ernsthaft betrieben wird. Trifft dort Dänemark auf Russland, steht der Sieger schon fest. Fussball dagegen ist ein Weltsport, afrikanische und asiatische und südamerikanische Aussenseiter haben taktisch, technisch und konditionell aufgeholt.An der letzten WM etwa schlug der spätere Titelhalter Deutschland in der Vorrunde Ghana nicht (2:2) – und bezwang Algerien im Achtelfinal mit Mühe und Not nach Verlängerung.

Es ist deshalb Zeit, den grössten, beliebtesten, interessantesten Sportanlass der Welt noch einmal aufzuwerten. Eine Verwässerung ist nicht zu befürchten, Europa würde wohl rund 20 der 48 Nationen stellen – weniger als an der EM zuletzt. Das globale Fussballfest kann von der Ausdehnung des Teilnehmerfeldes ohnehin nur profitieren, weil das Turnier ein paar Tage länger dauern würde – mit mehr Spielen, mehr Spektakel, mehr Stars. Und die viel beschworene Übersättigung (die sowieso kaum eintrifft) im Fussball wird nicht durch vielleicht zwei Dutzend mehr WM-Partien alle vier Jahre eintreffen.

Weil die Fussball-Weltmeisterschaft eben nicht jede Saison ausgetragen wird,ist eine Vergrösserung absolut vertretbar. Zumal alle Anspruchsgruppen auch wirtschaftlich enorm davon profitieren werden. Die Einnahmen steigern sich noch einmal gewaltig, und die Fifa wird den Grossteil der Erträge an die Nationenverbände sowie die Klubs abtreten.

Fabian Ruch Sportredaktor
Fabian Ruch Sportredaktor

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