«So wird die Super League lächerlich gemacht»

Uli Forte spricht vor dem Cupfinal am Sonntag zwischen YB und Zürich über seine Zeit bei den Young Boys und seinen Rauswurf beim FCZ vor drei Monaten. Der 44-Jährige sagt, warum ihn die Entwicklung im Fussball stört.

Würde im Cupfinal gerne an der Linie stehen: Uli Forte, einst auch Trainer bei YB, wurde beim FCZ im Februar entlassen. Er gewann den Cup zweimal (2013 mit GC, 2016 mit Zürich).

Würde im Cupfinal gerne an der Linie stehen: Uli Forte, einst auch Trainer bei YB, wurde beim FCZ im Februar entlassen. Er gewann den Cup zweimal (2013 mit GC, 2016 mit Zürich).

(Bild: Andrei Pungovschi (AFP))

Fabian Ruch

Nach Ihrer ersten Entlassung in St. Gallen sprachen Sie vor ein paar Jahren von Existenzängsten. Haben Sie als etablierter Trainer und nach Engagements bei GC, YB und Zürich immer noch solche Bedenken?Uli Forte:Nein, ich habe keine Existenzsorgen, weil ich ja auch etwas anderes arbeiten könnte, wenn ich keine Trainerstelle mehr finden würde. Es ist eher die Ungewissheit, ob es noch Platz im Business hat, die uns Trainer auf Jobsuche befällt. Es gibt nun mal deutlich zu wenig Stellen.

Ihr Vorgänger bei YB arbeitet mittlerweile als Autoverkäufer . . .. . . es gibt viele Trainer, die keine Anstellung mehr gefunden haben. Das ist brutal, klar, aber man muss das immer in Relation zum Arbeitsmarkt sehen. Es gibt auch in anderen Berufen Arbeitslose.

Sie sind erst 44 Jahre alt undhaben bereits bei vier Super-League-Vereinen gearbeitet, durchaus mit Erfolg. In St. Gallen lief es lange gut, mit GC und dem FCZ gewannen Sie den Pokal, YB führten Sie nahe an die Spitze. Wie sehen Sie Ihre Perspektive?Ich bin ein emotionaler Mensch, und es tut mir jeweils sehr gut, in Ruhe den Akku wieder aufladen zu können. Ich habe keinen Stress, werde nach der Sommerpause bei grossen Vereinen hos­pitieren gehen, wie ich das schon früher gemacht habe. Und dann werde ich irgendwann wieder einen Club trainieren.

Man hört davon, dass Sie mit Absteiger Lausanne in Gesprächen stehen würden.Es gibt viele Gerüchte. Ich bin ­offen für alles, würde auch zu einem ambitionierten Verein in der Challenge League gehen. Das tat ich beim FCZ ja ebenfalls. Für mich ist entscheidend, dass ein Club ein seriöses Projekt verfolgt.

Zum FC Sion würden Sie also auch bei einer sehr reizvollenOfferte nicht gehen?Niemals, nein, das würde ich mir nicht antun, selbst wenn Präsident Christian Constantin sehr gute Löhne zahlen soll und es da viele starke Spieler hat. Ich hätte bereits nach kurzer Zeit Krach mit Constantin, weil ich es nie dulden würde, dass ein Präsident in die Trainerarbeit eingreift.

Worauf führen Sie die unfass­bare Trainerentlassungswelle in der Super League zurück?Einige Vereine sind nicht professionell geführt, das schadet unserem Fussball, die Trainer sind ramponiert. Menschen aus dem Ausland fragen mich, was da eigentlich los sei in der Alpenliga. So wird die Super League lächerlich gemacht. Zum Glück wechselt YB-Trainer Adi Hütter nun in die Bundesliga zu Eintracht Frankfurt, das ist beste Werbung. In der Schweiz reden viele Leute mit, die mehr als Fans handeln.

Zum Beispiel beim FCZ mit dem Ehepaar Heliane und AncilloCanepa an der Clubspitze?Das habe ich nicht gesagt.

Es gibt einige Geschichten über die Einflussnahme der Canepas. Sie wurden Ende Februar beim FC Zürich entlassen, obwohl Sie als Aufsteiger auf Rang 3 und im Cuphalbfinal standen. Wie erlebten Sie Ihren Rauswurf?Ich war zuerst mal total ratlos und bitter enttäuscht. Ich sagte dem Ehepaar Canepa und Sportchef Thomas Bickel, dass das doch nur ein Witz sein könne. Meine erste Reaktion war: «Das darf ja wohl nicht wahr sein?»

Wie lief Ihre Entlassung ab?Wir hatten eine Sitzung der Sportkommission, da fehlten zwar ein paar Leute, als ich den Raum betrat, aber das hatte nichts zu bedeuten. Dann erklärten mir die Canepas, dass ich nicht mehr Trainer sei. Das Ganze dauerte zehn Minuten.

Aber es muss in den Tagen und Wochen zuvor doch irgendetwas darauf hingewiesen haben.Überhaupt nicht. Ich bekam zu hören, dass wir zwar immer noch Dritter seien, die Entwicklung aber schlecht sei und es an Spektakel fehle. Ich fragte dann, ob man in der Clubspitze das Gefühl habe, als Aufsteiger YB und Basel angreifen zu können.

Wie haben die Spieler auf Ihre Entlassung reagiert?Viele schrieben mir und sagten, sie würden das nicht verstehen. Aber wissen Sie was, das ist vorbei, es bringt nichts mehr. Das war eine lehrreiche Erfahrung für mich. Es tut mir einfach sehr, sehr weh, weil die sportlichen Leistungen stimmten. Und ich habe in meiner Karriere gelernt, dass man einen Trainer aufgrund der Ergebnisse beurteilt. Wir stiegen auf, waren auf Rang 3, erreichten den Cuphalbfinal. Das ist doch verrückt, nicht?

Es ist von aussen betrachtet aus sportlichen Gründen zumindest schwierig nachvollziehbar. Vielleicht traute man Ihnen die Weiterentwicklung der Talente nicht mehr zu. Sie gelten als Motivator. Steckt man als Trainerirgendwann in einer Schublade?Ich habe auch viele junge Spieler eingesetzt, aber nur mit 19-Jährigen geht es nicht, es braucht eine gute Mischung. Es gab keine Probleme mit dem Team, absolut nicht. Einen Trainer nach wenigen Runden in der Rückrunde mitten in der Saison zu entlassen, macht zudem wenig Sinn, wenn man nicht in einer Krise steckt.

Was würden Sie im Nachhinein anders machen?Ich würde mich noch stärker wehren. Es gab einige Situationen, in denen man mir Dinge versprochen hatte, die dann nicht eingetroffen sind. Nur ein Beispiel: Stürmer Moussa Koné wurde im Januar nach Dresden verkauft, obwohl das anders abgemacht gewesen war.

Die Canepas engagieren sich sehr für den FC Zürich.Ja, sie sind der FCZ. Mit allen Vor- und Nachteilen.

Der FCZ ist unter Ihrem Nachfolger Ludovic Magnin abgestürzt . . .. . . Ludo hat einige Junge mehr als ich gebracht, aber in 14 Partien wurden nur 17 Punkte geholt. Hätten wir vorher nicht so viele Punkte gesammelt, wäre der FCZ in Abstiegsnot geraten. Und so wahnsinnig spektakulär sah ich den FC Zürich nach meiner Entlassung auch nicht.

Der FC Zürich ist am Sonntagim Cupfinal gegen YB klarer Aussenseiter, das Team istdeutlich schwächer besetzt.Das macht es ja gerade interessant. Und in einem Final ist vieles möglich, das ist eine 50:50-Partie. Bis vor zwei, drei Wochen sagte ich auch, dass YB der klare Favorit ist, zumal das Spiel auf Kunstrasen stattfindet. Das ist natürlich ein grosser Vorteil für YB. Heute sehe ich das anders.

Warum?Bei YB hat man in den letzten Wochen sehr viel gefeiert. Es gab den grossartigen Sieg gegen Luzern, die Übergabe des Meisterpokals, nun den Umzug. Das ist alles ­verständlich und auch wunderschön. Aber es ist nicht einfach, den Schalter wieder umlegen zu können. Und diese Bilder hat man auch in Zürich gesehen. Der FCZ ist heiss, und wenn YB den Partymodus nicht ablegen kann, gibt es am Sonntag im Stade de Suisse eine Überraschung.

Zumal viele YB-Spieler mit einem Transfer ins Ausland liebäugeln.Der Cupfinal ist eine grosse Bühne, auf der sich diese Spieler präsentieren können. Aber auch diese Konstellation ist nicht einfach. Und die Ausgangslage könnte für den FCZ ja noch besser sein.

Inwiefern?Rang 3 wäre in dieser Saison sehr gut möglich gewesen, zumal hinter YB und Basel kein anderes Team konstant spielte. Und als Dritter wäre Zürich bereits fix in der Europa League und könnte mit mehreren Millionen Franken Einnahmen planen. Das wurde verspielt, nun muss der FCZ am Sonntag gewinnen, um sicher in der Gruppenphase zu stehen. Das erhöht den Druck.

Wie sehr freuen Sie sich eigentlich über den Titel der Young Boys, bei denen Sie über zwei Jahre bis August 2015 arbeiteten?Ich freue mich sehr, es ist eine schöne Geschichte, der Titel ist absolut verdient. Ich habe gute Erinnerungen an die Zeit bei YB. Das ist in jeder Beziehung ein grösserer Apparat als der FCZ, nicht nur wegen des Stadions.

Sie übernahmen YB 2013 nach Rang 7, wurden in der ersten Saison Dritter, dann Zweiter, ehe Sie nach einem Fehlstart in die Saison 2015/16 gehen mussten.Es waren erst wenige Wochen gespielt, als ich entlassen wurde. Leider erhielt ich keine Gelegenheit, auf den mässigen Start reagieren zu können. Ich wurde nach dem Ausscheiden gegen Monaco in der Champions-League-Qualifikation entlassen, das war damals ein europäisches Topteam. Zudem betrug unser Rückstand in meiner letzten Saison 12 Punkte auf Basel, danach waren es 14 sowie 17 Punkte. Man verlor nicht die Nerven und setzte auf Kontinuität, nun hat es für YB endlich mit einem Titel geklappt.

Fühlen Sie sich auch ein wenig am Meistertitel beteiligt?Nein, das wäre übertrieben. Aber es sind einige Spieler wie Steve von Bergen, Sékou Sanogo, Loris Benito und Guillaume Hoarau dabei, die zu meiner Zeit geholt wurden. Das freut mich ganz besonders. Unsere Aufbauarbeit wurde fantastisch fortgesetzt und vollendet. Zudem wird der Trainer in Bern ausgezeichnet unterstützt.

Wie meinen Sie das?Ich stelle fest, dass bei YB heute eine absolute Einheit am Werk ist, die entscheidenden Leute vertrauen sich, man lässt den Trainer in Ruhe arbeiten. Sportchef Christoph Spycher ist ein sensationeller Leader, das überrascht mich nicht. Er war in Bern damals bereits als Spieler und dann als Talentmanager eine faszinierende Persönlichkeit.

Haben Sie noch Kontakt zu den Young Boys?Mit einigen Leuten, ja. Ich sage immer, dass ich in Bern die beste Zeit meines Lebens erlebt habe. Denn dort habe ich meine Ehefrau Caroline kennen gelernt. Sie lebt mit ihren drei Töchtern und mir in der Nähe von Zürich.

Werden Sie am Sonntag imStade de Suisse sein?Nein. Ich werde das Spiel nicht besuchen. Es würde mir weh tun, nicht selber an der Seitenlinie stehen zu können. Das ist für mich das grösste Spiel des Jahres, ich habe einen Cupfinal zweimal mit GC und Zürich erlebt.

Wer gewinnt den Final?Der FCZ ist nicht chancenlos. Wie gesagt: YB muss es gelingen, den Fokus zu 100 Prozent auf das Spiel legen zu können.

Und für wen schlägt Ihr Herz?Ich hänge natürlich noch an den FCZ-Spielern, kenne aber auch viele YB-Fussballer. Und weil meine Frau Bernerin ist, bekomme ich derzeit ziemlich viel von der gewaltigen Euphorie rund um die Young Boys mit. Der Bessere soll am Sonntag gewinnen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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