Showtime für YB

Und immer wieder grüssen die Last-Minute-Experten. YB schlägt St. Gallen dank zwei späten Toren 3:2 und feiert ausgiebig.

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Fabian Ruch

Die Young Boys machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt. Sie schreiben einfach putzmunter weiter an ihrer Erfolgsgeschichte. Und wenn man das Gefühl hat, nun sei nicht mehr viel an Emotionen aus dieser Saison weit entrückt von der Konkurrenz herauszuholen, fügen sie ein weiteres spektakuläres Kapitel an – und verschieben kurzerhand die Grenzen des Vorstellbaren. Am Sonntagnachmittag jedenfalls feiert YB beim 3:2 gegen St. Gallen eine Art Meisterparty im März.

Selbst gestellte Fallen

Das Stade de Suisse ist ausverkauft, vor der Begegnung sonnen sich Tausende Zuschauer hinter dem Stadion bei Bratwurst und Bier, vor den (nicht geöffneten) Kassenhäuschen bilden sich Schlangen, nicht alle Interessenten erhalten Einlass zur Vorführung.

Es lockt mal wieder Showtime mit den Young Boys, die ihren Ruf als Last-Minute-Experten eindrucksvoll bestätigen. Vielleicht ist es ihnen an der Tabellenspitze zu langweilig geworden, jedenfalls geben sie sich alle Mühe, ihre Spiele oft erst über Umwege und dank sehr späten Toren zu gewinnen.

Deshalb wird auch keiner in der gelb-schwarzen Feiergesellschaft nervös, als St. Gallen Mitte der ersten Halbzeit 1:0 in Führung geht ­– und vielleicht höchstens ein bisschen angespannt, als St. Gallen Mitte der zweiten Halbzeit das 2:1 gelingt. Angesichts der Dominanz stellt sich YB offenbar gerne selber ein paar Fallen.

In diesem Programm inbegriffen ist am Sonntag der Versuch, vorerst auf ein ungewöhnliches, weil nicht regelmässig praktiziertes 4-1-2-3-System zu setzen. Lange Zeit gelingt YB wenig, aber unmittelbar vor der Pause zaubert sich der Meister beinahe aus dem Nichts zum herrlichen 1:1. Genial ist die Vorarbeit Djibril Sows mit der Hacke, eiskalt der Abschluss von Guillaume Hoarau.

Die aufsässigen, solidarischen St. Galler fordern die Young Boys, sie träumen nach ihrem zweiten Treffer in der 65. Minute vom Coup in Bern. Aber das Drehbuch in dieser YB-Welt ist so vorhersehbar wie jedes Mal wieder atemberaubend.

Der Favorit erhöht also nach dem erneuten Rückstand sukzessive den Druck, nun wieder im gewohnten 4-4-2. Minute für Minute, Angriff nach Angriff, Abschluss um Abschluss. «Wir glauben einfach immer daran, noch zu gewinnen», sagt Linksverteidiger Loris Benito. «Es gibt kein Geheimnis, vielleicht liegt das in unserer DNA.» Und Captain Steve von Bergen meint, das zeichne diese besondere Mannschaft aus. «Es gab keinen Grund, die Nerven zu verlieren, wir hatten ja genügend Zeit.»

Auch Wölfli im Mittelpunkt

Die Schlussphase der Begegnung hält für die zuvor gnadenlos effizienten Gäste nur noch die Statistenrolle bereit. Zuerst trifft Hoarau in der 80. Minute mit einem Handspenalty zum 2:2, später erzielt der Goalgetter in der 90. Minute nach einem flotten Angriff über die rechte Seite das 3:2. Wenn man möchte, könnte man den Young Boys vorwerfen, diesmal zu schnell gewesen zu sein und sich das Siegtor nicht mal für die Nachspielzeit aufgehoben zu haben.

«Für uns ist das bitter, aber wir haben es über weite Strecken gut gemacht», sagt St. Gallens Trainer Peter Zeidler. «YB ist das beste Team des Landes und hat eine sehr hohe Qualität.»

Zeidlers Nachmittag verläuft anstrengend, er leidet an der Linie mit, pusht seine Fussballer, ballt die Fäuste nach gewonnenen Zweikämpfen, schreit und gestikuliert und flucht. Nach dem 2:2 regt er sich fürchterlich auf, einerseits über den Elfmeterpfiff, andererseits und vor allem aber, weil er spürt, dass sein Team nun die speziellen Gesetze in dieser YB-Saison mit voller Wucht treffen wird.

«Es gibt halt diese Regel beim Handspiel», sagt Zeidler. «Wir müssen ernsthaft trainieren, wie man die Hände effektiv am Körper in nicht vorhandenen Hosensäcken verstecken kann.» Der Deutsche wird nach seinem Wutausbruch auf die Tribüne verwiesen, die ja ausverkauft ist, erhält aber einen Sitzplatz gleich hinter der St. Galler Bank. Von dort sieht er inmitten der glückseligen YB-Familie, wie sich der Meister ins Delirium schiesst.

Mannschaft und Fans der Young Boys zelebrieren den 22. Sieg im 26. Saisonspiel minutenlang. Und zu dieser vorgezogenen Titelparty gehört, dass Marco Wölfli ein Protagonist ist.

Zur Pause muss Stammgoalie David von Ballmoos angeschlagen mit Oberschenkelbeschwerden ausgewechselt werden, und Wölfli, der alte Meisterheld 2018, bestreitet die zweite Halbzeit nahezu beschäftigungslos. Er sei ganz ruhig gewesen, sagt der 36-Jährige, schliesslich sei das nicht sein erstes Spiel gewesen. «Und ich weiss ja auch, dass wir immer irgendwie noch gewinnen.»

Deshalb wird YB irgendwann im April als Champion 2019 feststehen. Weil Basel auch solid unterwegs ist, wohl noch nicht am nächsten Sonntag nach dem Heimspiel gegen Thun. Irgendein Fest wird es aber bestimmt auch nach dem Derby zu feiern geben.

Berner Zeitung

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