Die Schweiz schafft den Befreiungsschlag

Nach dem 2:0-Sieg über Irland bringen zwei Siege in den letzten Spielen die sichere EM-Teilnahme.

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Fabian Ruch

Die 84. Minute bricht an und damit jene Phase, in der die Schweiz 2019 so viele Tore erhalten und gleich vier Spiele aus der Hand gegeben hat. 1:0 führt sie gegen Irland, drei Punkte sind Pflicht, um aus eigener Kraft die Euro erreichen zu können. Längst könnte es 2:0 oder 3:0 stehen, die Iren spielen nach dem Platzverweis gegen Seamus Coleman zudem in personeller Unterzahl.

Wenig spricht gegen einen Heimsieg, wäre nicht diese besorgniserregende Last-Minute-Bilanz der Schweizer. Irland erhält einen letzten Eckball, es läuft die 90. Minute, doch diesmal übersteht die Schweiz die Endphase, sie erzielt mit der letzten Aktion sogar noch das 2:0 durch Edimilson Fernandes. Es ist der Schlusspunkt eines nervenaufreibenden Abends.

Die endgültige Entscheidung: Edimilson Fernandes trifft zum 2:0. (Quelle: SRF)

Seferovic trifft präzis

Die Schweiz ist sofort im Spiel, sie ist engagiert, dominant, mutig. Sie beginnt mit der gleichen Formation wie beim 0:1 drei Tage zuvor in Dänemark. Und sie kombiniert zuweilen ansehnlich, obwohl der Rasenzustand in Genf miserabel ist. Bald schon aber bestätigt sich, was man hätte vermuten können. Flanken sind gegen Irland nicht das allerbeste Stilmittel, und doch probieren es die Schweizer immer wieder. Aus dem Halbfeld und von der Grundlinie, von rechts und von links, manchmal flach und meistens hoch, die irischen Defensivspieler bestreiten erfolgreich ein intensives Kopfballtraining. Gefährlich wird es immer dann, wenn es dem Favoriten gelingt, die klare spielerische Überlegenheit auszuspielen.

Die frühe Führung: Seferovic trifft in der 16. Minute zum 1:0. (Quelle: SRF)

Beispielsweise in der 6. Minute, als Granit Xhaka mit einem wuchtigen Schuss an Torhüter Darren Randolph scheitert. Oder nach etwas mehr als einer Viertelstunde und einem Vorstoss von Manuel Akanji. Der Innenverteidiger setzt nach missratenem Zuspiel energisch nach, Admir Mehmedi leitet blitzschnell weiter zu Haris Seferovic, und dieser erhält nicht viel, aber genügend Zeit, um sich den Ball an der Strafraumgrenze zurechtzulegen. Seferovic ist an diesem Abend in Genf jener Torjäger, den die Nationalmannschaft benötigt. Er trifft präzis und flach mit links in die rechte Torecke.

Der Jubel nach der frühen Führung hat etwas Erlösendes, zu spüren ist in diesem Moment der riesengrosse Druck, der auf den Schweizern lastet. Sie bleiben das bessere und aktivere Team, versuchen es oft mit Weitschüssen, weil die Iren ihren umfangreichen Sicherheitsdienst rund um den Strafraum vorerst nicht aufgeben. Die Gäste präsentieren sich, wie erwartet, als leidenschaftlich und rustikal, sie sind aber, keineswegs unerwartet, in ihren Offensivbemühungen äusserst bieder. Man kann sich eigentlich nur vorstellen, dass sie nach einer Standardsituation mit einem Kopfball treffen.

Unterhaltsame zweite Halbzeit

Deshalb sind die Schweizer zur Pause trotz ordentlicher Leistung gut beraten, das 2:0 anzustreben. Zumal das stilsichere Verwalten von Führungen nicht zu ihren Kernkompetenzen gehört.

Noch aber ist die Schlussphase weit weg. Die Begegnung ist in der zweiten Halbzeit animierter und chancenreicher, weil auch die Iren nun regelmässiger ernsthafte Anstrengungen unternehmen, die eigene Platzhälfte zu verlassen. Die zwei besten Gelegenheiten, das 2:0 zu erzielen, erhält die Schweiz erstaunlicherweise nach Eckbällen und durch Kopfbälle. Seferovic scheitert an Randolph, Fabian Schär kurz darauf am Aussenpfosten.

Fehlschuss von Rodriguez

Und so bleibt es eng und intensiv und vor allem spannend, es ist längst ein hartes Ringen geworden um jeden Meter, ein Abnützungskampf, den die Schweizer annehmen. Goalie Yann Sommer ist sicher, aber selten gefordert, die Abwehr solid und robust, Denis Zakaria und Breel Embolo stehen mit ihrer Physis für die aufopferungsvolle Seite der Schweizer, mit teilweise komplizierten Entscheidungen aber auch für die oft fehlende Handlungsschnelligkeit. Torschütze Seferovic ganz vorne ist fleissig wie gewohnt. Auf den Seiten schliesslich ist Stephan Lichtsteiner druckvoller und auffälliger als Ricardo Rodriguez.

Aber es ist Rodriguez, dem sich eine Viertelstunde vor Spielende die grosse Chance bietet, die Nerven zu beruhigen. Er darf zum Handelfmeter antreten, den Coleman verschuldet hat. Rodriguez jedoch scheitert, Randolph lenkt den Ball an den Pfosten. Am Samstag gegen die Dänen war ein Schuss von Rodriguez nach einer starken Parade Kasper Schmeichels an die Lattenoberkante geflogen. Auch deshalb liegt in den letzten Minuten ein Hauch von Drama über dem Stade de Genève.

Die verpasste Entscheidung: Rodriguez verschiesst den Penalty. (Quelle: SRF)

Am Ende aber feiern die Schweizer. Ihre Route an die Euro 2020 ist nach dem gestrigen Kraftakt ziemlich angenehm. Mit Siegen im November gegen die Aussenseiter Georgien in St. Gallen und Gibraltar auswärts sind sie sicher dabei.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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