Schon wieder zwei Punkte verschenkt

Die Schweizer sind nicht fähig, ein schwaches Irland in Schach zu halten, und verspielen ihren Vorsprung in den letzten Minuten.

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Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Die Schweizer haben nur ein Ziel: sich für die EM 2020 zu qualifizieren. Das ist ihr Anspruch, der über die Jahre gewachsen ist. In Georgien erfüllten sie zum Auftakt des Programms im März die Pflicht, gegen Dänemark verspielten sie ein 3:0, und gestern in Dublin schaffen sie die Korrektur nicht: Sie müssen sich gegen Irland mit einem 1:1 begnügen.

Sechs Punkte bleiben sie damit hinter Irland. Noch ist für sie nichts weiter verloren, weil sie zwei Spiele weniger bestritten haben als ihr gestriger Gegner. Trotzdem zeigt sich, dass die Qualifikation kein Selbstläufer ist. In Dublin haben die Schweizer zwei Punkte verloren. Am Sonntag gibt es für sie kein Wenn und Aber: Da müssen sie gegen Gibraltar überzeugend gewinnen, jenes Gibraltar, das am Donnerstag daheim gegen Dänemark 0:6 verlor.

Der Ausgleich: McGoldrick macht den Schweizer Sieg mit seinem Tor zunichte. (Video: SRF)

Vor dem Spiel in Dublin waren die Worte noch gross gewesen. Zum Beispiel von Granit Xhaka: «Wir sind spielerisch besser.» Oder von Vladimir Petkovic: «Wir wollen die drei Punkte.» Und nochmals vom Coach: «Wir haben einen Spielstil, bei dem wir nicht von einem Spieler abhängig sind.»

Sechs Minuten vor Spielbeginn meldet Xherdan Shaqiri auf Twitter: «Good luck boys», viel Glück, Kollegen. Shaqiri ist einer von zwei grossen Abwesenden bei der Schweiz an diesem Abend, er mag sich nicht im Kreis der Nationalmannschaft aus seinem persönlichen Tief arbeiten. Der andere ist Stephan Lichtsteiner. Seit dreieinhalb Jahren ist er der Captain, an dieser Rolle rüttelt Petkovic nicht, auch wenn er immer wieder wenig überzeugende Erklärungen findet, ihn nicht aufzubieten.

Was für ein Niveau!

Statt Lichtsteiner darf Mbabu auflaufen, beim VfL Wolfsburg bislang ohne eine einzige gespielte Minute. Statt Shaqiri findet sich durch Umbesetzungen und Verschiebungen ein Platz für Elvedi. Beide, Lichtsteiner mit seinen 105 und Shaqiri mit seinen 82 Länderspielen, fehlen spürbar. Es fehlt das Temperament von Lichtsteiner und die Unberechenbarkeit von Shaqiri.

Wer nicht gerade Ire oder Schweizer ist, muss sich dann fragen, was die beiden Mannschaften auf dem tiefgrünen Rasen des Aviva Stadiums gerade so treiben. Das Spiel ist von spielerisch erschreckender Qualität. Das färbt ab auf die Stimmung. «Scharf und heiss», wie sie Petkovic am Vortag erwartete, wird sie erst gegen Ende.

Viele Plätze bleiben leer, weil der irische Fan das seit Jahren zweifelhafte finanzielle Gebaren der FAI, des nationalen Verbandes, nicht goutiert.

Nach einer Viertelstunde muss Mbabu eingreifen, um McClean am Torschuss zu hindern. Es bleibt sein bester Moment überhaupt. Ein paar Minuten später wird ein Schuss von Seferovic ­geblockt, es ist die erste halbwegs erwähnenswerte Szene der Schweizer in der Offensive. Rodriguez kommt am Strafraum frei zum Abschluss. Er, sonst mit einer hervorragenden Schusstechnik ausgestattet, trifft den Ball so schlecht, dass der gleich um mehrere Meter am Tor vorbeifliegt.

Da konnte die Schweiz noch jubeln: Fabian Schär trifft in der 74. Minute zum 1:0. (Video: SRF)

So ist das an diesem Abend, an dem es eigentlich um wichtige Punkte in der EM-Qualifikation geht. Für einen Punkt würde er unterschreiben, sagte Irlands Coach Mick McCarthy am Tag zuvor. Ein Punkt wäre ein grosser Lohn für eine Mannschaft, die spielerisch sehr wenig zu bieten hat.

Dabei stehen sieben Spieler auf dem Platz, die in der Premier League engagiert sind. Dass sie allerdings nicht bei Manchester City oder Liverpool unter Vertrag sind, sondern bei Burnley, Everton, Brighton oder Sheffield United, können sie keinen Moment verbergen. Sie bestätigen, dass nicht alles, was aus der Glamourliga kommt, gut ist. Bis zur Pause sind die Iren einmal wirklich gefährlich. Rodriguez verliert den Ball, Schär lässt sich überlaufen. Doch McGoldrick weiss damit nichts anzufangen.

Schärs erstes Tor seit 2016

Nach der Pause sind die Schweizer überlegen, wobei das nicht heisst, dass sie überzeugen. Embolo hat viel Platz, um zu kontern, er bringt es fertig, den Ball dem Gegner in die Füsse zu spielen. Eine Stunde ist dann vorbei, als der gleiche Spieler völlig frei vor dem Tor von Randolph steht. Es ist die bislang mit Abstand beste Möglichkeit für eine der beiden Mannschaften. Embolo aber rutscht weg, als er zum Abschluss ansetzt. Die Szene ist typisch für seinen Auftritt.

Er schönt seine trübe Bilanz in der 74. Minute, als er den entscheidenden Pass zum Führungstor der Schweiz spielt. Es ist ein herrlicher Angriff, endlich einmal, Schär leitet ihn ein, via Xhaka und eben Embolo bekommt er den Ball wieder zugespielt, und im Stil des abgeklärten Torschützen schliesst er die Aktion ab. Sein erstes Tor seit dem 10. Oktober 2016 in Andorra ist das 1:0 für die Schweiz.

Jetzt erst erwachen die Iren, Whelan trifft mit seinem wuchtigen Schuss die Latte. Mbabu verliert den Ball, statt ihn wegzuschlagen, am Ende der Aktion ist es McGoldrick, der Akanji überfordert und per Kopf zum 1:1 trifft. Die Szene hat einen Schönheitsfehler: Hogan steht bei dieser Szene im Offside.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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