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Schiedsrichter sind gnadenloser Kritik ausgesetzt

Noch ist nicht geklärt, warum Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati (41) sich das Leben nehmen wollte. Die Betroffenheit im deutschen Fussball über den Vorfall ist gross.

Babak Rafati ist nicht zum Bundesliga-Spiel Köln gegen Mainz erschienen. Das Spiel wird ...
Babak Rafati ist nicht zum Bundesliga-Spiel Köln gegen Mainz erschienen. Das Spiel wird ...
Keystone
...abgesagt. Kurz vor dem Anpfiff (15.30 Uhr) wird auf Internetseiten bekannt, dass der Unparteiische einen Selbstmordversuch im Hotelzimmer begangen hat und in ein Kölner Spital überführt worden ist. Der Hannoveraner befindet sich zunächst in kritischem Zustand. Mittlerweile geht es Rafati den Umständen entsprechend gut. Er ist nach Hannover überführt worden.
...abgesagt. Kurz vor dem Anpfiff (15.30 Uhr) wird auf Internetseiten bekannt, dass der Unparteiische einen Selbstmordversuch im Hotelzimmer begangen hat und in ein Kölner Spital überführt worden ist. Der Hannoveraner befindet sich zunächst in kritischem Zustand. Mittlerweile geht es Rafati den Umständen entsprechend gut. Er ist nach Hannover überführt worden.
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Auch Bundesliga-Trainer Lucien Favre hatte mit Rafati schon einen Disput. Tatsache ist, dass der Schiedsrichter mehrmals in letzter Zeit öffentlilch an den Pranger gestellt worden ist. Der DFB hat ihm auch keine internationalen Einsätze mehr gegeben. Zudem ist der Bankkaufmann von seinem Arbeitgeber Sparkasse Hannover versetzt worden. In Deutschland ist nun eine Debatte über den Leistungsdruck für die Referees, aber auch über den mangelnden Respekt gegenüber den Unparteiischen entstanden.
Auch Bundesliga-Trainer Lucien Favre hatte mit Rafati schon einen Disput. Tatsache ist, dass der Schiedsrichter mehrmals in letzter Zeit öffentlilch an den Pranger gestellt worden ist. Der DFB hat ihm auch keine internationalen Einsätze mehr gegeben. Zudem ist der Bankkaufmann von seinem Arbeitgeber Sparkasse Hannover versetzt worden. In Deutschland ist nun eine Debatte über den Leistungsdruck für die Referees, aber auch über den mangelnden Respekt gegenüber den Unparteiischen entstanden.
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Der Vorfall ist ein Novum in der fast 49-jährigen Bundesliga-Geschichte. Mit dem Duell 1. FC Köln gegen Mainz 05 vom Samstagnachmittag musste erstmals ein Spiel abgesagt werden, weil der Schiedsrichter nicht rechtzeitig eingetroffen war und in Eile kein anderer Unparteiischer gefunden werden konnte. Später wurde bekannt, dass Babak Rafati, ein erfahrener Referee, mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne seines Hotelzimmers aufgefunden wurde.

Dass die drei Assistenten rasch reagierten, nachdem Rafati nicht zur üblichen Besprechung erschienen war, rettete dem Bankkaufmann das Leben. «Ein grosses Kompliment: Sie haben alle Schritte sofort eingeleitet und kühlen Kopf bewahrt. Da gehört schon etwas dazu, ihn richtig zu stabilisieren, dass er ins Leben zurückkehren kann», erklärte DFB-Präsident Theo Zwanziger. Rafati, am Samstagnachmittag noch im kritischen Zustand, geht es heute den Umständen entsprechend gut und ist in ein Spital nach Hannover verlegt worden.

Die Gründe sind noch unklar

Neben der Betroffenheit über den Suizidversuch des Schiedsrichters herrscht in der deutschen Fussballszene aber nach wie vor Unklarheit über das Motiv. Waren es private oder berufliche Probleme? Oder war es wegen der Ermittlungen in der Steueraffäre rund um die Spielleiter des Deutschen Fussball-Bundes (DFB)? Oder lagen die Gründe doch an der öffentlichen Kritik am Referee sowie die Zurückstufung des DFB, der ihn seit zwei Monaten nicht mehr für internationale Einsätze nominiert hatte? Zwanziger erklärte an einer Medienkonferenz, dass Notizen gefunden worden seien, die natürlich zuerst ausgewertet werden müssten. «Bild online» schreibt von der Tatsache, dass der Hannoveraner in der Sparkasse versetzt wurde und von Alkoholproblemen. Näher begründet wurde dieser Verdacht jedoch nicht.

Auch die Erklärungen des Vaters im «Kölner Express» geben vorderhand noch keine näheren Aufschlüsse. Noch am Samstagmorgen habe sich sein Sohn in einem Telefonat schlecht gefühlt, aber nicht von Suizid oder Burnout gesprochen, erzählte Djalal Rafati.«Ich habe ihm geraten, das Spiel abzusagen.» Nach dem gescheiterten Selbstmordversuch hatte er mit seinem Sohn nochmals Kontakt. «Er hat die ganze Zeit am Telefon geweint: ‹Papa, verzeih mir, was ich getan habe›.» Vater Rafati fügte hinzu: «Ich werde meinen Sohn erst fragen, warum er das getan hat, wenn ich ihn wieder in die Arme nehmen kann.»

Leistungsdruck und gnadenlose Kritik

Anzeichen deuten darauf hin, dass der (anstrengende) Zweitjob als Fussball-Schiedsrichter durchaus der Hauptgrund für die verzweifelte Tat von Rafati, der unter seinen Kollegen als lebensfroher Mensch galt, war. Dreimal in Folge landete er beim Fachmagazin «kicker» als schlechtester Referee auf dem ersten Platz. Dazu kam die Zurückstufung auf Ebene des nationalen Verbandes. Die «Rheinische Post» erwähnt nicht ganz zu unrecht, dass die Spielleiter in Deutschland «ausführlich seziert werden», unter anderem im «Aktuellen Sportstudio» des ZDF im Gefäss «Pfiff des Tages». «Viele Schiedsrichter fühlen sich deshalb von ihrem Verband nicht ausreichend geschützt und viel zu oft zu Unrecht an den Pranger der öffentlichen Kritik gestellt.» Dazu gesellen sich auch zeitliche Probleme zwischen Hauptberuf und Hobby – selbst wenn Letzteres mit dem Honorar von 4500 Euro pro Bundesligamatch keineswegs schlecht bezahlt ist.

Schiedsrichter sind teilweise gnadenloser Kritik ausgesetzt – vom eigenen Verband, von Profis, Trainern, Managern, Fans und den Medien. Er (oder sie) müssen mental stark sein, einen breiten Rücken haben, wie es der Volksmund sagt. Der Stern von Rafati, der offenbar eine glückliche private Beziehung mit einer Freundin hat, befindet sich sportlich gesehen auf dem Sinkflug. Es wird spekuliert, dass der erfahrene Mann von der Ersten in die Zweite Bundesliga hätte relegiert werden sollen. Ein Assistent beschrieb ihn als «sehr diszipliniert und ehrgeizig. Er war aber immer auch für einen Spass zu haben».

DFB-Chef Zwanziger plagen derzeit viele Sorgen neben dem Rasen. Der Top-Funktionär mahnte im Zusammenhang mit dem Selbstmordversuch des Bundesliga-Schiedsrichters: «Abseits des Leistungssports gibt es so viel liebenswerte und lebenswerte Facetten. Man darf sich in eine Sache nicht so hineingeben, dass man in eine ausweglose Situation gerät.» Und Herbert Fandel, der Obmann der deutschen Referees, erklärte stellvertretend für die Gefühlswelt seiner Schützlinge: «Das Wichtigste ist immer der Mensch.»

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