Saison der Superlative

Ein Kommentar von Sportredaktor Fabian Ruch zum zweiten Meistertitel in Folge für die Young Boys.

Sportredaktor Fabian Ruch

Sportredaktor Fabian Ruch

(Bild: Christian Pfander)

Die Young Boys haben ihre überragende Saison sehr vorzeitig mit dem Meistertitel gekrönt. Sie bestreiten in vielen Bereichen eine Spielzeit der Superlative und Rekorde, so früh ist noch nie ein Verein in der Super League Meister geworden. Und YB wird dem Rivalen FC Basel weitere Bestmarken bezüglich Punkte, Tore, Vorsprung abjagen, wenn der souveräne Leader derart überzeugend weiterspielt.

Was absolvieren diese Young Boys für eine fantastische Saison! Mit grandiosen Begegnungen für die Ewigkeit. Die erstmalige Qualifikation für die Champions League im Sommer in Zagreb. Das 7:1 gegen Basel im Herbst. Das 2:1 gegen das grosse Juventus mit dem riesengrossen Cristiano Ronaldo im Winter. Und das sind nur drei ausgewählte Ereignisse aus flotten Monaten der gelb-schwarzen Glückseligkeit. Eingebettet ist der Höhenflug in das beste Jahr der 121-jährigen Vereinsgeschichte, die beeindruckenden wirtschaftlichen Kennzahlen dazu sind: 80 Millionen Umsatz, 17,4 Millionen Gewinn. Und das nach so vielen Jahren der Misswirtschaft und Millionenverluste.

2019 könnte finanziell noch lukrativer werden – bei einer erneuten Qualifikation für die Königsklasse. Zumal mehrere YB-Fussballer ins Ausland wechseln werden, zum Beispiel Djibril Sow und Kevin Mbabu. Die beiden firmieren exemplarisch für die Philosophie der Young Boys, stark auf entwicklungsfähige Schweizer zu setzen und für diese Talente die erste Adresse des Landes sein zu wollen. Die aufstrebenden Akteure bilden den einen Teil des ausgezeichneten personellen Mixes zwischen Jung und Alt. Captain Steve von Bergen und Torjäger Guillaume Hoarau stehen für die erfahrenen Leaderfiguren, welche das Team anleiten und ihm Halt geben.

Die Young Boys sind ausgezeichnet und breit besetzt. Würde man ein Super-League-Allstar-Team bilden, könnte man problemlos auf jeder Position einen YB-Fussballer nominieren. Das hängt auch mit dem Allgemeinzustand der Clubs zusammen. Fast alle anderen Vereine stecken entweder in der Krise, erfüllen die eigenen Erwartungen nicht oder stehen sich mit regelmässigen Personalwechseln im Führungsbereich selber im Weg. Der alte und neue Meister dagegen hat sich trotz Trainerwechsel im letzten Sommer noch einmal verbessert. Gerardo Seoane hat die starke Arbeit des letztjährigen Meistercoachs Adi Hütter nicht nur fortgesetzt, er hat Mannschaft und Spieler entwickelt, YB ist heute taktisch variabler.

Nicht hoch genug eingeschätzt werden kann die Arbeit von Christoph Spycher – selbst wenn Lobeshymnen auf den erfolgreichen Sportchef langsam langweilig daherkommen mögen. Man möchte sich nicht vorstellen, wo YB heute stehen würde, wäre der ursprüngliche Plan des Verwaltungsrats im Herbst 2016 mit einem Sportchef namens Paul Meier umgesetzt worden. Und es wäre bestimmt kompliziert geworden, den 41-Jährigen zu ersetzen, hätte er im Winter das Angebot als Supermanager des Fussballverbandes angenommen. Seit Spycher vor etwas mehr als zweieinhalb Jahren sein Amt angetreten hat, ist YB ein anderer Verein. Auf allen Ebenen. Spycher steht für Glaubwürdigkeit, Zielstrebigkeit, Bodenständigkeit, Teamarbeit – und vor allem: für Erfolg. Aus einem hasardierenden Krisenclub ist ein strahlender Serienmeister geworden.

Nun steht der Sportchef vor seiner bisher grössten Herausforderung. Nach dem Abgang Sékou Sanogos im Januar werden ab Sommer mindestens vier weitere Leistungsträger der Meisterjahre nicht mehr dabei sein: von Bergen (Rücktritt), Sow, Mbabu und Loris Benito (Auslandtransfer). Die Kaderplanung von YB aber überzeugt unter Spycher, dennoch muss der personelle Umbruch in den nächsten Jahren äusserst behutsam moderiert werden. Schliesslich könnten jede Menge weitere Akteure in Topligen wechseln, erwähnt seien David von Ballmoos, Mohamed Camara, Jordan Lotomba, Sandro Lauper, Christian Fassnacht und Roger Assalé.

Auch sie haben dazu beigetragen, dass YB der Super League entrückt ist. Wie zuvor Basel. Von einer derartigen Dominanz und schier unfassbaren Konstanz wie in dieser Saison darf man allerdings in Zukunft nicht ausgehen, zumal der FCB von den Möglichkeiten her immer noch die Nummer 1 der Schweiz ist. Vielleicht wird man irgendeinmal sogar behaupten, so überlegen und stark wie im Frühling 2019 seien die Young Boys vorher und nachher nicht gewesen. Ein Meistertitel jedenfalls darf nie eine Selbstverständlichkeit sein. Schon gar nicht für diese Young Boys mit ihrer jahrzehntelangen Leidenszeit bis 2018.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt