Ronaldo-Transfer eröffnet spannendste Baustelle im Fussball

Superstar weg, Trainer weg: Nach dem Champions-League-Triple muss bei Real Madrid der grosse Umbruch her.

Cristiano Ronaldo wechselt zu Juventus Turin. Video: Tamedia/Reuters Newsflash

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

So richtig soll es ihm bei Real Madrid keiner abgenommen haben. Glaubt man den Medienberichten aus Spanien, sollen die Mitspieler von Cristiano Ronaldo bis zuletzt davon überzeugt gewesen sein, dass der Portugiese nur den Beleidigten mimt und am Schluss doch bei den Königlichen bleibt – schliesslich habe er schon vor einem Jahr mit einem Abgang kokettiert. Dieses Mal machte er ernst. Dieses Mal gab es einen entscheidenden Unterschied.

Hattrick kaum mehr zu toppen

Trotz der für Real-Verhältnisse desaströsen La-Liga-Kampagne (Rang 3) fand die Saison 2017/18 das bestmögliche Ende: mit dem Gewinn der Champions League, dem dritten in Serie und dem vierten in fünf Jahren. Das bedeutet einerseits, dass dieses Team Geschichte geschrieben hat. Vor Real hatte es seit Einführung der Champions League kein Team geschafft, den Titel zu verteidigen. Die Madrilenen schafften es zweimal hintereinander.

Andererseits bedeutet es aber auch, dass es nahezu unmöglich wird, das Geleistete zu übertreffen. Zumal in der Königsklasse eine gute Portion Glück notwendig war – und die heimische Liga, dem Wettbewerb der Konstanz, war ein Fingerzeig, dass dieses Team spielerisch nicht nur auf Wolke sieben schwebt. Das ganze Jahr über waren sich die Medien in Madrid einig: Ein Umbruch muss her.

Diesen leiteten Trainer Zinédine Zidane und Cristiano Ronaldo mit ihren Abgängen ein. Weitere Kandidaten für den Absprung sind Mittelfeldstratege Luka Modric, die Ronaldo-Zuarbeiter Karim Benzema und Marcelo, sowie Gareth Bale, der letzte galaktische Kauf von Präsident Florentino Pérez.

Insbesondere Benzema dürfte mit Zidane und Ronaldo seine beiden grössten Fürsprecher verloren haben. Wer will, kann seinen Tweet von Anfang Woche als Abschiedsbotschaft verstehen: «Vor neun Jahren durfte ich erstmals dieses Shirt anziehen. Danke an den Präsidenten, an den ganzen Verein und allen Mitspielern und Trainern, mit denen ich zusammenarbeiten durfte. Ich bin stolz, dieses Wappen zu verteidigen und auf ewig dankbar.»

Was Bale angeht, wird nun zumindest spekuliert, dass Ronaldos Wechsel ihm entgegenkommen könnte – und er endlich Starspieler des Teams werden darf. Eine gewagte These, denn die Transferpolitik von Pérez lässt keinen anderen Schluss zu, als dass der Lärm um den Verlust von Weltfussballer Ronaldo übertönt werden muss. Und zwar massiv.

Vier mögliche Nachfolger

Deshalb kommen für den spanischen Blätterwald nur vier Kandidaten infrage: Neymar Jr., Kylian Mbappé, Harry Kane, und zur Not Eden Hazard. Am liebsten soll es der Brasilianer sein. Gerüchten zufolge soll der Flirt zwischen Real und Neymar mitunter ein Grund gewesen sein, weshalb Ronaldo die Schnauze voll hatte. Aber auch Supertalent Mbappé vereint alle Anforderungen auf die vakant gewordene Stelle: jung, hungrig, spektakulär und erfolgreich. Noch besser, wenn er mit der WM-Goldmedaille im Estadio Santiago Bernabéu vorgestellt werden könnte.

Der einzige, nicht ganz unwesentliche Nachteil an den beiden Wunschkandidaten: Sie spielen bei Paris Saint-Germain. Und die aus Katar geführten und finanzierten Franzosen haben keinerlei Interesse daran, ihre beiden, 2017 frisch erworbenen, Aushängeschilder abzugeben – ausser, die Uefa zwingt sie dazu. Stichwort: Financial Fairplay.

Das spricht für Kane

Warum also nicht Harry Kane, der Torjäger vom Dienst? Höchstwahrscheinlich würde er mit dem Etikett des WM-Torschützenkönigs (wenn nicht gar noch Weltmeister) kommen. Dazu muss einer ja ein paar der Tore schiessen, die Ronaldo nicht mehr für Real schiessen wird. Ausserdem soll er länger auf Pérez’ Wunschliste stehen – jetzt ist auch nicht mehr zu befürchten, dass er in die Räume geht, die bisher für Ronaldo reserviert waren.


«Kanes Penaltys sind unhaltbar»

England-Goalie Jordan Pickford spricht über die Treffsicherheit seines Starstürmers. Video: Tamedia/AFP


Eden Hazard wäre sportlich wohl eine mindestens so sinnvolle Erwerbung wie einer aus dem zuvor genannten Trio; spätestens nach dem Halbfinal-Aus würde das gewünschte Gedöns um seinen Transfer zumindest ein Stück weit ausbleiben. Allerdings soll der Belgier schon seinen Wechselwunsch geäussert haben – insbesondere, weil die nächste Champions League ohne Chelsea stattfinden wird. Vor der WM sagte der 27-Jährige: «Real weiss, was es braucht, um mich zu verpflichten.»

Ähnlich pompös soll endlich die Goalie-Position besetzt werden. Bis vor der WM galt David De Gea von Manchester United als aussichtsreichster Kandidat. Seine dürftigen Leistungen und die Paraden von Thibaut Courtois (Chelsea) dürften den Belgier in die Favoritenrolle gerückt haben. Als Ersatz wurde für 8,5 Millionen Euro bereits der 19-jährige Ukrainer Andriy Lunin verpflichtet.

Modric, Kroos, Isco: Wer geht?

Ein mindestens ebenso grosses Fragezeichen gibt es um das Herzstück der Mannschaft, das Mittelfeld. Bis auf Casemiro dürfte Stand jetzt keiner eine Garantie abgeben, dass er auch kommende Saison noch ganz in Weiss auftritt. Besonders Luka Modric und Toni Kroos gelten als Kandidaten, die sich eine neue Herausforderung suchen könnten. Iscos Abgang galt schon fast als sicher, mit der Verpflichtung seines Förderers Julen Lopetegui als Trainer wäre ein Transfer aber nun doch eine mittelgrosse Überraschung.

Für alle Fälle soll aber bereits Ersatz für einer der drei Edeltechniker bereitstehen: Medienberichten zufolge ist Real gewillt, für den serbischen Shootingstar Sergej Milinkovic-Savic (23, aktuell bei Lazio) 80 Millionen Euro hinzublättern.

Ein bald 18-Jähriger für 60 Millionen

Abseits des Scheinwerferlichts arbeitet der spanische Rekordmeister zudem weiter an der Verjüngung seines Kaders. Am Freitag wird Vinicius Jr. in Madrid eintreffen. Der Brasilianer feiert dann seinen 18. Geburtstag und darf offiziell zu dem Verein, der vor einem Jahr 60 Millionen Euro für ihn hinblätterte. Der Linksaussen gilt als riesiges Talent, ist zuletzt bei Flamengo Rio de Janeiro aber auch durch seine Allüren aufgefallen – obwohl er bis April noch nicht einmal Stammspieler war.

Zudem kehrt der 23-jährige Raul de Tomàs zurück. Der Stürmer aus Reals Talentschmiede erzielte in der vergangenen Saison für Rayo Vallecano in der zweiten Liga 24 Tore in 32 Spielen. Ebenfalls fix ist der Kauf von Nationalspieler Alvaro Odriozola von Real Sociedad: Den 22-jährigen Rechtsverteidiger liess sich Real 30 Millionen Euro kosten.


Odrizolas Traumtor

Der junge Spanier trifft zum 1:0 gegen die Schweiz. Video: Tamedia/SRF


Sie könnten die Superstars der Zukunft werden. Ebenso wie Rodrygo, für den Real 45 Millionen Euro bezahlte und der (analog der Strategie mit Vinicius) in einem Jahr, also nach seinem 18. Geburtstag, in Valdebebas eintreffen wird. Das ist in Madrid derzeit allerdings sekundär. Wichtig ist derzeit ein anderes Projekt: Real braucht einen neuen Goalgetter mit Superstar-Charakter, der alles überstrahlt. Mindestens so, wie es 2009 Cristiano Ronaldo machte: Zu seiner Präsentation waren 80’000 Zuschauer ins Estadio Santiago Bernabéu gekommen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.07.2018, 12:38 Uhr

Artikel zum Thema

«Adiós eines Säulenheiligen»

Die Meinungen, ob 105 Millionen Euro für Cristiano Ronaldo zu viel oder zu wenig sind, gehen bei den Medien weit auseinander. Mehr...

«Ich habe Real gebeten, den Wechsel zu akzeptieren»

VIDEO Neun Jahre bei Real Madrid sind genug: Cristiano Ronaldo wechselt zu Juventus Turin und bittet die Fans um Verständnis. Mehr...

Cristiano Ronaldo wechselt zu Juventus

VIDEO Nach neun Jahren Real Madrid ist Schluss: Der portugiesische Superstar nimmt eine neue Herausforderung in Turin an. Mehr...

Kommentare

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...