Der Grosse mit 1,69 Metern

Beim Nations-League-Spiel in Belgien bringt kein Schweizer mehr Erfahrung mit als Xherdan Shaqiri – mit seinen 27 Jahren hat er viel erlebt und den Umgang mit Kritik gelernt.

Neuer Zehner: Gegen Island und England überzeugte Xherdan Shaqiri in seiner neuen Rolle im Nationaldress. Foto: Jasper Jacobs (AFP)

Neuer Zehner: Gegen Island und England überzeugte Xherdan Shaqiri in seiner neuen Rolle im Nationaldress. Foto: Jasper Jacobs (AFP)

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Beim ersten Treffen ist Xherdan Shaqiri noch keine 19. Er ist munter und unbefangen. Sein Bruder begleitet ihn, Erdin, zwei Jahre älter, unbeschwert auch er. Erdin sagt, er «plappere» noch mehr als Xherdan. Es ist ein paar Tage nach dem Gewinn der Meisterschaft mit dem FC Basel. Shaqiri ist auf dem Weg an die WM 2010 in Südafrika, er träumt vom Wechsel ins Ausland und sagt: Barcelona wäre das Grösste überhaupt.

Zehn Monate später die nächste Begegnung, Shaqiri taucht schon mit einer Jacke von Gucci und einer kleinen Tasche von Louis Vuitton auf. Er ist das Talent auf dem Weg zum Star, sein damaliger Trainer beim FCB, Thorsten Fink, gibt den Mahner und sagt: Shaqiri sei noch nicht so gut, und die Schulterklopfer seien die grössten Gefahren.

Einen Traum leben

Im August 2012 in Split. Shaqiri erzählt vor dem Test gegen Kroatien davon, wie er schon vor dem Spiegel gestanden und über sich selbst gestaunt habe: über seinen Weg vom Flüchtlingskind aus Kosovo zum Angestellten von Bayern München; vom Kleiderverkäufer-Lehrling, der mit seinen 800 Franken Monatslohn die Familie unterstützte, zum Fussballer mit einem 2-Millionen-Gehalt. Er sagt: «Es ist ein Traum, den ich leben kann.»

«Das Gefühl, dass in dieser Mannschaft selbst ein Ronaldinho wenig bewegen könnte, das ist ernüchternd.»Xherdan Shaqiri

Zwei Jahre später, in der Hitze von Porto Seguro. Die Schweiz ist an der WM in Brasilien nach dem 2:5 gegen Frankreich unter Druck. Und keiner mehr als Shaqiri, weil von ihm besonders viel erwartet wird. Er sagt: «Das nervt mich grausam.» Zwei Tage später erzielt er alle Tore zum 3:0 gegen Honduras.

Im Januar darauf trifft Shaqiri in Mailand ein. Die Zeit in München ist vorbei, die Jahre des Wissens, bei Bayern trotz aller Einsätze keine Stammkraft zu sein. Inter verpflichtet ihn, 2000 Tifosi erwarten ihn am Flughafen, er sagt: «Mancini ist ein Trainer, der mich weiterbringt.»

Die Liebe zu Mancini kühlt schnell auf Eiseskälte ab. Shaqiri flüchtet im August 2015 nach Stoke. Stéphane Henchoz, früher selbst Nationalspieler, inzwischen scharfzüngiger Kritiker, sagt: «Shaqiri hat sich bei Bayern nicht durchgesetzt, bei Inter nicht. In Stoke ist er nur wegen des Geldes.»

90'000 Franken vor oder nach Steuern

Drei Jahre bleibt Shaqiri in Stoke, diesem vergessenen Ort in den Midlands. 90'000 Franken verdient er hier pro Woche. Die Frage ist nur, ob vor oder nach Steuern. Je besser seine persönliche Bilanz wird, desto schlechter geht es dem Club. Im vergangenen Frühjahr sagt er: «Das Gefühl, dass in dieser Mannschaft selbst ein Ronaldinho wenig bewegen könnte, das ist ernüchternd.» Er erzielt acht Tore. Stoke steigt trotzdem ab. Der «SonntagsZeitung» gelingt der Satz: «Irgendwer hat die Karriereleiter verkehrt herum hingestellt.»

Der Sommer mit der WM in Russland folgt. Von Erdin, längst nicht mehr nur sein Bruder, sondern auch sein Berater, bekommt Xherdan eines Tages mitgeteilt, dass er einen Anruf erhalten werde. Darum fällt ihm auch nicht das Telefon aus den Händen, als sich Jürgen Klopp meldet. Der Trainer Liverpools und Shaqiri unterhalten sich zehn Minuten lang via Facetime. Nachher sagt Xherdan seinem Bruder: «Stopp alles! Stopp alle Gespräche mit anderen Clubs!» Für ihn ist klar, dass er nach Liverpool wechseln will. Das Interesse von Leicester oder Southampton gerät in den Hintergrund.

Jetzt ist er der Grosse

Am Tag vor dem WM-Final wird der Transfer offiziell. Klopp sagt: «Wenn einer wie Shaqiri verfügbar wird, dann muss man reagieren und schlau sein.» Liverpool zahlt 17,5 Millionen Franken. Für englische Verhältnisse ist das ein Schnäppchen.

Inzwischen ist Oktober und Shaqiri 27. Er hat mit Basel und Bayern viele Titel gewonnen und mit der Schweiz bereits vier Endrunden bestritten, er hat den Doppeladler-Wirbel und 76 Länderspiele hinter sich. Ja, 76 Länderspiele, das sind jetzt schon viel mehr als bei Helden wie Köbi Kuhn oder Karl Odermatt.

Im Aufgebot der Schweiz für die Nations-League-Spiele in Belgien und in Island bringt keiner mehr Erfahrung mit als er. Er ist nicht mehr der Junior, er ist der Grosse von 1,69 Metern mit 22 Toren. «Das zeigt, dass man einer der Besten des Landes ist», sagt er, «das ist wie eine Auszeichnung.» Jedes Aufgebot macht ihn stolz.

Richtig wohl fühlt er sich im Zentrum

2010 gab er sein Debüt, es war ein lausig kalter Abend in St. Gallen beim 1:3 gegen Uruguay. «Der erste Corner ist mir missglückt», erzählt er. Es ist seine freundliche Umschreibung dafür, dass er den Ball hinters Tor schoss.

Über all die Jahre war er der Mann vom rechten Flügel, da habe er «ja nicht grottenschlecht» gespielt. Aber richtig wohl fühlt er sich im Zentrum: hinter der Sturmspitze, wo er nach links und rechts ausbrechen kann und in seinem Bewegungsdrang frei ist.

Zum Neustart des Nationalteams gegen Island und in England bekam er Auslauf als Nummer 10. Er war stark in St. Gallen beim 6:0 und noch immer der Beste beim 0:1 in Leicester.

Keine Angst vor Top-Teams

In Liverpool hat er einen anderen Status, da muss er hinter Mohamed Salah, Roberto Firmino und Sadio Mané anstehen. Und er hat seine Kritiker mitgenommen, die ihm wie Sky-Experte Gary Neville vorhalten, «faul und unprofessionell zu sein». Shaqiri sagt: «Das geht bei mir rechts rein und links wieder raus.»

Einmal durfte er in Liverpool-Rot von Anfang an zentral stürmen, das war beim 3:0 gegen Southampton. Er glänzte und wurde trotzdem in der Pause ausgewechselt. Sein Vater rief ihn an und fragte: «Bist du verletzt?» Er war es nicht, Klopp hatte einzig andere taktische Pläne. Shaqiri verstand das, er hätte aber nichts dagegen gehabt, wenn ihm eine Stunde auf dem Platz vergönnt gewesen wäre.

Bei der Verpflichtung von Shaqiri hielt Klopp auch fest: «Wir sind der perfekte Ort, weil er sich selbst herausfordern muss.» Heute sagt Shaqiri: «Ich habe keine Angst gegen Top-Teams.» In Belgien kann er es beweisen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.10.2018, 06:20 Uhr

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