Putin poliert auf Hochglanz – seinem Team droht die Blamage

Für Russland geht es an der Fussball-WM um viel Prestige – blöd nur, scheint die Nationalmannschaft nicht bereit.

In diesen Stadien wird WM gespielt: Per Drohne über die Fussball-Tempel.

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30 Tage geht es noch – und schon heute ist alles bereit. Nun gut, vielleicht nicht ganz alles. Aber wenn ab dem 14. Juni um den Weltmeistertitel gespielt wird, dann soll die Welt zu sehen bekommen, was Russland für ein grossartiges, gastfreundliches und prosperierendes Land ist. Dafür werden jetzt halt noch ein paar Strassen­hunde um die Ecke gebracht. In ­Wolgograd und Samara verdeckt man schmuddelige Häuser, die zu nahe an den glitzernden WM-Stadien herumgammeln, rasch mit riesigen Tüchern und Plakaten. Und wenn gegen die Teilsperrung des Internets protestiert wird, gibt es Verhaftungen. Was ­unschön ist, muss irgendwie weg.

Blöd, dass ausgerechnet jener Teil des Landes, der nicht vor den internationalen Kameras versteckt oder husch, husch irgendwo entsorgt werden kann, zuletzt einen desolaten Eindruck hinterlassen hat: Russlands Nationalmannschaft hat von ihren letzten zehn Spielen nur zwei gewonnen – gegen Neuseeland und Südkorea. Aber es sind nicht nur die ­mageren Resultate, die Kenner von der «wohl unbeliebtesten Sbornaja der ­Geschichte» sprechen lassen.

Heimatschutz und Prasserei

Es ist eine interessante Mischung aus Selbstüberschätzung, Heimatschutz und Prasserei, die Russlands Fussball seit längerer Zeit prägt. Da sind zum einen vollmundige Ankündigungen wie jene von Sergei Fursenko, dem damaligen Präsidenten des russischen Fussballverbandes, der 2010 erklärte: «Russland muss 2018 die WM gewinnen. Das ist mein Hauptziel.» Noch heute gilt vom Verband aus der Halbfinal als Vorgabe für Nationaltrainer Stanislaw Tscher­tschessow. Dabei würden die meisten Russen schon das Weiterkommen in der Gruppe mit Uruguay, Ägypten und Saudiarabien als kleines Wunder feiern.

Denn irgendwann hat Russland aufgehört, ausserordentliche Fussballer hervorzubringen. Wobei sich ausgerechnet eine Regel als Bumerang herausgestellt hat, die Russen hätte fördern sollen. 2005 wurde in russischen Profiligen eine Ausländerbegrenzung eingeführt, die ständig verschärft wurde. Inzwischen müssen pro Team mindestens fünf Russen auf dem Feld stehen.

Was zu einer besseren Ausbildung hätte führen sollen, brachte Stagnation. Einerseits fehlt den Einheimischen die Konkurrenz. Und andererseits investieren die Clubs nicht in den Nachwuchs, sondern locken die besten Russen mit so hoch dotierten Verträgen, dass diese es nicht einmal in Betracht ziehen, sich mal im Ausland zu versuchen.

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Diese horrenden Löhne bekommt die russische Bevölkerung immer häufiger auf ­Instagram unter die Nase gerieben. Dort präsentieren die russischen Fussballer ihre dicken Autos, Partys und die Ferien am Strand von Dubai, während sich die meisten Russen mit einem Monatslohn von 500 bis 600 Franken durchschlagen müssen. Auch das steigert das Verständnis für die mageren Leistungen auf dem Rasen nicht.

Geld für eine breite Nachwuchsförderung wäre dabei durchaus vorhanden gewesen. Heute tingelt Alischer Aminow als Fussballdissident um die Welt, um auf die Verfehlungen in seiner Heimat hinzuweisen. Doch als Wladimir Putin nach der Vergabe der WM nach ­Russland 840 Millionen Franken für ein Fussball-Entwicklungsprogramm sprach, da schrieb Aminow noch das Grundlagenpapier. 350 Fussballzentren zur Talent- und Trainerausbildung hätten im ganzen Land entstehen sollen.


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Was wirklich mit dem Geld geschehen ist, klingt heute in Aminows Worten so: «Es wurden 400 Kunstrasenfelder gebaut. Einige haben keine Bewässerungsanlage, einige keine Maschinen, um sie zu pflegen. Und ein paar werden von lokalen Geschäftsleuten benutzt, anstatt sie der Jugend zu übergeben.» Seine Schlussfolgerung: «Die 840 Millionen wurden in den Sand gesetzt.»

Schon wieder weisse Elefanten

Und das war nicht das einzige staatliche Geld, das in den Fussball fliesst und dort irgendwo versickert. Fast alle Clubs der höchsten Ligen hängen am Tropf eines staatlichen oder halbstaatlichen Konzerns. Rund 1,4 Milliarden Franken an öffentlichen Geldern flössen jedes Jahr in die Premier Liga, rechnet Aminow: «Sie werfen es zum Fenster raus. Sie ­geben es nicht für den Nachwuchs aus, sondern für Transfers und Löhne.»


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Verschwenderisch wirken auch die Ausgaben für die meisten Stadien, in denen an dieser WM gespielt wird. ­Wobei sich der Weltfussballverband Fifa die Frage gefallen lassen muss, warum seine Endrunde nun schon zum dritten Mal nach Südafrika 2010 und Brasilien 2014 weisse Elefanten produziert: Prestigebauten, die schon nach ein paar Matches nicht mehr gebraucht werden.

In Russland dürfte es die Stadien in Nischni Nowgorod, Wolgograd, Kaliningrad oder Saransk treffen. Keine dieser Städte hat derzeit einen Club in der höchsten Liga. Trotzdem steht nun zum Beispiel in Saransk die Mordowia Arena, deren Bau von 2010 bis April 2018 dauerte und über 250 Millionen Franken verschlang. Immerhin sollen die 45 000 Plätze nach der WM um die Hälfte zurückgebaut werden. Trotzdem bleibt die Sinnfrage. Das eben in die zweite Liga aufgestiegene Saransk hatte in einer früheren Blütezeit in der Premier Liga einen Schnitt von 5000 Fans.

Tücher statt Infrastruktur

Immerhin sind die Stadien alle rechtzeitig fertig geworden. Dafür haben die meisten Städte viel zu spät oder gar nicht angefangen, wie versprochen auch in ihre Infrastruktur zu investieren. Auch darum hängen sie jetzt in Samara Tücher vor Ruinen. Solche Ungereimtheiten werden von der russischen ­Öffentlichkeit ebenso registriert wie die Skandale um den Neubau in St. Petersburg. 950 Millionen Franken kostete der Bau dort am Ende. Er gilt als Paradebeispiel für die grassierende Korruption.

Trotzdem freuen sich viele Russen auf die Weltmeisterschaft und die ausländischen Fans. Vor allem die Isländer werden mit einiger Begeisterung erwartet. Und an etwas zweifelt niemand: Krawalle und Ausschreitungen wird es an der WM in Russland keine geben. Zu sehr ist die Endrunde ein Prestigeprojekt von Präsident ­Wladimir Putin. Für ihn wäre es schlimm genug, sollte das National­team schnell ausscheiden. Einen Gesichtsverlust neben dem Rasen wird er nicht zulassen.

Und weil Russen schon immer Politik in Humor kleideten, kursiert derzeit dieser Witz: «Wie hat Oppositionsführer Alexei Nawalny bei der WM-Vorbereitung geholfen? Putins Sicherheitskräfte konnten an seinen Demonstrationen üben, wie man grosse, ­renitente Menschenmengen in den Griff bekommt.»


Bilder: Die WM-Stadien in Russland


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2018, 10:21 Uhr

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