Plötzlich im Abstiegskampf

Thun droht zum Saisonende hin die Luft auszugehen. Nach dem 0:2 gegen Xamax wirken die Oberländer konsterniert.

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Dominic Wuillemin

Und plötzlich ist es da, das böse Erwachen.

Der eingewechselte Xamax-Stürmer Kemal Ademi hat Nicola Sutter abgeschüttelt und Goalie Guillaume Faivre zum 1:0 bezwungen. 75 Minuten sind da gespielt, und die Neuenburger, die in der Winterpause als Letzte noch 15 Punkte hinter den Oberländern lagen, sind in der Blitztabelle als Neunte nur noch 4 Zähler entfernt.

Das Heimteam versucht vor 5244 Zuschauern in der Stockhorn-Arena mit einem Spieler weniger das Malheur abzuwenden, es sind entschlossene Bemühungen, aber auch vergebene: Nachdem Marvin Spielmann, Matteo Tosetti und Nicola Sutter am starken Neuenburger Goalie Laurent Walthert gescheitert sind, gelingt Samir Ramizi in letzter Sekunde das 2:0. Es ist der dritte Sieg der Gäste in den letzten vier Partien, derweil wartet ihr Kontrahent in der Meisterschaft seit Februar auf einen Erfolg.

Das schlägt sich in der Tabelle nieder, in der Thun erstmals seit Mitte November nicht mehr in den Top 3 liegt – und sich nun als Vierter in dieser verrückten Super-League-Saison mit dem Gang in die Barrage befassen muss. Ein Schreckensszenario, das vor ein paar Wochen auch der grösste Thuner Pessimist nicht für möglich gehalten hätte.

Präsident Lüthi wähnte sich in falscher Sicherheit

Wie komfortabel die Lage der Oberländer einmal war, zeigt eine Aussage von Clubpräsident Markus Lüthi, die er in einem Interview Mitte März tätigte. Er sei fast froh gewesen, dass Dejan Sorgic Ende Februar gegen GC nach einer Viertelstunde den Penalty zum 2:0 nicht verwertet habe, sagte Lüthi. «Hätte Dejan getroffen, wäre es brenzlig geworden.» Der Präsident bezog die Aussage auf eine mögliche Reaktion der GC-Fans, die sich nicht im Gästesektor aufgehalten hatten – sondern im Heimpublikum. Sorgics Treffer hätte ziemlich sicher die Entscheidung bedeutet, stattdessen glichen die Zürcher aus. Es war das erste von 11 sieglosen Ligaspielen der Thuner. Nun wären sie froh, hätte ihr Stürmer getroffen.

Die Niederlage gegen Xamax hinterlässt Spuren, manche Thuner wollen gar nicht reden, zu gross ist die Enttäuschung, denen, die es tun, steht die Konsternation ins Gesicht geschrieben. «Wir haben gekämpft», sagt Sorgic, der nun schon seit über einem Monat auf einen Torerfolg war. «Aber wir können uns momentan nicht für den Aufwand belohnen.» Natürlich sei die Sieglosigkeit während eines Spiels im Hinterkopf, meint Mittelfeldakteur Basil Stillhart. «Das lässt sich nicht bestreiten.» Und Stefan Glarner, der in Abwesenheit des verletzten Dennis Hediger die Captainbinde trägt, sagt, nun gelte e,s den Klassenerhalt zu sichern. «Alles andere ist nebensächlich.»

Linksverteidiger kosten nicht zum ersten Mal Punkte

Dabei hat sich bei den Oberländer Verantwortlichen vor der Partie Hoffnung breitgemacht, dass der Befreiungsschlag gelingen würde. Das hängt mit Flügel Matteo Tosetti zusammen, der nach längerer Verletzungspause von Beginn an mittun kann. Erstmals seit Februar ist damit das Offensivtrio Tosetti, Sorgic, Spielmann, das dafür gesorgt hatte, dass Thun nach der Vorrunde die zweitbeste Offensive ausweisen konnte, wieder vereint.

Als das Spiel dann beginnt, zeigt sich, dass eine Personalie nicht eine Tendenz stoppen kann, die sich seit Wochen abzeichnet: Thun wirkt verunsichert, Xamax selbstsicher. Nuzzolo scheitert nach 9 Minuten an Faivre, eine Viertelstunde später an der Latte. Die Gäste, die im 5-3-2-System aus einer kompakten Defensive Nadelstiche setzen, sind besser. Sorgic vergibt nach einer halben Stunde die einzige Thuner Möglichkeit in der ersten Halbzeit.

Statt in Führung zu liegen, müssen die Thuner kurz darauf in Unterzahl agieren. Innert sechs Minuten hat Chris Kablan zweimal die Gelbe Karte gesehen. Es ist einmal mehr ein unglücklicher Auftritt des 24-Jährigen, auch weil Sven Joss wegen gesundheitlicher Probleme nicht auf Touren kommt, ist die Position des Linksverteidigers ein Schwachpunkt im Thuner Spiel. Der Platzverweis habe die Physiognomie der Partie verändert, sagt Xamax-Trainer Stéphane Henchoz.

Mit einem 0:0 hätten die Thuner fortan leben können, sie ziehen sich zurück, überlassen den Neuenburgern das Spiel. Der Plan geht auf, bis Ademi nach 75 Minuten zum 1:0 trifft. Und sich die Thuner plötzlich mit der Barrage befassen müssen. Nächsten Samstag empfangen sie Lugano, es ist das Duell des Vierten gegen den Dritten. Aber auch – so paradox es klingen mag – eines, in dem es um den Klassenerhalt geht.

Berner Zeitung

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