Noch mehr Dreck für die Thuner

Der FC Thun verpasst beim 0:1 im Cupachtelfinal in Winterthur den Befreiungsschlag. Stattdessen stürzt er noch tiefer in die Krise.

Ausgerutscht: Chris Kablan und der FC Thun haben in Winterthur von Anfang an einen schweren Stand. Foto: Marc Schumacher (Freshfocus)

Ausgerutscht: Chris Kablan und der FC Thun haben in Winterthur von Anfang an einen schweren Stand. Foto: Marc Schumacher (Freshfocus)

Dominic Wuillemin

Es hätte der Befreiungsschlag werden sollen, ein Abend als Balsam für die Seele. Doch als die Thuner kurz nach 21.30 Uhr durch die Katakomben der Schützenwiese in Winterthur gehen, haben sie Wutausbrüche ihrer mitgereisten Fans in den Ohren. Sie wirken niedergeschlagen und abgekämpft, ihre Stimmung ist wie das Wetter: miserabel.

Sportchef Andres Gerber sucht kurz nach Worten, meint, er müsse aufpassen, wie er sich äussere. Dann sagt er: «Wir sind in der Liga Letzter und nun auch im Cup draussen. Tiefer können wir nicht mehr sinken.» Und Trainer Marc Schneider sagt: «Im Moment kommt einfach alles zusammen.»

Schneiders Kniff

Es ist die fünfte Thuner Niederlage in Folge, der letzte Sieg datiert von Mitte September, als die Oberländer im Schweizer Cup bei Stade Nyonnais gewannen. Der Erfolg kam damals bei annähernd 30 Grad und Sonnenschein zustande. Die Thuner Lage hat sich wie das Wetter seither drastisch verschlechtert.

Am Mittwoch ist es kalt, es regnet in Strömen, das Terrain ist dementsprechend tief – wie gemacht für einen Ausrutscher im Cupachtelfinal. Der Stadionsprecher entschuldigt sich noch vor Matchbeginn für die garstigen Verhältnisse auf der Schützenwiese und erklärt die 5100 Zuschauer zu den ersten Siegern des Abends: Weil sie trotzdem den Weg ins Stadion gefunden haben.

Bereuen müssen sie ihr kommen nicht. Schon nach einer Minute zeigt das Heimteam, wie es aufzutreten gedenkt: ohne falschen Respekt vor dem angeschlagenen Gast aus der Super League. Es ist Davide Calla, mittlerweile 35-jähriger Captain Winterthurs, der sich dem Tor annähert. Die neusortierte Thuner Defensive – Trainer Marc Schneider entschied sich für ein 3-5-2-System – wirkt nicht sattelfest, immer wieder sind riskante Interventionen von Nöten. Die weissen Thuner Trikots, sie sind sehr bald braun von Dreck.

Und doch könnten die Oberländer in Führung gehen. Nach einer Viertelstunde spielt Simone Rapp seinen Tessiner Compagnon Matteo Tosetti am Strafraum frei. Doch anders als am Sonntag bei YB, als er aus diffizilerer Lage traf, verfehlt er diesmal. Und zwar deutlich.

Es ist die letzte Thuner Chance in der ersten Halbzeit. Das Heimteam übernimmt nun vollends das Spieldiktat – und geht nach 36 Minuten durch Calla in Führung. Der Routinier bezwingt Andreas Hirzel, der den Vorzug gegenüber Guillaume Faivre erhielt, per Heber. Als Vorbereiter fungiert just Nuno Da Silva, die Thuner Leihgabe. Als wäre den Oberländern in den letzten Wochen nicht schon genügend Unbill widerfahren.

Gerbers Appell

Tatsache ist der Spielverlauf, den die Oberländer unbedingt haben vermeiden wollen. Einer Führung hinterher zu laufen bei diesen Verhältnissen und einem Gegner, der vor Selbstvertrauen strotzt, weil er im Cup den FC St. Gallen ausgeschaltet hat und seit fünf Ligapartien ungeschlagen ist (4 Siege) – es ist eine enorm schwierige Aufgabe. Die Thuner probieren es mit einem mentalen Kniff.

Sie wechseln die Trikots, die nun wieder weiss erstrahlen. Und sie starten engagiert in die zweite Halbzeit, Rapp wird gleich mehrmals gefährlich. Doch entweder sieht er seinen Abschluss von Torhüter Raphael Spiegel pariert oder den Ball am Tor vorbeifliegen. Es ist einmal mehr nicht der Abend des Stürmers. «Die fehlende Effizienz», sagt Schneider. «Sie begleitet uns seit Wochen.»

Der Trainer wirkt in diesem Moment enttäuscht, aber nicht angefressen. Er findet, er könne seinem Team keinen Vorwurf machen, in der zweiten Halbzeit habe es eine Reaktion gezeigt. Doch da ist eben die Hypothek des verlorenen Selbstvertrauens, der fehlenden Leichtigkeit, die immer grösser wird. «Wir müssen jetzt alle zusammenhalten», sagt Sportchef Gerber.

Zwei Tage haben die Thuner Zeit, sich aufzurappeln, dann empfangen sie Zürich. Auch der FCZ wird nicht vor Selbstvertrauen strotzen. Er ist gleichzeitig YB 0:4 unterlegen.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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