Nikosia: Die Landesgrenze verläuft mitten durch die Hauptstadt

Die Young Boys sind zu Gast auf Zypern. Die Mittelmeerinsel ist das einzige Land der Welt, dessen Hauptstadt noch immer durch eine Grenze geteilt ist. Auch deshalb ticken in Nikosia die Uhren anders, wie ein Augenschein zeigt.

Grosse Flagge, grosse Provokation: Die Fahne der Türkischen Republik Nordzypern nahe der Pufferzone in Nikosia. Die Flagge ist 165 Meter lang und 100 Meter hoch.

(Bild: Keystone)

Es ist ein erstes Anzeichen, dass Zypern keine gewöhnliche Insel ist. Während der Fahrt vom Flug­hafen in Larnaka in Richtung Hauptstadt Nikosia wird früh eine grosse Flagge der Türkischen Republik Nordzypern sichtbar.

Sie ist auf einen Hügel gemalt, 165 Meter lang und 100 Meter hoch, nahe der Grenze zwischen dem international anerkannten griechischen und dem türkischen Teil der drittgrössten Mittelmeerinsel. Die Fahne ist eine riesige Provokation. Daneben steht ein Zitat des türkischen Volkshelden Mustafa Kemal Atatürk: «Glücklich derjenige, der sich als Türke bezeichnet.»

Seit über vier Jahrzehnten sind die Blauhelme der UN auf Zypern stationiert. Was einst als Übergangslösung gedacht war, wurde zum längsten Einsatz in der Geschichte der internationalen Friedenstruppe.

Die Soldaten überwachen die Pufferzone, die nach dem Ausbruch des Konflikts 1974 geschaffen wurde und seither menschenleer ist. In ihr verrotten derweil Gegenstände und Gebäude, ja gar der frühere Flughafen, der sich darin befindet.

Wer durch Nikosia geht, sieht ab und zu einige der UN-Blauhelme durch die Gassen schlendern. YB spielt heute Abend in einer zweigeteilten Stadt wie Berlin früher.

In einem Krisengebiet. Eigentlich. Denn ein tödlicher Konflikt ist es längst nicht mehr, gelöst aber ist er auch nicht. Die Mittzwanzigerin Marina etwa, die in einem Guesthouse gleich an der Trennungslinie arbeitet, sagt, sie sei vor zehn Jahren das letzte Mal auf der türkischen Seite gewesen. «Es war schäbig. Hier ist es besser», findet sie.

Wie lange die Trennung der Insel noch andauern wird, vermag sie nicht abzuschätzen. «Wir werden uns mit dem arrangieren, was uns von oben vorgegeben wird», meint sie lapidar. In der Vergangenheit wurden die Hoffnungen der Zy­prioten auf eine Wiedervereinigung oft enttäuscht. Häufig geben sich die Bewohner Nikosias skeptisch, wenn sie darauf angesprochen werden.

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Die Zyprioten haben mit der Teilung ihrer Insel 1974 leben gelernt, viele kennen sie nur so. Und manche verdienen auch daran. Im Zentrum Nikosias liegt direkt an der Pufferzone das Pub Berliner Wall.

Über den Tischen hängt ein Schild mit der Aufschrift «Checkpoint Charlie», dem wohl bekanntesten Grenzübergang in der heutigen Hauptstadt Deutschlands. Wenige Meter daneben sitzt ein Soldat an einem Kontrollpunkt. Man weiss nicht genau, ob man die Szenerie nun lustig oder traurig finden soll. Skurril ist sie jedenfalls.

Zypern ist das einzige Land der Welt, dessen Hauptstadt noch immer durch eine Grenze geteilt ist. Das ist eine Touristenattraktion. Auch jetzt in der Nebensaison muss man anstehen, um auf die türkische Seite zu gelangen. Drüben gibt es Restaurants, Cafés und Läden, nur heissen sie nicht McDonald’s, Starbucks oder H & M. Wer will, kann aber auch hier mit Euro zahlen, der griechische Teil Zyperns ist seit 2004 EU-Mitglied.

Geteilte Stadt: In Nikosia gehört die Mauer zum Alltag. Bild: Keystone

Einst lagen die Touristendestinationen vornehmlich im Norden. Heute sonnen sich die meisten Reisenden zwischen Mai und Oktober im griechischen Teil. Kürzlich konnten die Tourismusbehörden einmal mehr Erfolge vermelden. Obwohl die syrische Küste nur 100 Kilometer entfernt liegt, blieb das südosteuropäische Land von den Folgen des nahen Krieges verschont.

Beim Hinspiel vor zwei Wochen in Bern musste der Sicherheitsdienst im Sektor C eine türkische Fahne entfernen.

Zudem profitiert es von der instabilen Lage in anderen Mittelmeerdestinationen wie Tunesien, Ägypten und der Türkei. Zypern ist trotz des Konflikts sicher. Etliche der Partytouristen in Ayia Napa wissen wohl nicht einmal von der Teilung.

Vielleicht kommt es bald zur Wiedervereinigung. Im September trafen sich der Präsident des griechischen Teils und der Anführer des türkischen Teils in New York mit UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon zu Gesprächen, zuvor war schon monatelang verhandelt worden. Bis Ende Jahr soll ein Abkommen über die Wiedervereinigung zustande kommen. Aber eben, die Skepsis ist da.

Andreas, einer der Grenzwächter in Nikosia, erzählt, während sein Kollege die Passpapiere kontrolliert, dass seine Mutter nach dem Ausbruch des Konflikts von einem auf den anderen Tag umgesiedelt worden sei. Erst 2003, 29 Jahre später, durfte sie für wenige Stunden in ihre Heimat zurückkehren.

Womöglich ist der Konflikt bald gelöst, die Narben aber werden bleiben. Beim Hinspiel vor zwei Wochen in Bern musste etwa der Sicherheitsdienst des Stade de Suisse im Sektor C eine türkische Fahne entfernen. Sie vermag auch heute noch die Gemüter der Zyprioten zu erhitzen.

Noch ticken die Uhren in Nikosia anders. Die Partie heute Abend zwischen Apoel und YB wird um 20 Uhr angepfiffen (19 Uhr Schweizer Zeit). Auf der türkischen Seite der Stadt wird es da bereits eine Stunde später sein. Der Norden ist der Türkei gefolgt, die kürzlich die Umstellung zur Winterzeit abgeschafft hat.

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