«Neymar wird diese WM prägen»

Ex-Weltmeister Jairzinho sagt, was er von Brasilien erwartet und wie er die Schweiz einstuft.

«Er wird der nächste Weltfussballer nach Cristiano Ronaldo und Messi», sagt Altstar Jairzinho über Neymar (10), hier bei seinem Comeback am 3. Juni in Liverpool gegen Kroatien. Foto: Simon Bellis (Imago)

«Er wird der nächste Weltfussballer nach Cristiano Ronaldo und Messi», sagt Altstar Jairzinho über Neymar (10), hier bei seinem Comeback am 3. Juni in Liverpool gegen Kroatien. Foto: Simon Bellis (Imago)

Was erwarten Sie von Brasilien an der WM in Russland?
Den Titel. Wir sind Brasilien, wir sind Rekordweltmeister, für uns kann es immer nur ein Ziel geben: den Sieg.

Seit 2002 wartet Ihr Land aber auf den sechsten WM-Titel.
Dennoch dürfen wir selbstbewusst sein und müssen nicht auf andere Nationen schauen. Natürlich sind Deutschland, Frankreich, England stark, es gibt ­Argentinien, Spanien, Portugal, ich halte Kolumbien und Uruguay für gefährlich. Doch keine dieser Nationen besitzt eine so grosse Fussballtradition wie wir, nirgendwo gibt es so viele Talente.

Sie haben die Schweiz nicht erwähnt.
Das ist eine unangenehme Mannschaft, die den Favoriten wehtun kann. Das hat ja auch Argentinien an der WM hier in Brasilien vor vier Jahren gesehen. Aber ich denke, die Schweiz ist zu limitiert, um bis am Ende mitzuspielen. Brasilien trifft gleich im ersten Spiel auf die Schweiz, das wird kein Selbstläufer, der Auftakt in ein Turnier ist oft harzig. Ein Fehlstart wäre diesmal besonders bitter.

Als Talent am Strand entdeckt: Jair Ventura Filho. Bild: Reuters

Warum?
Es ist eine starke Gruppe, auch Serbien und Costa Rica sind keine Exoten. Und es wäre wichtig für Brasilien, Erster zu werden. Einen Achtelfinal gegen Deutschland möchte in unserem Land niemand. Das 1:7 im WM-Halbfinal 2014 werden wir nie mehr vergessen. Das war eine Schande für unseren Fussball.

Was lief damals falsch?
Der Druck war zu gross, die Spieler waren gelähmt. Und dann fielen mit dem gesperrten Thiago Silva und dem verletzten Neymar noch die besten und wichtigsten Spieler aus. Unser Team ist diesmal deutlich stärker und breiter besetzt. 2014 spielte Fred, das war ein Totalausfall, sein Ersatz war Jo. Diese Angreifer waren eine Beleidigung für unser Land.

«Einen Achtelfinal gegen Deutschland will in Brasilien niemand sehen.»

Das aktuelle Team gefällt Ihnen?
Das sind alles Weltklassespieler, sie besitzen Erfahrung und Talent, sind von sich überzeugt. Es gibt nicht mehr nur Neymar in der Offensive, auch Coutinho, Willian, Douglas Costa, Firmino sind erstklassige Angreifer. Und erst recht Gabriel Jesus. Allein dieser Nachname sorgt ja für Hoffnung. Das passt alles, die Stimmung ist besser als vor vier Jahren, auch die Leute im Land sind optimistischer. 2014 war alles zu gross, zu mächtig, zu viel. Die meisten Brasilianer sind ja sogar mit dem Nationaltrainer zufrieden.

Was zeichnet Trainer Tite aus?
Er ist im Gegensatz zu früheren Nationaltrainern nicht stur. Er ist ein Freund der Spieler, redet mit ihnen, gibt ihnen Freiheiten, nimmt sie auch mal in den Arm. Das sind kleine Gesten mit grosser Wirkung. Denn obwohl diese Spieler bereits mit 20 Jahren mehrfache Millionäre sind, möchten sie wie normale Menschen behandelt werden. Und seine fachlichen Qualitäten sind unbestritten.

Was macht er besonders gut?
Er kann ein Spiel lesen, ist klug und erfahren. Er hat ja eher spät Erfolg gehabt, ist schon 57, aber hat vor ein paar Jahren mit Corinthians alles gewonnen, sogar die Club-WM. Tite ist taktisch versiert, er kann drei verschiedene Systeme in einem Spiel anwenden, wenn es notwendig ist. Er ist die beste Wahl als Coach Brasiliens. Und glauben Sie mir, es gibt keinen schwierigeren Trainerjob, als an einer WM die Seleção zu betreuen. Ich hoffe nur, er wird in Russland mutig bleiben und offensiv aufstellen.

In Brasilien wird lustvoll darüber debattiert, ob Coutinho auch gegen starke Gegner im 4-3-3-System im Mittelfeld aufgestellt werden soll.
Das ist eine wichtige Diskussion. Für mich ist klar, dass Coutinho immer im Mittelfeld spielen muss. Wir haben dort mit Casemiro einen überragenden Balleroberer, dazu Fernandinho oder Paulinho, das reicht für die Stabilität. Und vor Coutinho spielen dann Neymar, Gabriel Jesus, Willian. Das ist fantastisch, fast wie früher zu unseren Zeiten.

Das klingt beinahe romantisch.
Mir ist klar, dass sich die Zeiten geändert haben. Als wir 1970 Weltmeister wurden, hatten wir mit Pelé, Tostão, Gerson, ­Rivelino und mir im Prinzip fünf Nummer-10-Spieler. Spielmacher, die in ihren Clubs alle Freiheiten besassen. Das war ein Feuerwerk. Aber wenn du mit Pelé spielst, ist klar, wer die 10 bekommt.

Nun trägt Neymar die mythische 10. Die Erwartungen an ihn sind riesengross. Kann er daran zerbrechen?
Das ist ein guter Junge, ein lockerer Kerl, er kann damit umgehen. Und vor allem besitzt er überragende Fähigkeiten, er wird diese WM prägen, ihr den Stempel aufdrücken. Vielleicht war seine Verletzung im Februar sogar gut für Brasilien, so konnte er sich in Ruhe vorbereiten.

Sein Aufbautraining war wochenlang das beherrschende Thema in Brasilien, das ganze Land verfolgte gebannt seine Fortschritte.
Er ist so beliebt, weil er trotz allem ein normaler Typ ist, der viel lacht. Okay, er hat ein paar Flausen im Kopf, vielleicht nicht immer die besten Freunde, ab und zu eine Frauengeschichte. Aber, hey, er ist 26. Und es ist ja nicht seine Schuld, ist der Fussball ein solches Geschäft geworden. Er kostete Paris rund eine Viertelmilliarde Dollar Ablösesumme, das ist unmoralisch. Dazu passt, dass Weltmeisterschaften in Russland und in Katar ausgetragen werden. Diese Entwicklung ist ungesund. Aber ich bin ein älterer Mann, sich darüber aufzuregen, lohnt sich nicht.

«Wer Pelé live sah, der weiss, wer der beste Spieler der Geschichte ist.»

Was fehlt Neymar, um zu den ganz Grossen der brasilianischen Fussballgeschichte zu gehören?
Er ist schon heute einer der besten Spieler, die unser Sport je gesehen hat. Er wird der nächste Weltfussballer nach Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. Diese beiden sind übrigens besser als Diego Maradona, Johan Cruyff, Alfredo Di Stefano, Franz Beckenbauer.

Sie haben keine Brasilianer genannt.
Wissen Sie, wer Pelé live hat spielen sehen, den langweilen diese Diskussionen, wer der beste Fussballer der Geschichte ist. Pelé ist und bleibt einmalig. Ich habe lange mit ihm gespielt, das war ein Traum. Er steht über allen anderen, wurde dreimal Weltmeister. Sie haben vorhin gefragt, was Neymar fehlt, und die Antwort ist einfach: ein WM-Titel. Auch unser Ronaldo und Ronaldinho spielten überragend und wurden Weltmeister. Aber für mich waren Zico und Socrates die noch grösseren Fussballer. Leider stehen sie für eine grossartige Generation Brasiliens, die wunderbar spielte, aber keine WM gewann.

Es gibt Menschen, die behaupten, Brasilien habe nie schöner gespielt als 1982 und 1986 an der WM.
Soll das ein Witz sein? So etwas kann nur jemand sagen, der 1970 noch nicht lebte. Was wir damals zeigten, ist unerreicht, das war wie ein Rausch, im Final siegten wir 4:1 gegen Italien.

Sie trafen 1970 in jedem der sechs WM-Spiele, insgesamt erzielten Sie sieben Tore. Welche Erinnerungen haben Sie an das Endspiel?
Es war eine unglaubliche Atmosphäre im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt, weit über 100 000 Zuschauer. Pelé traf früh, Italien glich aus, nach der Pause waren wir nicht mehr zu bremsen, spätestens nach meinem Tor zum 3:1 war die Begegnung entschieden. Immer vor Weltmeisterschaften werden die Bilder dieses Turniers am brasilianischen TV rauf und runter gespielt. Das ist schön, so sehen die Jungen, was wir geleistet haben.

Würden Sie gerne heute spielen, da mittelmässige Fussballer in einer Woche locker so viel verdienen wie Sie damals in einem Jahr?
Ich würde gerne noch spielen, weil ich dann an der WM teilnehmen könnte. Aber, nein, ich bin nicht der Typ, der solchen Dingen nachtrauert. Ich lebe in Brasilien, ich sehe jeden Tag, wie Geld den Charakter verdirbt. Es sind sehr schwierige Zeiten für unser Land, die wirtschaftlichen Probleme sind enorm, es gibt kaum eine Perspektive für die Teenager in den Favelas. Sie landen leider oft in einer Gang. Auch deshalb ist der Fussball so wichtig. Er gibt den Jungen Hoffnung und Freude. Aber ich verstehe auch, dass junge Spieler Mühe ­haben mit dem Reichtum und das Geld mit beiden Händen ausgeben. Sie stammen oft aus ärmlichen Verhältnissen.

Sie engagieren sich seit vielen Jahren für Projekte in den Favelas, den Armenvierteln. Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Landes mit diesen Erfahrungen?
Es ist schlimm, richtig schlimm. Viele Junge erwartet ein trauriges Leben. Nur ein paar wenige werden Fussballer, in die Telenovelas am Fernsehen schaffen es immer noch nur weisse Menschen, wir haben eine brutale Mehrklassengesellschaft. Die Kriminalität und die Korruption werden immer heftiger, die Polizei ist überfordert und oft geschmiert, sie kann den Krieg gegen die Banden nicht gewinnen, das fordert alles nur noch mehr Tote.

Jeder Junge will der nächste Neymar werden. Sie gelten als einer der Entdecker Ronaldos.
Ach, das war nicht so schwierig, ihn hätte jeder entdeckt, der ihn in der ­Jugend spielen sah. Oft aber werden die jungen Spieler nicht richtig gefördert.

Ihr Sohn Jair Ventura gilt als grosses Trainertalent, er war beim Verband und bei Botafogo, heute coacht er Santos. Was trauen Sie ihm zu?
Alles. Er spürt den Fussball, ist erst 39, und ich bete, dass ich erleben werde, wie er Brasilien zum WM-Titel führt. Es gibt in unserem Land einige grossartige junge Fussballer, wie Vinicius Júnior, Lincoln, Rodrygo, die sind erst 17. Um die Zukunft mache ich mir keine Sorgen.

Gibt es auch einen Fussballer, der Sie an Jairzinho erinnert?
Natürlich nicht. (lacht) Nein, nein, in Brasilien gibt es immer wieder tolle Flügelspieler. Und der Franzose Kylian Mbappé gefällt mir, er ist schnell, dribbelstark, mutig, schiesst schöne Tore, ist spektakulär. Er ist schon einer, wie ich es war.

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