Müller will weiter Karl Valentin spielen

Es ist verwunderlich, dass der ewige Bayer vom deutschen Bundestrainer Löw jetzt aussortiert wird wie Hummels und Boateng.

Ist momentan nicht in der allerbesten Form, aber er hat noch immer eine Zukunft: Bayern-Spieler Thomas Müller.

Ist momentan nicht in der allerbesten Form, aber er hat noch immer eine Zukunft: Bayern-Spieler Thomas Müller.

(Bild: Keystone)

Fredy Wettstein@fredyinho

Er stand vor einer Wand aus hellem Holz, vielleicht war er irgendwo in die Berge geflüchtet in ein Chalet, er schaute frontal in die Handykamera, so wie man heute Selfies macht, sein linker Arm beugte sich etwas nach vorne, und er begann so: «Hallo Leute.» Dann redete er 1:57 Minuten lang, auf müllersche Art, den bemerkenswertesten Satz sagte er zuletzt. Doch davon später.

Thomas Müller, der Ur-Bayer mit den dünnen Beinen, der, wenn er spricht, immer verschmitzt lächelt mit leicht verzogenen Mundwinkeln und dann an Karl Valentin erinnert, den er in der Schule bei einer Aufführung auch einmal selber gespielt hat, blickte für einmal sehr ernst in die Welt. Er war sauer, das sagte er so, vor allem perplex, das sagte er auch.

Einen Tag vor seiner Videobotschaft war er nicht vor einer Holzwand gesessen, sondern in einem vornehmen Büro der Geschäftsstelle von Bayern München an der Säbener Strasse. Er war kurzfristig aufgeboten worden, er wunderte sich noch, sein Gesprächspartner am Tisch war Jogi Löw, der deutsche Bundestrainer. Und von dem hörte er, dass er nicht mehr gebraucht werde in der Nationalmannschaft, nicht nur vorläufig, sondern für immer. «Von suggerierter Endgültigkeit der Entscheidung» sprach Valentin Müller tags darauf in sein Handy.

Thomas Müllers Rede in voller Länge.

Nicht nur Müller hatte an diesem Dienstag eine dringende Sitzung mit Löw, auch Mats Hummels und Jérôme Boateng mussten antraben. Und hörten dasselbe. Den richtigen Zeitpunkt für Trennungsgespräche, sei das privat oder beruflich, gibt es nie, eine Seite ist fast immer brüskiert, und dass es Löw nicht per SMS mitteilte, wie heute nicht unüblich, sondern in einem persönlichen Gespräch, war das Mindeste.

Warum jetzt, mitten in einer wichtigen Saisonphase?

Es sind drei, die mit Löw vor bald fünf Jahren Weltmeister wurden. Aber warum jetzt, mitten in einer Phase von wichtigen Spielen für die drei? Und nicht im Winter? Löw dürfte die Einsicht für einen Neuaufbau mit Jüngeren kaum über Nacht gekommen sein.

Und, noch weniger verständlich: Müller hat Jahrgang 1989, Hummels und Boateng haben Jahrgang 1988, es sind keine Fussball-Methusalems wie beispielsweise Buffon, der ewige Gigi, Jahrgang 1978. Die drei sind momentan nicht in der allerbesten Form ihres Fussballerlebens, aber sie haben immer noch eine Zukunft. Löws Entscheid ist verwunderlich.

Und somit der letzte Satz, den Müller in sein Handy diktierte: «Das Spiel ist noch nicht aus.» Er versuchte immer noch ernst zu blicken.

Gestern Samstag durften bei den Bayern alle drei mittun. Müller schmunzelte wie Valentin und spielte wie Thomas, eine Torvorlage und ein Treffer beim 6:0 gegen Wolfsburg. «Die Zukunft war früher auch besser» – der Spruch ist von Valentin, könnte aber von Müller sein.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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