Mit Köpfchen zur späten Wende

Die klar überlegenen Young Boys holen gegen ein sehr destruktives Sion ein 0:2 auf und siegen dank drei Kopftoren noch 3:2.

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Fabian Ruch

Im Nachhinein klingt es anmassend und vielleicht gar arrogant – aber als Beobachter hatte man am Samstagabend irgendwie nie das Gefühl, YB werde das Heimspiel gegen den FC Sion nicht gewinnen. Nicht nach dem frühen 0:1, nicht nach dem 0:2 nach etwas weniger als einer halben Stunde Spielzeit. Schon gar nicht nach dem Anschlusstor durch Guillaume Hoarau in der 64. Minute. Und irgendwie auch nicht 20 oder 15, 10 oder 5 (okay, da wurde es langsam eng für die geduldig attackierenden Young Boys) Minuten vor Spielende, als der Gast immer noch 2:1 führte.

Schliesslich hatte YB alles im Griff, den Ball und das Spiel und den Gegner, verzeichnete deutlich mehr Eckbälle (13:2) und Schüsse (28:7) als Sion, traf durch Ulisses Garcia früh den Pfosten und durch Jean-Pierre Nsame spät die Latte, vergab jede Menge ausgezeichnete Möglichkeiten, darunter einen Foulpenalty kurz vor der Pause, als Nsame weit übers Tor schoss.

Roger Assalé, der gleich viermal im Sion-Strafraum zu Boden ging (und zwei Elfmeter hätte erhalten sollen), hatte den Penalty herausgeholt. «Nach der ersten Halbzeit dachte ich, dass wir gewinnen könnten», sagte Sions Trainer Murat Yakin, «weil wir zwar unterlegen waren, das Spiel aber so für uns lief.»

Schwungvoll und ineffizient

Mit ungenügendem Abwehrverhalten ermöglichte YB dem mal wieder in der Krise steckenden FC Sion zwei Treffer. Beim ersten durch Ermir Lenjani hatte Ulisses Garcia den Ball verloren, beim zweiten hatten mehrere Berner Akteure hasardiert, letztlich fand der Schuss Lenjanis via den Fuss Sandro Laupers und den Kopf Mohamed Camaras den seltsamen Weg ins Netz. Die Young Boys liessen sich nicht beirren, sie griffen weiter munter und schwungvoll an, erwiesen sich im Abschluss aber als äusserst ineffizient.

Nach rund einer Stunde Spielzeit wechselte YB-Coach Gerardo Seoane die vorerst geschonten Guillaume Hoarau und Miralem Sulejmani ein. Es war der Startschuss zu einer Schlussoffensive, in der die Gastgeber noch druckvoller, entschlossener, stärker vorgingen. Und gleich drei Kopftore erzielten. Nach Hoaraus 1:2 dauerte es indes lange, ehe Roger Assalé in der 87. Minute sowie Sékou Sanogo in der 90. Minute und nach Eckbällen von Sulejmani, erst von links und dann von rechts, reüssierten. «Wir glaubten bis zum Schluss an den Sieg», sagte Seoane, «und wurden nie nervös.»

Maurermeister Murat

Im Lager der Young Boys wurde der Last-Minute-Sieg frenetisch gefeiert. Von «Charakter und Leidenschaft» sprach Flügel Christian Fassnacht, von «Moral und Siegesmentalität» Torhüter Marco Wölfli. Und Hoarau meinte, man habe gegen Sion gesehen, was dieses YB auszeichne: «Wir sind ruhig geblieben und haben stark auf Rückschläge reagiert.»

Die Geschichte an spektakulären Siegen und späten Treffern der Young Boys ist 2018 also um ein Kapitel verlängert worden. Gerardo Seoane kritisierte die Chancenauswertung, war jedoch stolz über den Willen seines Teams. «Wir haben verdient gewonnen», sagte der Trainer, «daran gibt es keinen Zweifel.»

Das räumte auch Maurermeister Yakin ein. Der Sion-Coach hatte in seinem 4-1-4-1-System eine beinahe revolutionär vorsichtige, ausgesprochen destruktive Ausrichtung gewählt, mit gleich neun defensiv orientierten Feldspielern. «Unser Plan ging fast auf», sagte er, «aber YB war zu stark.» Nun wartet der FC Sion weiter seit August 1996 und mittlerweile 30 Begegnungen auf einen Ligasieg in Bern (25 Niederlagen!). Er verlor in dieser Zeit auch zweimal im Cup bei den Young Boys, hat aber die Cupfinals 2006 und 2009 im Stade de Suisse gegen YB gewonnen.

Nun 6 von 7 auswärts

Die YB-Bilanz in der Liga liest sich derweil nach einem Saisondrittel glänzend, 31 von 36 möglichen Punkten sowie 10 Siege in 12 Partien zeugen von der Überlegenheit des Titelverteidigers. Kein anderes Team hat mehr als fünfmal gewonnen. Gegen Sion waren fast 24'000 Tickets verkauft worden, nicht alle Kartenbesitzer erschienen jedoch am sehr kalten Samstagabend im Stadion. Die Abwesenden verpassten eine weitere denkwürdige Veranstaltung.

Dank der späten Tore ersparten sich die Young Boys unangenehme Debatten, denn zuvor waren sie immerhin vier Pflichtspiele ohne Erfolg geblieben. Und das vor anspruchsvollen Wochen, in denen sie sechs von sieben Partien in allen drei Bewerben in der Fremde bestreiten müssen – zuerst am Mittwoch im Cup in Nyon, zum Abschluss beim Rivalen Basel, der nach den Niederlagen von Thun und Zürich mit elf Punkten Rückstand auf Rang 2 liegt. Im Spektakelstadel Stade de Suisse dagegen tritt bis zum Derby gegen Thun am 8. Dezember einzig Lugano Ende November an.

Berner Zeitung

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