Mit dem Gurkerl in der Kiste

YB ist seit kurzem ein wenig Österreich. Trainer Adi Hütter und Assistent Christian Peintinger benutzen teilweise auch die witzige Fussballersprache ihrer Heimat. Verständnisprobleme gibt es deswegen aber keine.

Fabian Ruch

Der «Flugkopfball» muss es dann doch nicht sein. So nennt man in Österreich eine Aktion, die in der Schweiz als Hechtkopfball bezeichnet wird. Adi Hütter und Christian Peintinger stehen auf dem Kunstrasen des Stade de Suisse und sollen einen typisch österreichischen Fussballausdruck für ein Bild darstellen. Die Idee mit dem Flugkopfball scheitert daran, dass sich der YB-Trainer und sein Assistent beide als ausgesprochen talentierte Flankengeber betrachten – aber durch die Luft fliegen will keiner.

Möglicherweise wäre die Flanke mit «Öl» getreten worden oder «gefettet» gewesen, also mit Effet unterwegs, damit es auch die Leser dieser Zeitung verstehen. Es gibt eine ganze Menge Begriffe aus dem österreichischen Kickerjargon, die mal witzig sind, mal skurril, mal schwer nachvollziehbar. An die «1.?Stange» beordern Trainer bei einem «Corner» des Gegners eher kleinere Spieler. Es gibt den «Dribblanski», den «Holzgeschnitzten», den «Eiergoalie», der vielleicht gerade eine «Schmähparade» zeigt.

Dritter Trainer aus Österreich

YB ist seit kurzem ein wenig Österreich – wegen Hütter und Peintinger. In der 117-jährigen Vereinsgeschichte gab es laut Klubarchivar Charles Beuret keine Fussballer aus dem östlichen Nachbarland, zumindest nicht seit dem 2.?Weltkrieg. Vor Hütter wirkten mit Viktor Hierländer (1931–1932) und Fritz Gschweidl (1948–1949) zwei österreichische Trainer für kurze Zeit bei YB.

Hütter und Peintinger müssen sich wegen der zuweilen eigenwilligen Fussballsprache ihrer Heimat nicht umstellen. «Weder vor den Spielern noch vor den Medien gab es kaum Situationen, in denen ich nicht verstanden wurde», sagt Hütter. Beide Trainer schmunzeln, als sie die Aufzählung mit österreichischen Ausdrücken betrachten, Peintinger hat sogar eine eigene Liste mitgebracht. Mit Heisssporn Renato Steffen steht ein «Häferl» im YB-Team, dem es auch immer wieder gelingt, den Gegenspieler in einen «Häferl» zu verwandeln.

Gemeinsame Wurzeln in Graz

Ab und zu sorgt Hütter unter Medienvertretern für Erheiterung, wenn er von seinen «Burschen» spricht oder von der «Kampfmannschaft». YB-Goalie Marco Wölfli erzählt, dass vor allem ein Begriff hängen geblieben sei. «Hösche», so nennen die Österreicher das im Training beliebte 5 gegen 2 oder 4 gegen 1. Im Mittelalter bedeutete das Hohn und Spott, möglicherweise wurde der Begriff auf diese Spielform adaptiert für jene Akteure, die sich in der Mitte den Ball erkämpfen müssen.

Und Werner Müller, der Präsident, sagt, er habe einmal richtig gestutzt, als Hütter von einem Fussballer sprach, der «in der Kiste» sei. Dabei ging es natürlich nicht um das Gefängnis und auch nicht um Goalies oder Tore. So nennt der Österreicher einen Spieler, der ausser Form ist.

«In der Kiste» sind beim Gesprächstermin beide YB-Trainer nicht. Sie berichten angeregt vom Fussball in ihrer Heimat und davon, wie sie sich kennen gelernt haben. Das war in Graz, wo sie bei den rivalisierenden Klubs Sturm und GAK engagiert waren, sich aber bald kennen und schätzen lernten. «Auch unsere Frauen verstehen sich gut», sagt Peintinger, «wir gehen ab und zu zusammen in den Wanderurlaub.»

Peintingers Mut

In Bern arbeiten die österreichischen Fussballlehrer erstmals zusammen. Peintinger ging bis Ende September während 26 Jahren einer Tätigkeit bei der Wirtschaftskammer nach, zuerst während der Karriere als Fussballer, später als Trainer in unteren Ligen und Nachwuchsakademien. «Vielleicht ist es ein Risiko, mit 48 Jahren den Job aufzugeben», sagt Peintinger, «aber Fussball bedeutet mir viel. Ich habe ein sehr gutes Gefühl mit Adi Hütter. Zudem hätte ich es mir nicht verziehen, hätte ich es nicht als Profitrainer probiert.»

Und so versuchen zwei Österreicher, Fussballbern endlich wieder mit einem Titelgewinn zu beglücken. Ab und zu darf der «Ferserl» im Spiel ihrer Mannschaft integriert sein, am liebsten gegen «Jausengegner», insgesamt aber setzen sie auf die frühe Balleroberung. Fürs Fotosujet entscheiden sie sich übrigens schliesslich für den «Gurkerl» – wobei der Assistent seinem Chef das Tunneli verpassen darf.

Berner Zeitung

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