Mit dem Geist der «Stuttgarter Schule»

Heute steht die neue, mutige Spielphilosophie der Young Boys erstmals richtig auf dem Prüfstand, wenn der Meister und Leader Basel im Stade de Suisse zu Gast ist.

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Fabian Ruch

Der moderne Fussball ist definitiv bei YB angekommen. Vor 40 Jahren experimentierten innovative Trainer in Holland mit einer Raumdeckung, echte Inspirationsquellen waren dann vor einem Vierteljahrhundert Arrigo Sacchi bei Milan sowie der kauzige Tüftler Waleri Lobanowski bei Dynamo Kiew.

Und eine Keimzelle der ballorientierten Verteidigung liegt in Stuttgart, wo der Amateurtrainer Helmut Gross nach einem Trainingsbesuch bei Lobanowski damit begann, mit aggressivem Pressing den Gegner unter Druck zu setzen. Er fand lernwillige Schüler und Mitstreiter vor, die als Spieler meist keine Stars gewesen waren, sich als Fussballlehrer aber lustvoll auf Experimente einliessen.

Tuchels Erfolg in Dortmund

Und so wird diese Spielphilosophie, der auch der neue YB-Trainer Adi Hütter huldigt, «Stuttgarter Schule» genannt.

Joachim Löw, der deutsche Bundestrainer, liess sich davon inspirieren, Ralf Rangnick, heute bei Red Bull Leipzig, ist ein riesengrosser Verfechter, er leitete in Stuttgart und Ulm im Nachwuchsbereich unter anderem die heutigen Bundesligatrainer Thomas Tuchel (bei Dortmund mit 11 Pflichtspielsiegen gestartet!), Markus Gisdol (Hoffenheim), Roger Schmidt (Leverkusen) und Alexander Zorniger (Stuttgart) an. Und auch Robin Dutt (Sportchef bei Stuttgart), Hansi Flick (DFB-Sportdirektor) sowie Thomas Schneider (Assistent Deutschlands) lassen sich dieser Gruppe zuordnen.

Jürgen Klopp wiederum fand in Mainz mit Wolfgang Frank einen fanatischen Anhänger dieser Schule. Und so etablierte sich diese mutige Art von Fussball in Deutschland, wobei es je nach Trainer Abweichungen gibt. Der ausgesprochen erfinderische Tuchel sagte dem «Spiegel», es gehe darum, sich weiterzuentwickeln.

Die «Stuttgarter Schule» sieht aber auch er als Basis seiner Arbeit an. Und Zorniger, der vielleicht konsequenteste Umsetzer des Pressingfussballs, meinte in der «Süddeutschen Zeitung»: «Am aggressiven Spiel gegen den Ball führt kein Weg vorbei, diese Philosophie ist für mich alternativlos. Aber mit dem Ball gibt es individuelle Lösungen.»

Rangnicks Lehre bei Red Bull

Je nach Ausprägung der Spielweise variiert die Ausrichtung, entscheidend ist aber ein Ansatz, den YB-Trainer Hütter so umschreibt: «Es geht nicht um Ballbesitz, da gibt es viele Möglichkeiten.

Es geht darum, den Ball so schnell wie möglich so weit vorne wie möglich zu erobern, dann ist der Weg zum gegnerischen Tor nicht mehr weit.» Diese kraftintensive Art könne man natürlich nicht 90 Spielminuten durchziehen. «Aber die Mannschaft muss bereit sein, immer wieder Vollsprints durchzuziehen.»

Hütter wurde 2014 von Red-Bull-Fussballchef Rangnick in Salzburg engagiert, nachdem der Österreicher mit dieser mutigen Spielausrichtung bei kleineren Vereinen wie Altach und Grödig für viel Aufsehen gesorgt hatte. «Ich konnte bei Rangnick einiges verfeinern», sagt Hütter, «aber ich war bereits vorher ein grosser Fan dieses Fussballs. Das war mein Türöffner zu Red Bull.»

Als Spieler habe er 1992 in Graz unter Milan Miklavic trainiert, der sich immer weitergebildet habe und oft bei Sacchi zu Besuch gewesen sei. «Wir spielten für damalige Verhältnisse hochmodern, mit Raumdeckung und Pressing», sagt Hütter.

Hütters Mut bei Grödig

Im Erfolgsfall sorgt dieses Spielkonzept für Unterhaltung, Tore, Spektakel, aber wenn es nicht läuft, ist der Grat sehr schmal. «Am Ende des Tages entscheidet das Ergebnis», sagt Hütter. Er sei aber kein Trainer, der umstelle, wenn es nicht laufe – und dann extrem defensiv spiele.

«Bei Grödig liefen einmal die Vorbereitungsspiele katastrophal», erzählt Hütter, «es gab Forderungen, wir sollten als Aufsteiger vorsichtiger agieren. Ich zog es durch, wir wurden sensationell Dritter.»

Zornigers Not in Stuttgart

Sinnigerweise ist derzeit ausgerechnet am Standort Stuttgart ein Trainer in höchster Not. Alexander Zorniger überzeugt mit dem VfB zwar seit Saisonbeginn mit schwungvollem, begeisterndem Fussball, hat aber nach fünf Runden noch keinen Punkt gewonnen – weil seine Mannschaft trotz klarem Chancenplus in jeder Partie eklatant im Abschluss sündigte. «Effizienz vor dem Tor hat nichts mit der Spielweise zu tun», sagt Hütter.

Und Zorniger zieht sein Konzept unbeirrt durch, das nächste Mal heute in Hannover. Er sagte gestern: «In der Rhythmischen Sportgymnastik machst du fast alles richtig und gewinnst dann den Wettkampf. Aber im Fussball machst du fast alles richtig und kannst verlieren.»

Berner Zeitung

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