«Mich haben einige abgeschrieben»

Vier Jahre nach Olympiagold und nach zahlreichen Verletzungen bewegt sich Sandro Viletta (32) zwischen Zweifel und Zuversicht.

Kleinere Ziele: Sandro Viletta fehlt derzeit die Sicherheit. Foto: Urs Jaudas

Kleinere Ziele: Sandro Viletta fehlt derzeit die Sicherheit. Foto: Urs Jaudas

Würden Sie Ihr Olympiagold hergeben, wenn Sie dafür die letzten vier Jahre zurückspulen könnten?
Ganz bestimmt. Nach dem Karriereende würde es wohl anders aussehen. Der Olympiasieg ist das, was ich zeitlebens vorweisen kann; er wird für immer der grosse Posten auf meiner Habenseite sein. Aber ich frage mich, wo ich stehen würde, wenn die letzten Jahre halbwegs normal verlaufen wären.

Seit Ihrem Triumph in Sotschi sind Sie nur 21 Weltcuprennen gefahren. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie ans Verpasste denken?
Dass fast nur Plan B zur Anwendung kam. Immer wieder dieser verflixte Plan B. Arztbesuche, Physiotherapie, Aufbautraining – aber viel zu wenig Schneetage, viel zu wenig Rennen. Es ist extrem ­bitter und schwierig zu akzeptieren, wenn man so oft zurückgeworfen wird. Aber ich glaube weiter an mich, an die Wende.

Haben Sie daran gedacht, die Karriere zu beenden?
Es gab diese Momente; nach dem Sturz in Gröden und der Kreuzbandrissdiagnose im Dezember 2016 hing ich drei, vier Tage in der Luft. Aber auf diese Weise konnte ich nicht aufhören, ich war mit mir nicht im Reinen.

Was treibt Sie an, weiterzukämpfen?
Ich fahre extrem gerne Ski. Ein gutes, ­intensives Training gibt mir eine emotionale Befriedigung. Es macht mir nichts aus, morgens um 6 Uhr den Berg hochzufahren, auch als 32-Jähriger nicht.

Zweifeln Sie daran, den Anschluss noch zu schaffen?
Ich habe keine Angst, aber es gibt diese latente Unsicherheit. Es ist hart, weil es sich in den Kurven manchmal nicht so anfühlt, wie ich es gerne hätte. An guten Tagen bin ich nahe an den Leuten dran, an schlechten Tagen aber sehr weit weg.

Den Europacup-Super-G in Wengen beendeten Sie als Fünfter, in der drittklassigen FIS-Abfahrt in ­Saalbach reichte es nur für Rang 38.
Es funktioniert nicht bei allen Schneeverhältnissen. Manchmal fehlt die letzte Entschlossenheit, dann traue ich mich nicht, voll anzugreifen. Irgendwie ist das normal nach drei Jahren, in denen ich Hunderte Schneetage verpasst habe. ­Natürlich tut es weh, sich eine solche Rangliste anzuschauen. Ich muss mich an wenigen kleinen Dingen festhalten.

Spüren Sie Rückhalt von Swiss-Ski?
Mich haben einige abgeschrieben. Ich spüre aber das Vertrauen von Cheftrainer Tom Stauffer, was entscheidend ist.

Zum nun in Österreich tätigen Speedtrainer Sepp Brunner hatten Sie kein gutes Verhältnis. Erleichtert Ihnen sein Abgang den Neuanfang?
Es war nicht die grosse Liebe zwischen uns. Aber Sepp hatte auch gute Ansichten. Was den Regenerationsprozess ­betrifft, war ich mit ihm jedoch überhaupt nicht einverstanden.

In Absprache mit Stauffer ­engagierten Sie Patrice Morisod als Privattrainer – auf eigene Rechnung. Welche Idee stand dahinter?
Ich brauchte den kompletten Neu­anfang, ein auf mich ausgerichtetes ­Training. Deshalb ging ich bis Anfang Dezember diesen Weg. Von Morisod hatte ich ausschliesslich Gutes gehört, früher von den Schweizer Abfahrern, später von den Franzosen. Auch Athleten, denen es nicht lief, sprachen gut über ihn. So etwas ist sehr selten.

Sie haben auf Einsätze im Weltcup und auf die Möglichkeit verzichtet, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. War die Reise nach Südkorea nie ein Thema?
Vor einem Jahr wollte ich unbedingt an der WM in St. Moritz teilnehmen. Es war ein Schock, als es nicht klappte. Jetzt würde es nichts bringen, etwas zu erzwingen. Im November und Dezember stand ich nie auf Abfahrtsski. Ich muss ehrlich sein: Es fehlt mir die Sicherheit. (Überlegt) Meine Pläne sind sowieso nicht auf eine Saison begrenzt.

Sondern?
Drei, vier Jahre möchte ich noch fahren. Aber natürlich muss ich meine kleinen Ziele erreichen – jetzt geht es darum, mir eine vernünftige Ausgangslage in den Startlisten zu verschaffen. FIS-Rennen bringen mich da wohl weiter als Olympische Spiele.

Was hat Ihnen die Goldmedaille gebracht?
Sie entschädigt für vieles! In Sotschi hat die Welt gesehen, zu was ich fähig bin. Knapp zwei Jahre lang war dieser Sieg ein grosses Thema, in dieser Zeit zehrte ich finanziell davon. Aber weil ich danach kaum Rennen fuhr, rückte Olympia wieder in den Hintergrund.

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