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Mentale Aggressivität im Endspurt

Die Winterpause kommt für die müden Young Boys genau richtig. Noch aber stehen zwei wichtige Partien auf dem Programm.

Bissig und konzentriert: Die Young Boys (hier Ulisses Garcia, rechts) legten gegen Luzern den Fokus auf eine stabile Defensive.
Bissig und konzentriert: Die Young Boys (hier Ulisses Garcia, rechts) legten gegen Luzern den Fokus auf eine stabile Defensive.
Martin Meienberger (Freshfocus)

Am Ende des Fussballjahres ist es im Stade de Suisse am Samstagabend wie meistens, wenn die Young Boys in den letzten Monaten auftraten. Die Spieler feiern mit den Anhängern, sie verabschieden sich mit einem Erfolg gegen Luzern. 1:0 statt 4:3.

Es ist ein Arbeitssieg. YB ist nach anstrengenden Monaten mit vielen Verletzten müde und schwerfällig, trotz Dominanz gegen den gleichfalls personell geschwächten Aussenseiter überzeugt der umständliche Meister nicht, fügt dem FCL aber dennoch die sechste Niederlage in Serie zu. «Wir haben wenig klare Chancen kreiert», sagt YB-Mittelfeldspieler Michel Aebischer. «Doch der Fokus lag heute auf einer soliden Defensive.»

Die starke Heimbilanz

Immer kann es nicht ein gelb-schwarzes Feuerwerk sein. YB beendet das Ligajahr zu Hause ungeschlagen mit 15 Siegen und 3 Remis und einem sagenhaften Torverhältnis von 52:17!

Allerdings hatte YB in der Super League zuletzt viermal in Serie drei Gegentore erhalten, darum sagt Goalie David von Ballmoos nach dem 1:0 gegen Luzern: «Es war ein Ziel von uns, endlich wieder zu null zu spielen.»

In der Liga gelang das letztmals Anfang Oktober beim 4:0 in Zürich gegen den FCZ, zu Hause Ende August beim 4:0 gegen den FCZ. «Wenn wir zu null spielen, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass wir gewinnen», sagt Aebischer. «Ein Tor erzielen wir im Stade de Suisse fast immer.»

Genau genommen erzielte das wenig inspirierte YB gegen Luzern keinen Treffer. Es wäre vielleicht zum ersten Heim-0:0 in der Liga seit April 2014 gegen Sion gekommen, hätten die Luzerner nicht kräftig nachgeholfen. FCL-Captain Pascal Schürpf lenkte die unpräzise Flanke Ulisses Garcias derart unglücklich und präzis mit der Hüfte ins eigene Tor ab, dass sein starker Torhüter Marius Müller (ohne Westernhagen) sagte: «Dieses Gegentor passt zu unserer Situation. Es würde mich nicht überraschen, wenn bald Frank Elstner mit der versteckten Kamera auftaucht.»

Keinen Spass verstanden in den letzten Wochen auch die Young Boys wegen ihrer Gegentorflut. «Es gibt uns Zuversicht», sagt von Ballmoos, «haben wir es geschafft, keinen Treffer zu erhalten.» Und es lag im Stade de Suisse gegen Luzern zwar ein Hauch von Weihnachten und Winterpause in der Luft, aber noch bestreitet YB 2019 ja zwei wichtige Partien: am Donnerstag in der Europa League bei den Glasgow Rangers, am Sonntag in Lugano.

Es ist eine vom Spielplan her unglückliche Konstellation, und weil von den sechs Verletzten kaum einer dank einer Blitzheilung einsatzbereit sein wird, muss es jene ausgelaugte Truppe richten, die sich gegen Luzern so schwertat. «In Glasgow erwartet uns ein grosses Spiel», sagt von Ballmoos, «und ein ganz anderes als gegen Luzern.»

Die Frage nach dem System

Eine Frage wird sein, in welchem System die Young Boys das Endspiel in der Europa-League-Gruppenphase angehen werden. Sie benötigen einen Sieg, um weiterzukommen, ein Punkt genügt einzig, wenn Feyenoord Rotterdam beim FC Porto siegt.

Das ist eher unrealistisch. Zuletzt operierte YB oft im 4-4-2, eine Möglichkeit, um kompakter zu sein, wäre ein 4-2-3-1, wobei es aufgrund der verletzten Fabian Lustenberger, Vincent Sierro, Gianluca Gaudino und Sandro Lauper an Alternativen im zentralen Aufbau fehlt. Christian Fassnacht könnte deshalb in die Mitte rücken. Doch mit dem flinken Roger Assalé als zweitem Stürmer wäre YB bei den Umschaltsituationen gefährlicher. «Egal, wer spielt», sagt Nicolas Bürgy, «jeder von uns wird mit Sicherheit bereit sein.»

Über 50 000 Zuschauer werden im ausverkauften Ibrox-Stadion erwartet, die Ambiance wird feurig sein, der Gegner kampfstark und aggressiv. Und Bürgy vielleicht mittendrin statt nur dabei. Er erhielt gegen Luzern eine Einsatzgelegenheit anstelle des vorher fehlerhaften Cédric Zesiger – und überzeugte mit Ballsicherheit, Robustheit, Antizipation. «Ich habe mich gefreut, durfte ich endlich wieder spielen», sagt der Innenverteidiger. Er war sehr aufsässig und setzte das um, was sich YB vorgenommen hatte und Bürgy so beschreibt: «Wichtig war für uns heute auch die mentale Aggressivität.»

Die Bewerbung Bürgys

Es ist eine hübsche Wortkreation für das Bestreben der Young Boys, bissig zu sein und vorausschauend. Und nie die Konzentration zu verlieren. «Das haben wir geschafft», sagt Bürgy, «wir liessen wenig zu.» Ganz ohne Wackler ging es auch gegen diesen zutiefst angeschlagenen FCL nicht, in der Schlussphase verdiente sich Goalie von Ballmoos das Zu-null-Spiel mit zwei starken Paraden.

Und Bürgy gab insgesamt eine Bewerbung für weitere Einsätze ab. Er ist ohne Lustenberger, Lauper und den auch verletzten Mohamed Camara einer von drei verbliebenen Innenverteidigern, macht sich aber nicht zu viele Gedanken über sein Standing in der Hierarchie: «Ich möchte einfach so oft wie möglich spielen.»

Der Berner ist deutlich spielstärker als die typenähnlichen Zesiger und Frederik Sörensen, die es angesichts ihrer Kopfballstärke in Glasgow aber möglicherweise benötigen wird. Auch Bürgy überzeugte in dieser Saison nicht immer, deutete gegen Luzern sein Potenzial jedoch an. Die letztjährige Aarau-Leihgabe ist beim langen Anlauf, sich bei YB zu etablieren, einen Schritt vorangekommen. Der 24-Jährige könnte in drei Tagen auch Teil einer Dreierkette in der Abwehr sein, eventuell wären die Young Boys in einem 3-4-3 stabiler. «Auch das können wir», sagt Bürgy, «wir haben die Spieler dafür.»

Die formstarken Verfolger

In Glasgow werden die Young Boys ganz bestimmt ihre Schnelligkeit bei Kontern ausspielen müssen. Und im Europacup haben sie diese Saison immer solid verteidigt, selbst wenn sie nur beim 2:0 gegen Feyenoord ohne Gegentor blieben. Damit das erfolgreiche 2019 erfolgreich endet, muss sich der Meister auf den letzten Metern des Jahres jedoch noch einmal kräftig aufrappeln.

2020 übrigens beginnt Ende Januar gleich mit dem Heimspiel gegen Basel, ein erknorztes 1:0 würde YB auch dann mitnehmen. Der FCB liegt nach dem 4:0 gestern gegen Sion weiter einen Zähler hinter den Young Boys, St. Gallen folgt nach dem 4:1 in Thun mit zwei Punkten Rückstand. Für die formstarken YB-Verfolger kommt die Winterpause ungelegen.

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