«Man hat mich verraten»

Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter erzählt, wer ihn aus dem Amt drängte, hält seinen Nachfolger für eine schlechte Kopie und fordert staatliche Kontrollen über die Sportverbände.

«Eine deutsche Sportrechtlerin hat mir eine Abhandlung geschickt und mir gesagt: Sie sind immer noch der Präsident!»: Sepp Blatter. Foto: Keystone

«Eine deutsche Sportrechtlerin hat mir eine Abhandlung geschickt und mir gesagt: Sie sind immer noch der Präsident!»: Sepp Blatter. Foto: Keystone

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Das Zürcher Restaurant «Sonnenberg» liegt gleich gegenüber der ehemaligen Fifa- Zentrale. Sepp Blatter gehört hier zu den Stammgästen. Anders als inzwischen im Fussball-Weltverband: Dort wurde er im Dezember 2015 hinaus komplementiert, gesperrt durch das hauseigene Ethikkomitee. Das Verhältnis zu seinem Nachfolger Gianni Infantino? Schlecht kann man es nicht nennen. Es existiert schlicht nicht.

Sepp Blatter ist kaltgestellt. Im Interview spricht der 82-Jährige über die Ermittlungen der Schweizer Bundesanwaltschaft gegen ihn und über die Frage nach seiner eigenen Verantwortung für die vielen Korruptionsaffären im Weltfussball. Und er präsentiert neue Details zur deutschen Affäre um die WM 2006.

Herr Blatter, wie geht es Ihnen, knapp drei Jahre nach dem grossen Schock?
Mir geht es gut, nachdem ich festgestellt habe, dass es nicht nur Fussball gibt. Obwohl der mein Leben markiert hat, als Junge und später 41 Jahre lang in der Fifa. Dann kam der brüske Abgang, der mich erschlagen hat. Aber ich habe erkannt: Das Wichtigste im Leben ist die Gesundheit. Die habe ich in der Fifa nie gepflegt. Ich habe nie Ferien gemacht und bin immer nur vorwärts, vorwärts.

Sie waren ein Besessener?
Ja! Fast. Also Besessenheit ist zu hart. Aber Fussball war für mich alles, rund um die Uhr. Fussball ist mehr als Kicking, er hat weltweite Verbreitung, baut Brücken, zwei Milliarden Menschen auf der Welt sind direkt oder indirekt mit dem Fussball verbunden – das ist eine Statistik aus Deutschland. Aber man muss an die Gesundheit denken. Das zweite Element ist die Familie, und das dritte ist die Liebe. Du musst dich irgendwo anlehnen, wo die Anlehnung auch zurückkommt. Und das habe ich erst etwas spät erfahren.

«Verraten haben mich der damalige Chefjurist Marco Villiger und der Generalsekretär.»

Die Frage, die sich nach so einem Absturz immer stellt: Haben Sie danach Ihre wahren Freunde kennengelernt?
Und wie! Und wie – das Thema bringt mich immer in Emotionen. Wie wenige plötzlich da sind, und wie wichtig die Freundschaft ist, die dann noch bleibt.

Es gibt also Enttäuschungen ...
Grosse Enttäuschungen. Die grössten für mich sind die Internen, im Hause Fifa. Die Vertrauten. Dass die Leute vom Exekutivkomitee nur gewartet haben, dass ich weg bin, kann ich verstehen. Ich war Technischer Direktor, Generalsekretär, die vom Exekutivkomitee waren meine Chefs – dann bin ich ihr Chef geworden. Einige haben das nicht verdaut. Okay. Aber intern in der Fifa, da hat man mich richtig verraten.

Wen meinen Sie damit?
Verraten haben mich der damalige Chefjurist Marco Villiger, der jetzt auch abgelöst wurde – und der Generalsekretär. Das habe ich aber erst später gemerkt, als der schon suspendiert war.

Jérôme Valcke.
Der hatte selbst schon das Präsidentenamt im Auge.

Heute wird gegen Valcke unter anderem wegen des Verdachts der Untreue ermittelt. Bezüglich der Privatjetflüge, die er auf Fifa-Kosten teils mit Familie unternommen hatte, für rund zehn Millionen Euro, hat er sich explizit auf Sie berufen: Sie hätten ihm gesagt, er solle Privatjet fliegen, damit er nicht verhaftet werden kann. Stimmt das?
Ja, aber nur bei einem Flug, zur WM-Auslosung nach St. Petersburg. Es ging nicht um die Befürchtung vor einer Verhaftung. Es ging um die Sicherheit. Der WM-Pokal war im Flugzeug dabei.

Und Valckes andere Privatflüge?
Richtig betrachtet, hätte er da natürlich auch fragen sollen. Dass er mit der Familie fliegt, habe ich nicht gewusst. Ich bin nie mit meiner Familie geflogen.

Was meinen Sie dann, wenn Sie so enttäuscht von Valcke sind?
Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich darüber leider nicht sprechen. Denn im Laufe des Monats bin ich dazu Auskunftsperson für die Staatsanwaltschaft.

Die Fifa hat sich rasend verändert unter dem neuen Präsidenten Gianni Infantino. Kennen Sie dort überhaupt noch Leute?
Nicht viele. Dort musste ja alles, was mit mir verbunden war, weg. Da wurden auf Niveau eins und zwei, also Direktion und Abteilungsleiter, 61 Personen entlassen. Das ganze Knowhow der Firma ist weg.

Aber Sie selbst sind mit sich im Reinen?
Ich bin mit mir im Reinen.

Gab es einen Punkt, an dem Sie die eigene Rolle reflektiert haben?
Sicher. Es ist ja auch juristisch noch nicht vorbei, es steht hier in der Schweiz immer noch der Fall mit Michel Platini an, die Zahlung von zwei Millionen Franken an ihn ...

... wegen der Sie von der Fifa-Ethikkommission am Ende suspendiert wurden ...
... die aber regulär als Salär ausbezahlt und auch versteuert wurden! Das wird sicher diesen Herbst erledigt sein. Hoffe ich.

Läuft gegen Sie nur noch diese eine Ermittlung? Oder noch etwas anderes?
Da geht es auch noch um diesen alten Fernsehvertrag.

Der TV-Rechtevertrag für Jack Warner, den ehemaligen Fifa-Vizepräsidenten?
Ja, der.

«Warum sollte ich mich wehren, wenn ein Vertrag gut ist?»

2005 haben Sie die TV-Rechte an den WM-Turnieren 2010 und 2014 für die Karibik zum Billigpreis von 600'000 Dollar an Warner ausgereicht. Warner hat die Rechte dann nach Aktenlage für 15 bis 20 Millionen Dollar weiterverkauft. Finden Sie das nicht ziemlich problematisch?
Also nein, das ist jetzt Ihre Beurteilung. Gemacht wurden diese Verträge ja immer über die juristische Abteilung. Damals hatte ich zwar das Recht zur Einzelunterschrift, aber ich glaube nicht, dass ich überhaupt mal einen Vertrag allein unterschrieben habe. Auch bei dem Dokument, das jetzt dazu zirkuliert, bin ich nicht sicher, ob da nicht noch eine zweite Unterschrift war – und diese Unterschrift ist jetzt weg ...

Einfach verschwunden?
... und wenn dann, wie bei diesem Vertrag, 50 Prozent zurückfliessen an die Fifa, ist das kein schlechter Vertrag. Den würde ich heute noch verteidigen.

Der Rückfluss von 50 Prozent an die Fifa war doch nur für Werbe-Erlöse vereinbart – nicht für Warners Millionenreibach mit dem Rechtegeschäft an sich.
Es ging ums ganze Paket. Die Fifa hätte daran gut verdient. In der Zeit war das ein sehr guter Vertrag. Warum sollte ich mich wehren, wenn ein Vertrag gut ist?

Aber die Frage ist doch, ob man als Präsident so einen Vertrag mit seinem Vizepräsidenten machen darf. Selbst, wenn es ein Supervertrag wäre. Unter Amtsträgern.
Der Vizepräsident Warner war damals auch Präsident einer ganzen Konföderation, des Nord-Mittelamerika-Verbandes Concacaf. Und in den Neunzigerjahren hatte er die Rechte immer gratis bekommen...

... für einen symbolischen Dollar ...
... ja, ein Dollar. Und dann haben wir etwas verlangt von ihm – das soll falsch sein?

Warner hat damit Millioneneinkünfte erzielt, von denen die Fifa nichts sah. Würden Sie aus heutiger Sicht sagen, dass man das so machen darf?
Heute sicher nicht. Aber das liegt viele Jahre zurück.

Herr Blatter, müsste ich Sie aus Ihrer Sicht eigentlich immer noch als Fifa-Präsident anreden, wenn auch als suspendierter?
Ja. Ich bin gewählt worden 2015, auf vier Jahre. Und ich bin nie abgewählt worden. Ich habe auch nie demissioniert. Und nach den Fifa-Statuten muss zuerst ein Präsident weggehen, bevor ein anderer kommt.

Hatten Sie nicht selbst öffentlich erklärt, den Weg für Neuwahlen freizumachen?
Ja. Aber eine deutsche Sportrechtlerin, Sylvia Schenk, hat mir eine Abhandlung geschickt und mir gesagt: Sie sind immer noch der Präsident! Man hätte bei dem Wahlkongress sagen müssen, Blatter ist nicht mehr Präsident. Ein formaler Fehler.

Sylvia Schenk hat Ihnen das so geschrieben? Sie wollen also zurück?
Nein, ich würde nicht mehr einsteigen.

Betrachtet man das Treiben Ihres Nachfolgers Gianni Infantino, und wie das in den relevanten Teilen der Fussballwelt ankommt, könnte man meinen, Sie bekämen noch einmal eine Mehrheit zusammen. Tritt mancher noch an Sie heran?
(lacht) Nein. Die Leute sagen nur, es ist schade, dass Du nicht mehr dabei bist. Früher war es eine Freude, in die Fifa zu gehen. Heute ist es ein Muss.

«Er redet nicht mit mir, ich rede nicht mit ihm»: Sepp Blatter über seinen Nachfolger Gianni Infantino. Foto: Keystone

Mal jenseits aller Nostalgie: Es laufen Ermittlungen der US-Justiz und der Schweizer Bundesanwaltschaft (BA). Ende 2017 wurden in einem ersten US-Verfahren in New York Dutzende Personen verurteilt. Laut Ermittlungen wurden allein dort 110 Millionen Dollar unter Fussballfunktionären aufgeteilt – nur in Lateinamerika. Dazu kommt im Jahr 2001 der Bankrott der Fifa-Hausagentur ISL: Da wurde Schmiergeld an Funktionäre in Höhe von rund 140 Millionen Franken aktenkundig. Das allein ist eine Viertelmilliarde, die in Ihrer Amtszeit, unter Ihrer politischen Führung, von dubiosen Figuren kassiert und damit dem Sport entzogen wurde. Empfinden Sie das nicht als Belastung?
Was die Amerikaner da ermittelt haben, hat nichts mit der Fifa zu tun. Das wurde von den Konföderationen gemacht. Und dass Leute aus unserer Exekutive dabei waren – die wurden ja nicht von mir gewählt, sondern von den Konföderationen in die Fifa geschickt. Also, der Fall Amerika ist keiner, mit dem ich was zu tun habe. Und der Fall ISL wurde von der Schweizer Justiz und vom Fifa-Ethikkomitee behandelt: In beiden Fällen wurde ich freigesprochen.

Es geht aber nicht um die Frage, ob Sie selbst Geld genommen haben. Sondern um die politische Verantwortung.
Wenn ich etwas nicht weiss ...

Sie kannten vielleicht nicht die Vorgänge, aber Sie wussten doch über die Funktionäre Bescheid. Die immer selben Leute, die schon früher Korruptionsfälle am Hals hatten. Leute wie Warner und andere, die im Visier der US-Justiz stehen. Wurden Sie getäuscht, oder haben Sie die einfach gewähren lassen?
Also, man kann mich dann als dumm betiteln. Aber ich habe die Fifa mit Vertrauen geführt. Was dann später alles rauskam: Hätte ich das früher gewusst, hätte man da entgegenarbeiten können. Und zur Verantwortung: Die habe ich gezeigt, indem ich 2015 mein Mandat zur Verfügung gestellt habe. Damit die Amerikaner aufhören, die Fifa als eine Mafia darzustellen. Sie haben das ja auch geschrieben, Mafia.

Stimmt, haben wir. Als Sie dann gesehen haben, was diese Leute alles getrieben haben – hatten Sie dann auch selbst den Eindruck, dass hier mafiöse Dinge abliefen?
Sicher. Das tat weh. Das war auch ein Teil meiner Einkehr. Aber ich kann ja nicht dafür die Verantwortung übernehmen.

Reden wir über Ihren Nachfolger, Gianni Infantino.
Ich rede nicht über Infantino. Er redet mit mir nicht, ich rede mit ihm nicht.

«Der Fussball gehört den zwei Milliarden Menschen, die er interessiert.»

Hätten Sie Ihren Nachfolger an der Fifa-Spitze noch selbst aussuchen können: Infantino wäre es eher nicht geworden?
Ich habe mich in diesem Wahlkampf neutral verhalten. Nach der Wahl habe ich ihn zweimal getroffen. Da waren wir gut, wir haben ein Glas Wein getrunken, Rotwein, zum Abend in der Westschweiz. Dann habe ich ihm gesagt, ich habe noch einige Probleme zu lösen. Weil ich ja, als ich 2015 aus der Fifa-Zentrale ging, alle meine Sachen dort gelassen hatte. Ich dachte, in zwei, drei Tagen bin ich zurück. Ein schwerer Irrtum. Er sagte, schreib sie auf, ich löse die. Aber bei der Fifa passierte nichts. Ich fragte nach, und dann kam nur noch die Antwort, wir reden über Anwälte. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen oder gesprochen.

Leute aus dem Umfeld sagen, Infantino versuche Sie immer zu imitieren.
Das fällt vielen Leuten auf.

Die Kopie ist schlechter als das Original?
Die Kopie ist immer schlechter. Und er hat keinen guten Kopierapparat.

Hat er Ihr Vermächtnis in der Fifa gut verwaltet? Nehmen wir die Aufstockung der WM auf 48 Teams – was halten Sie davon?
Das ist nicht mehr realistisch. Es sind zu viele Teams, es dauert zu lange, es sind zu viele unattraktive Spiele. Und in Dreiergruppen spielen, das kann man nicht machen. Das haben wir 1982 in Spanien gemacht. Einer muss zuschauen, und das letzte Spiel kann man irgendwie drehen.

Infantinos grösster Coup bisher ist mysteriös: 25 Milliarden Dollar will er erlösen mit einer Klub-WM und einer Nations League, die es noch gar nicht gibt. Er wollte den Fifa-Vorstand damit überrumpeln, ohne genaue Geschäftspunkte zu verraten oder auch nur die Investoren offenzulegen. Das schlug erst einmal gründlich fehl. Was halten Sie davon?
Man darf den Fussball nicht verkaufen. Der Fussball gehört den zwei Milliarden Menschen, die er interessiert.

Können Sie sich irgendeine Konstellation vorstellen, in der eine Nations League und eine Klub-WM, gespielt über zwölf Jahre, 25 Milliarden Dollar generieren?
Nein. Keine. Schon was ich vorangetrieben habe mit dem Fussball als Millionenbusiness – da hat mir mein Vorgänger Joao Havelange gesagt, Sepp, du hast ein Monster kreiert! Pass auf! Ich sagte: Ja, aber wir kontrollieren das. Wenn man's aber nicht mehr kontrollieren will oder kann ...

Hätte Infantino nicht wenigstens erklären müssen, wer die Investoren sind? An dieser Geheimnistuerei ist das Projekt ja erst einmal gescheitert.
Ich weiss gar nicht, ob es gescheitert ist.

Im ersten Schritt ist es gescheitert, aber er will weiter Druck machen.
Was für mich an der Sache sehr interessant ist: Dass die Medien oft nicht einverstanden sind, das kenne ich. Aber was ich noch nie gesehen habe, ist, dass ein Verband aufgestanden ist und gesagt hat: Stopp!

Das ist das Novum an dieser Sache.
Der Fifa-Vorstand stand noch nie auf und sagte: Nein, so geht das nicht weiter. Also, ich nehme das erstaunt zur Kenntnis.

Reden wir mal über das Sommermärchen, die deutsche Affäre um die WM 2006. Da können Sie ja vielleicht zur Aufklärung beitragen. Ende 2001 führten Sie ein Vier-Augen-Gespräch mit Franz Beckenbauer. Und kurz danach hiess es bei den Deutschen: Wir kriegen 250 Millionen Franken von der Fifa, als Organisationszuschuss für die WM – aber wir müssen dafür was tun! Dann flossen zehn Millionen Franken, angeblich als Vorschuss, um an die 250 Millionen zu kommen ...
Ich habe den Franz damals gefragt, seid ihr in Deutschland nicht so reich, dass ihr kein Geld von der Fifa braucht? Aber das war eher eine provokative, lustige Frage. Natürlich war klar, dass wir die Deutschen unterstützen.

Und was ist wirklich passiert mit den zehn Millionen Franken, die beim DFB am Anfang des ganzen Sommermärchen-Schlamassels standen?
Nichts.

Nichts? Geflossen sind sie, das ist belegt. Zunächst von einem Konto Beckenbauers an den Funktionär Mohamed bin Hammam in Katar. Dann übernahm Robert Louis-Dreyfus die Zahlung, der damalige Adidas-Eigner, und deklarierte sie als Darlehen an Beckenbauer. Und aus Katar, heisst es, sei das Geld dann wieder zurückgeflossen in die Schweiz.
Nein. Nach meinen Informationen kam das Geld nie in die Schweiz. Also: Der DFB hatte einen Vorschuss bekommen von Louis-Dreyfus, das ist mein Stand. Für die Finanzierung eines Eröffnungsfestes für die WM in Berlin. Das war die Idee von Bundeskanzler Schröder.

Also das ist jetzt wirklich eine ganz neue Version. In den Akten ist doch ziemlich überzeugend festgehalten, dass das Darlehen von Louis-Dreyfus für «F.B.» ausgereicht wurde, also wohl für Franz Beckenbauer persönlich, nicht für den DFB, und ...
... aha! Dann sage ich lieber nichts mehr. Ich war da nicht involviert. Da wissen Sie mehr als ich.

Aktuell lässt die Aktenlage vermuten, dass Beckenbauer mit dem Geld einen Einstieg ins TV-Rechte-Geschäft finanziert hat. Könnte es ein Einstieg in die damals neu gegründete Firma Infront von Louis-Dreyfus gewesen sein, die die kostbaren WM-Rechte der Fifa aus den Trümmern des Kirch-Konzerns übernommen hatte?
Beckenbauer bei Infront?

So eine Vermutung lässt sich aus den Bankunterlagen herleiten – basierend auf den Aussagen von Louis-Dreyfus gegenüber seiner Bank.
Ich passe. Ich bin überfragt.

Und warum haben die Deutschen dann 2005, als das Darlehen zurückzuzahlen war, die inzwischen berühmten 6,7 Millionen Euro an die Fifa überwiesen – und diese Zahlung als Zuschuss für die geplante WM-Eröffnungsgala deklariert?
Ja gut, Deutschland hatte einen Kredit bei der Fifa. Und dieser Kredit wurde mit den 6,7 Millionen Euro verrechnet.

Das wäre ebenfalls völlig neu. Warum hat die Fifa 2004 die Eröffnungsgala überhaupt von den Deutschen übernommen?
Nein, wir haben das nicht gemacht.

«Der Sport bewegt die Welt, er ist eine riesige Wirtschaftsmacht geworden. Und Politiker greifen ein.»

Doch. Es gibt dazu ein Memorandum, besiegelt zwischen Ihnen und dem Vertreter der Bundesregierung. Das liegt in den Akten alles vor. Die WM-Eröffnungsgala, für die bis dahin die Deutschen zuständig waren, ging damit an die Fifa über.
Ich kann nur so viel sagen: Die Fifa hätte die Gala nicht veranstaltet.

Warum übernahm dann die Fifa diese Gala im Herbst 2004 von den Deutschen und erstattete sogar 2,6 Millionen Euro für bereits entstandene Kosten? Warum wurde, als die Gala Anfang 2006 abgesagt wurde, mit dem Regisseur André Heller eine Auflösungsvereinbarung gemacht, die für aufgelaufene Kosten und anderes gut 15 Millionen Euro umfasst haben soll? Warum wurde so viel Geld in ein Projekt gesteckt, das aus Fifa-Sicht nie hätte stattfinden sollen? Das klingt nach einer riesigen Geldverschiebung.
An einen solchen Vorgang kann ich mich nicht erinnern.

Aber Sie haben Einblick in die Akten?
Nein. Denn ich war nur Auskunftsperson. Diese Dokumente habe ich nicht, dann sollte man mir die geben.

Die Justiz, nicht nur in der Schweiz, mischt ja nicht nur den Fussball auf. Auch beim Internationalen Olympischen Komitee sind viele Spitzenleute unter Verdacht geraten, einige wurden schon aus dem Verkehr gezogen. Ist im Weltsport eine Art Flächenbrand im Gange?
Der Sport bewegt die Welt, er ist eine riesige Wirtschaftsmacht geworden. Und Politiker greifen ein. Wenn zum Beispiel der französische Staatschef Sarkozy dem damaligen Uefa-Präsidenten Michel Platini sagte, du musst so und so abstimmen...

... also für die WM 2022 in Katar ...
... ja, und das hat Platini dann getan. Mit seiner eigenen Stimme und mit den drei anderen Europäern, die immer mit ihm mitgingen. Und als es um Südafrika 2010 ging, hatte der Spanier im Fifa-Vorstand gesagt, mein König hat mir aufgetragen, ich solle für Marokko stimmen. Und für die WM 2026 kam jetzt der Präsident der USA, Donald Trump, und sagte: Achtung an alle, die gegen mich stimmen wollen ... die wurden ja regelrecht bedroht! Was soll der Sport gegen so etwas machen? Er hat ein Problem mit der Führung. Die ist zu schwach. Das ist auch beim IOC so, es ist die Führung.

Die muss sich ändern?
Man kann nicht länger unprofessionell solche Betriebe führen. Das ist heute Topmanagement. Es braucht nicht mehr nur Leute, die im Sport gross geworden sind. Die Fifa ist ein Verein, das IOC ist ein Verein – so wie der Fischerverein hier unten. Oder wie der Turnverein in Embrach. Das ist nicht mehr richtig. Wir sollten dem Sport jetzt andere, richtige Strukturen geben. Führen lernst du nicht, indem du mal Meister in irgendeiner Sportart warst. Das gilt auch für das IOC – wer führt das? Der Fechter ...

... Thomas Bach ...
... ja, und auch da fehlt das Führungselement. Das hat schon bei mir am Schluss nicht mehr genügt. Obwohl ich eine Ausbildung hatte: Ich war immerhin in der Privatindustrie bei der Uhrenfabrik Longines, und ich habe beim Militär gelernt zu führen. Das ist eine gute Schulung. Aber es braucht heute Profis in diesen Sportverbänden.

«Nein, die Fifa muss nicht riesig sein.»

Die Fifa hat ihr Hauptamt, das Generalsekretariat, jüngst ausdrücklich gestärkt. Aber nun sitzt dort unter Infantino Frau Fatma Samoura aus dem Senegal. Sie war bis 2016 Entwicklungshelferin der Uno in Afrika. Kann sie jetzt auf einmal den wichtigsten Sportverband der Welt führen?
Das ist auch so ein Beispiel.

Braucht der Sport auch die Kontrolle durch die staatliche Gerichtsbarkeit?
Eigentlich schon. Hier in der Schweiz müsste man die Verbände ins Obligationenrecht hinein nehmen. Das ist für alle Betriebe, Aktiengesellschaften und ähnliches eine Kontrolle. Die müssen an die Behörden melden und werden kontrolliert. Man sagt immer, der Sport solle unabhängig sein ...

... die berühmte Autonomie des Sports ...
... aber das geht heute nicht mehr. Es genügt nicht mehr.

Wie sieht ein Zukunftsmodell aus? Es gibt ja eines, das unter Infantinos Kritikern debattiert wird: dass man die Fifa nicht, wie es gerade passiert, immer weiter aufbläht bis an die Tausend-Mitarbeiter-Grenze, sondern sie im Gegenteil reduziert auf ihre Kernkompetenz. Auf die WM-Veranstaltung – dafür braucht es kaum 100 Mitarbeiter. Dazu ein wirklich starkes Hauptamt, und an der Spitze wechseln sich im Einjahres-Turnus die Präsidenten ab: mal aus Asien, aus Europa, aus Afrika. So könnte keiner die Machtbasis aufbauen, um die Regie über den Fussball an sich zu reissen.
Das ist ein gutes System, und es war schon mal auf dem Tisch. Das kam von der Uefa, zusammengestellt hatte es der damalige Generalsekretär Gerhard Aigner.

Wann war das?
Das war so 1995, 1996. Das Modell existiert. Und das war nicht dumm.

Wäre es ein Modell für heute? Oder braucht es eine immer grössere Fifa?
Nein, die Fifa muss nicht riesig sein. Sie muss, neben der WM, auch das ganze Schiedsrichterwesen machen. Das muss zentralisiert sein. Und die Spielregeln müssen kontrolliert und überwacht werden.

Das wäre trotzdem eine kleine, schlagkräftige Einheit – verglichen mit dem Riesenbetrieb, der gerade heranwächst.
Ja. Die Fifa wird so zu gross. Wenn du allen alten und neuen Mitarbeitern eine Neujahrskarte schickst, wird das ganz schön teuer ... (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.10.2018, 17:07 Uhr

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