«Lussjen» und die Kraft der Floskel

Der eine furios mit Borussia Dortmund, der andere frech mit Union Berlin: Lucien Favre und Urs Fischer sind erfolgreich in einem Kosmos, der sie manchmal fremd wirken lässt.

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In Nizza hätte Lucien Favre vielleicht ein wenig ausgeholt. Im fernen Frankreich nennen sie das Charme, aber hier, in Dortmund, da bringt er diese Auftritte lieber schnell hinter sich. Und in Basel oder Zürich, in Thun sowieso, da wäre Urs Fischer vielleicht mit der ihm ureigenen Floskel «ja, näi» eingestiegen, aber «ja, nein» klingt unvorteilhaft, er lässt das lieber bleiben. 2:3 hat Fischers Union Berlin gerade im Cup bei Favres Dortmund verloren, unerwartet war es ein Vergleich auf Augenhöhe, der haushohe Favorit und deutsche Tabellenführer siegte gegen den frechen Zweitligisten knapp nach Verlängerung. «Oh, là là» sagt Favre nach 120 Minuten Nervenkitzel nur und zeigt sein schelmisches Favre-Lächeln. «Ja natürlich», sagt Fischer - auch das sagt er gern - «ja natürlich haben wir kein Lächeln im Gesicht. Aber wir dürfen stolz sein.»

Fischer und Favre: Etwas fremd wirken die beiden Schweizer im auf Unterhaltung getrimmten Kosmos Bundesliga schon. Doch zu ihren Clubs passen sie: Favre wird beim BVB für seinen Fussball geschätzt, Fischer bei Union für seine Bodenständigkeit. Beim FCZ gab es eine kurze gemeinsame Zeit, Favre war Meister-, Fischer noch Nachwuchstrainer, doch nur im Falle von Favre schien der Weg ins Ausland irgendwie vorgezeichnet. Nur durch den Fussball konnte es ihn, den Kreativling mit dem frankophonen Flair, an Orte wie Mönchengladbach verschlagen. Vielleicht entstand dort sein Ethos, sich mit nichts als Fussball zu beschäftigen, und manch einer hielt ihn dann an der Côte dAzur in Nizza für besser aufgehoben. Doch Favre schien sich zu sehnen, nach einem Ort, wo nicht nur nichts anderes zählt, sondern wo es auch nichts anderes gibt als den Fussball, und so gesehen passt er eben doch nirgends besser hin als nach Dortmund.

«Scheisse, wir steigen auf»

Und statt 17 Grad in Nizza nimmt Favre am Mittwoch nun die fünf Grad im Ruhrpott in Kauf. Hässlich laut quietscht es, wieder hält ein Zug vor dem Signal-Iduna-Park, dunkel ist es seit gefühlt 15Uhr, und in den Bierlachen am Bahnsteig wird auch das bunteste Herbstlaub grau. Die Züge spucken Menschen aus, 70000 sind es an diesem Abend, und wahrscheinlich hat jeder von ihnen in den letzten Jahren ob des Fussballs beim BVB einmal die Nase gerümpft. Bis Favre kam.

Fischers Weg nach Deutschland war ein anderer. Union Berlin, 2. Bundesliga - man wusste nicht so recht, was man von diesem Transfer halten sollte. Doch die ersten Monate haben gezeigt, dass das passen kann. Union grenzt sich in Berlin ab, von der Weltstadt im Allgemeinen, dem mondänen Westen im Speziellen. Eigentlich kommt der Club aus Köpenick, das ist Vorstadt, und dort hat er sein marodes Ost-Image nach der Wende entstaubt und sich eine eigentümliche, liebenswerte Identität geschaffen, mit einem alternativen Publikum, das manchmal selbst nicht so recht weiss, was es will. Als Union vor zwei Jahren unerwartet um den Aufstieg mitspielte, flatterten im Verein die Nerven. «Scheisse, wir steigen auf», stand auf einem Transparent in der Fankurve treffend geschrieben. Mit dem Aufstieg wurde es dann doch nichts, «Glück gehabt», meinten die ureigensten Zyniker, denn in Köpenick unterhalten sie sich mit jedem gern, aber mit dem Establishment wollen sie partout nichts zu tun haben. Da kommt Urs Fischer nicht ungelegen.

Beim BVB wollen die Leute etwas zu sehen bekommen, auch wenn es kein Schönwetterpublikum gibt. Die grossen Namen der letzten Wochen, in denen der BVB an die Spitze der Bundesliga und zu 29 Ligatoren stürmte, fehlen am Mittwoch im Aufgebot. Vorerst kein Sancho, vorerst kein Reus, auch der Schweizer Goalie Bürki sitzt draussen.

Sie wollen Dortmund im Final

Und es klappt tatsächlich mit der Zweitbesetzung. Den Siegtreffer kurz vor Schluss erzielt zwar dann doch Reus, aber zuvor spielen seine Kollegen phasenweise diesen stürmischen Angriffsfussball, der die Leute träumen lässt. Der BVB bleibt als einziges Profiteam in Deutschland ungeschlagen, Favres Rotationsgeschick ist entsprechend ein Thema. «Er kann gegen aussen noch so kauzig erscheinen», sagt Oliver Müller, «aber in der Mannschaft, da nimmt er alle mit.»

Für die Tageszeitung «Welt» berichtet Müller seit 25 Jahren über den BVB. Von Favre ist er beeindruckt. Es möge seltsam erscheinen, wenn er nach einem 7:0 gegen Nürnberg sage, es gebe noch viel zu tun. «Aber in der Sache hat er fast immer recht. Das beeindruckt die Leute.» Sie nennen ihn hier «den Lussjen», mit dem Französischen tun sie sich ebenso schwer wie Favre mit dem Deutschen, was sie aber eint, ist der Glaube, den BVB bald wieder dort zu sehen, wo er vor fünf Jahren war: im Final der Champions League.

Dazu stellte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke in Dortmund vieles um, er schuf für den früheren Captain Sebastian Kehl die Funktion «Leiter Lizenzspielerabteilung», er holte den beim FC Bayern verschmähten Matthias Sammer zurück. Dazu passte, dass es endlich mit Favre passt. Schon zweimal wollte ihn Watzke holen. Nun ist er da und profitiert von der nach Veränderung lechzenden Grundstimmung.

Kunst der Allgemeinplätze

Bei Union ging Fischer die Probleme von hinten nach vorne an: Er stabilisierte das Sorgenkind Abwehr, kassiert nur noch 0,6 Gegentreffer pro Spiel, siegt mal 1:0, spielt dann 0:0 und steht auf Rang 3. Fischer lobt und liebt die glühende Verehrung des kaum je kritischen Anhangs, auch am Mittwoch, als 9000 Fans die 500 Kilometer auf sich genommen haben. Ansonsten äussert er sich zurückhaltend. In Dortmund wird Fischer gefragt, ob die lange Partie Folgen hat für den nächsten Ligatermin. Antwort: «Wir sollten jetzt die richtigen Mahlzeiten zu uns nehmen und gut schlafen.» Seine Allgemeinplätze gelten unter Journalisten schon als Kunstform.

Die aus der Vorsicht geborene Haltung ist clever. Die 2. Bundesliga gilt als unberechenbar, nebst den Absteigern aus der Beletage gibt es wenig Luft zum Atmen. 17Trainer wurden letzte Saison geschasst, aktuell sind es schon wieder sechs. Es ist die Kraft des Unverbindlichen, die Fischer mit seiner Zurückhaltung nutzt. Und Witz versprüht er damit ja trotzdem irgendwie.

Redaktion Tamedia

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