Liverpool auf dem Trampolin

Im Frühjahr dominierten vier englische Clubs die europäischen Wettbewerbe – von ihnen ist jetzt niemand besser in Form als der Sieger der Champions League.

Dezember 2018, die Heldentat auf dem Weg zum Champions-League-Sieg: Liverpools Goalie Alisson rettet gegen Napolis Milik. Foto: Getty Images

Dezember 2018, die Heldentat auf dem Weg zum Champions-League-Sieg: Liverpools Goalie Alisson rettet gegen Napolis Milik. Foto: Getty Images

Thomas Schifferle@tagesanzeiger

Ach ja, Liverpool und seine Geschichte. Anfield, You’ll Never Walk Alone, Kop, all das macht diesen Club aus. Und da ist noch etwas, was für Liverpool steht: diese tiefe Sehnsucht, wieder einmal Meister zu werden, erstmals seit 1990. Damals war es der zehnte Titel innerhalb von nur vierzehn Jahren.

Letzte Saison sah es schon gut aus, sieben Punkte lagen die Reds phasenweise vor Manchester City. Dass sie die Saison mit einer Serie von 17 Spielen ohne Niederlage beendeten und trotzdem bloss Zweiter wurden, sagte alles über die phänomenale Stärke von City. Immerhin gewann Liverpool die Champions League und stürzte seine Stadt kurzzeitig ins Delirium.


Video: Klopp in Feierlaune mit Campino

Der Trainer und der Sänger der Toten Hosen feiern zusammen den Champions-League-Triumph. (Video: Twitter)


Jetzt stehen sie wieder hervorragend da. In der Premier League haben sie nach zwölf Siegen und einem Remis bereits acht und mehr Punkte Vorsprung auf die Verfolger. Und in der Champions League stehen sie kurz vor dem Einzug in die Achtelfinals. Dafür brauchen sie nicht einmal ein positives Resultat am Mittwochabend gegen Napoli, wenn Salzburg gleichzeitig in Genk nicht gewinnt.

Wer in Liverpool den Namen Napoli hört, muss mit seinen Gedanken schnell beim 11. Dezember vergangenen Jahres sein. Liverpool brauchte gegen die Italiener unbedingt den Sieg, um sich im letzten Gruppenspiel für die Achtelfinals zu qualifizieren. 1:0 stand es tief in der Nachspielzeit, als Arkadiusz Milik fünf Meter vor dem Tor zum Abschluss kam und an Alisson scheiterte. Die Parade des brasilianischen Goalies wird seither in Anfield als Heldentat verehrt. Ohne sie hätte Liverpool die Champions League nicht gewinnen können.

In der Meisterschaft ist Liverpool in 46 Heimspielen unbesiegt. 30 Partien hat es in der Liga nicht mehr verloren, und in dieser Zeit 80 Punkte gewonnen und 70 Tore erzielt. Diese Mannschaft ist Jürgen Klopps Werk, sie ist das Werk eines Mannes, der mit seiner Kraft den Club nachhaltig beeinflusst hat – wie vielleicht kein Trainer sonst seit dem legendären Bill Shankly in den Sechzigerjahren.

Die Kraft der Geschichte

In einem Interview mit «The Athletic» sagt Klopp: «Was wir machen, können wir auf eine besondere Art machen, weil wir so viel Kraft von ausserhalb erhalten – vom Publikum, vom Club, von der Geschichte.» Als er kam, im Herbst 2015, hatte er das Gefühl, die Geschichte sei eine Belastung, jetzt fühle sie sich wie ein Trampolin an.

Dem Gegner im englischen Final vom 1. Juni, Tottenham Hotspur, ergeht es weit weniger gut. Er hat letzte Woche Mauricio Pochettino nach fünfeinhalb Jahren entlassen müssen. «Das war ein Schock für alle», sagt Captain Harry Kane. Er gehört zu den Spielern, die Pochettino so viel zu verdanken haben. Aber auch er hat die Leistung diese Saison nicht gebracht, die den alten Verbündeten im Amt gehalten hätte.

José Mourinho ist dafür da an der White Hart Lane, und Tottenham kann sich allein dank ihm quasi über Nacht wieder aus dem Schatten der Grossen aus Liverpool und Manchester lösen. Mourinho ist keiner fürs Mittelmass, nie gewesen, «er ist ein Sieger», sagt Kane, «und wenn jemand eine Reputation hat wie er, gibt das einem Vertrauen».


Bildstrecke: Mourinhos erfolgreicher Einstand bei Tottenham

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Am Samstag starteten die Spurs mit einem 3:2 bei West Ham in die neue Zeitrechnung. Am Dienstagabend drehten sie die Partie in der Champions League gegen Olympiakos Piräus nach einem 2:0-Rückstand und gewannen 4:2. Damit war die Achtelfinal-Qualifikation aus eigener Kraft geschafft. Für Mourinho war es das 149. Spiel in diesem Wettbewerb, er sagt: «Jeder träumt davon, ihn zu gewinnen. Nicht jeder hat das Privileg, das zu schaffen. Mir ist es zweimal gelungen.»

Chelsea ist der dritte englische Vertreter in dieser Champions League, der letzte Saison in einem europäischen Endspiel stand. Damals gewannen die Blues in der Europa League gegen Arsenal 4:1. Danach hatten sie einen Sommer, in dem sie wegen des Verstosses gegen das Transferreglement der Fifa keine neuen überteuerten Spieler holen durften. Dafür verpflichteten sie mit Frank Lampard einen unerfahrenen Trainer, der seither schon fast gezwungenermassen auf die Jugend setzt.

Der Erfolg ist verblüffend. Chelsea liegt in der Liga auf Platz 4, nur einen Punkt hinter Meister Manchester City – und das mit Spielern wie Tammy Abraham, Mason Mount, Fikayo Tomori, Reece James und Callum Hudson-Odoi, die zwischen 19 und 22 Jahren alt sind. Die Blues haben das frische Blut aus dem eigenen Haus, wie es sich Roman Abramowitsch schon lange gewünscht hat. Der Clubbesitzer verfolgt die Entwicklung jedoch aus der Ferne. Wegen der diplomatischen Spannungen zwischen England und Russland hat er seit 18 Monaten kein Spiel mehr an der Stamford Bridge gesehen.

Die Emery-Frage

Und dann ist da noch Arsenal als letzter Vertreter des glorreichen englischen Frühjahrs. Von Glanz ist rund ums Emirates Stadium im Londoner Norden nichts übrig geblieben, die Frage in diesen Tagen ist vielmehr: Wie lange kann sich Unai Emery als Trainer noch halten?

Die Gunners wanken unter dem Spanier, und wenn sie ein Gesicht haben, dann höchstens eines, das den Fans keine Freude machen kann. Aus den letzten fünf Spielen holten sie nur drei Punkte, und am Samstag konnten sie gegen Southampton nur durch ein Tor von Alexandre Lacazette in der 96. Minute ein 2:2 retten. Southampton ist ein Krisenclub, der zuvor sechs von sieben Spielen verloren hatte, unter anderem 0:9 gegen Leicester.

Gab nicht immer eine gute Figur ab: Unai Emery, hier über den Fall Granit Xhaka. (Video: Youtube/Arsenal)

Emery klagt darüber, dass die «emotionale Balance» in der Mannschaft gestört sei – auch wegen des Vorfalls mit Granit Xhaka. Was ihm dabei auch nicht hilft: dass er es in eineinhalb Jahren nie geschafft hat, eine Verbindung zur Fanbasis zu finden. Am Donnerstag kann sich Arsenal mit einem Sieg gegen Eintracht Frankfurt für die nächste Runde der Europa League qualifizieren. Das wäre wenigstens einmal etwas.


Dritte Halbzeit – der Tamedia Fussball-Podcast

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Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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