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Lieblingsrolle Nervensäge

Dem FC Thun gelingt gegen die Young Boys einmal mehr eine Überraschung. Nach dem 2:2 im Derby ist die YB-Meisterparty um mindestens eine Woche verschoben.

Zwei Etagen höher: Thuns Verteidiger Roy Gelmi überspringt in der 61.?Minute die YB-Spieler und trifft zum 2:1.
Zwei Etagen höher: Thuns Verteidiger Roy Gelmi überspringt in der 61.?Minute die YB-Spieler und trifft zum 2:1.
Patric Spahni
Gegen Gelmis Kopfball war Marco Wölfli im YB-Kasten machtlos.
Gegen Gelmis Kopfball war Marco Wölfli im YB-Kasten machtlos.
Patric Spahni
Thuns Goalie Guillaume Faivre muss sich dem Kopfball von Christian Fassnacht geschlagen geben.
Thuns Goalie Guillaume Faivre muss sich dem Kopfball von Christian Fassnacht geschlagen geben.
Keystone
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Es sind Szenen aus lange vergangenen Zeiten, die sich am Mittwochabend in der Stockhorn-Arena abspielen. YB, der souve­räne und stilsichere Leader, der 2018 nie verloren und fast immer gewonnen hat, muss anrennen und bietet Räume für Konter an. Thuns Sandro Lauper erobert im Mittelfeld den Ball, Grégory Karlen marschiert durch die Stadtberner Hälfte, der Walliser vergibt aber das 3:1 für das Heimteam leichtfertig.

Die Thuner, die die Saison gegen den designierten Meister mit positiver Bilanz abschliessen können, scheinen erneut zuzuschlagen. Und währendessen geht der FC Basel gegen GC in Führung, YB braucht jetzt einen Sieg, um am Sonntag zu Hause gegen Lausanne noch Meister werden zu können.

Thun ist Gelb

In Erwartung eines weiteren Fussballfests sind Stunden zuvor YB-Fans von überall her zur Stockhorn-Arena geströmt, durch Aare-, Gürbe- und Emmental, viele in Gelb-Schwarz. Der Aufruf des Clubs «Alles in Gelb nach Thun» ist nicht ungehört geblieben, Thun ist an gewissen Orten tatsächlich Gelb. Für YB und seine Anhänger ist, der grosse Erfolg vor Augen, jedes Spiel ein grosses. Und so tragen sie dazu bei, dass die Stockhorn-Arena mit 10'014 Zuschauern erstmals seit dem Dezember 2011 und dem ersten Berner Derby im neuen Stadion ausverkauft ist. Rund die Hälfte der Zuschauer sympathisiert mit YB, mindestens.

Und YB agiert in Thun wie ein Heimteam. Es übernimmt von Beginn an die Kontrolle, Miralem Sulejmani und Christian Fassnacht kommen dem Thuner Tor zaghaft näher, nach einer Viertelstunde brauchen die Oberländer schon eine Grosstat ihres Goalies Guillaume Faivre gegen Roger Assalé, um nicht in Rückstand zu geraten. YB tritt auf, wie das ein Team, das seit Anfang Dezember und dem letzten Derby in Thun ungeschlagen ist, eben tut: ab­geklärt und selbstbewusst.

Bei den Young Boys fällt nicht mal sonderlich ins Gewicht, dass mit dem kurzfristig verletzten Kevin Mbabu, dem gesperrten Sékou Sanogo und dem geschonten Guillaume Hoarau drei der besten Spieler nicht auf dem Platz stehen. Wobei: Für Hoarau spielt Jean-Pierre Nsame, der erfolgreichste Torschütze der Vorrunde. Und der Kameruner, seit dem Winter zum Nebendarsteller degradiert, erzielt in der 27. Minute nach herrlichem Zuspiel Fassnachts das 1:0 für die Gäste. YB führt, das Heimteam muss seinen Matchplan revidieren.

Die Führung für die Gäste aus Bern durch Jean-Pierre Nsame. Quelle: SRF

Spektakuläre Derbygeschichte

Thuns Trainer Marc Schneider hat im 3-5-2-System eine Mannschaft aufgestellt, die vor allem ein Ziel verfolgt: möglichst kein Gegentor zu erhalten. Die Oberländer sind damit in den letzten Wochen gut gefahren, sie haben in vier Partien acht Punkte geholt, weil sie wenig zuliessen und vorne eiskalt zustiessen. Thun hat wenig gemein mit jenem Team, das YB in der Vorrunde zweimal geschlagen und viele Tore geschossen hat. Eine Aufholjagd scheint deshalb eher unwahrscheinlich.

Aus heiterem Himmel: Marvin Spielmann verwertet einen Penalty zum 1:1-Ausgleich. Quelle: SRF

Und dann ist eine Stunde gespielt, und Thun liegt plötzlich vorne – wie aus Zauberhand. Erst foult Sulejmani Glarner im Strafraum stümperhaft, Spielmann verwandelt den Penalty sicher, dann steigt Roy Gelmi nach einem Corner zwei Etagen höher als sein Gegenspieler Kasim Nuhu und trifft mit einem wuchtigen Kopfball. Es steht 2:1, die Derbygeschichte 2017/2018 ist um eine spektakuläre Wende reicher. Die Thuner brillieren einmal mehr in ihrer Lieblingsrolle als YB-Nervensäge.

Spiel gedreht: Roy Gelmi versenkt einen Eckball per Kopf. Quelle: SRF

YB ist geschockt

Die Gelb-Schwarzen müssen das erst einmal verkraften, sie taumeln in diesen Minuten. Doch die Thuner können nicht profitieren und werden dafür bestraft: Der linke Verteidiger Loris Benito wird am linken Flügel angespielt, er flankt in die Mitte, wo Christian Fassnacht in der 82. Minute mit dem Kopf zum 2:2 trifft. Nuhu schnappt sich den Ball und trägt ihn schnurstracks zur Mittellinie zurück.

Auch den Young Boys gelingt in Person von Christian Fassnacht noch ein Kopfballtor. Quelle: SRF

YB will gewinnen, das Meisterrennen möglich rasch entscheiden. Doch richtig gefährlich wird es vor dem Thuner Tor nicht mehr. Als erst zweites Team ringen die Oberländer den Young Boys im 2018 ein Unentschieden ab. YB-Mittelfeldspieler Leonardo Bertone drischt den Ball verärgert auf die Tribüne.

Und so sind es am Ende die Thuner, die sich über das 2:2 freuen können. Sie holen im Abstiegskampf einen wichtigen Punkt und viel Selbstvertrauen. Und weil Basel gegen GC 1:0 gewinnt, sind die Meisterfeierlichkeiten der Young Boys um mindestens eine Woche bis zum Heimspiel am 28. April gegen den FC Luzern vertagt.

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