Leon Goretzka spürt die Bayern-Welt

Nach zuletzt schwächeren Leistungen spielt der Schalker gegen seinen künftigen Arbeitgeber passabel und bereitet ein kurioses Tor vor. In München erwarten ihn grosse Aufgaben.

Spielt ab nächstem Sommer in München: Schalkes Mittelfeldspieler Leon Goretzka.

Spielt ab nächstem Sommer in München: Schalkes Mittelfeldspieler Leon Goretzka. Bild: Keystone

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Das wäre jetzt natürlich die passende Szene gewesen für dieses Spiel, für diesen Spieler, über den schon so viel geschrieben worden war. Leon Goretzka rannte mit dem Ball übers Spielfeld, vorbei an Mats Hummels, er grätschte den Pass weiter, stand auf, breitete die Arme aus, fordernd, er wollte den Ball, er wollte ein Tor.

Der Ball flog ihm dann auch entgegen, und nun also kam die Szene, die die Szene des Spiels hätte werden können: Goretzka versuchte einen Seitfallzieher, gegen den FC Bayern, gegen den Verein, der ab dem Sommer sein Arbeitgeber sein wird.

Es blieb dann allerdings bei einem Versuch, Goretzka erwischte den Ball nicht richtig, was für seine Mannschaft kurioserweise keine negativen Konsequenzen hatte. Hinter Goretzka stand Franco di Santo, und traf zum zwischenzeitlichen 1:1. Die Vorlage bekam übrigens Leon Goretzka gut geschrieben. Im Training habe er so einen Treffer «tatsächlich schon das eine oder andere Mal geschafft», sagte Goretzka hinterher bei Sky: «Heute sollte es nicht sein. Aber dass da ein Tor draus resultiert, ist das Wichtigste.»

Heidel lobt Goretzka

Wer gegen seinen künftigen Klub spielt, ruft besonderes Interesse hervor – dieses Gesetz gilt im gesamten Fussball, unabhängig von der Liga. Bei Leon Goretzka war dieses Interesse aber noch ein bisschen besonderer. Nicht nur, weil Goretzka Nationalspieler ist. Nicht nur, weil der FC Bayern dessen ablösefreie Verpflichtung ab dem Sommer fast schon zu einem Akt des Altruismus umdeutete, da man Goretzka ja in der Bundesliga gehalten habe. Sondern eben auch, weil der Wechsel nicht für beste Stimmung gesorgt hatte beim FC Schalke 04.

Der Klub hatte gehofft, den in dieser Woche 23 Jahre alt gewordenen Mittelfeldspieler halten zu können. Bei der Verkündung des Wechsels hatte Manager Christian Heidel von einer Einigung aus dem Sommer berichtet. Clemens Tönnies, der Aufsichtsratsvorsitzende, sagte in einer Talk-Show gar: «Meine erste Reaktion war: Du solltest das Trikot von Schalke nicht mehr tragen.» Die Fans pfiffen in seinem ersten Spiel nach der Wechselankündigung, für seine jüngsten Leistungen musste er sich Kritik gefallen lassen.

Nach diesem Spiel beim FC Bayern war das anders. «Sehr, sehr gut», fand Heidel Goretzkas Leistung und fügte dann noch die Adjektive «sehr präsent» und «sehr aktiv» an. Für den Manager war «klar, dass Leon alles geben würde, um ein gutes Spiel abzuliefern». Zu dieser Annahme brachte ihn unter anderem, dass 75 000 Menschen im Stadion vor allem auf Goretzka schauen würden. Aber, so sagte es Heidel, man habe Goretzka «in keiner Weise angemerkt, dass es ein besonderes Spiel war». Das war ausdrücklich als Lob gemeint.

Goretzka hat kein Spiel gemacht, nach dem das Münchner Publikum Sprechchöre hätte anstimmen müssen. Er hatte, abgesehen von der Seitfallzieher-Vorleger, keinen Ich-bin-übrigens-der-Neue-Moment. Der erkrankte Bayern-Trainer Jupp Heynckes hatte ja vor dem Spiel noch angemerkt, dass es beim FC Bayern für jeden neuen Spieler «eine andere Welt» sei, «und auch der Leon Goretzka wird das zu spüren bekommen.»

Schalke und Goretzka forderten die Bayern

Heynckes verwies da auf den Konkurrenzkampf und den ständigen Anspruch zu gewinnen. Zumindest an diesem Tag schien die Münchner Welt nicht so weit weg. Gut, Arturo Vidal bescherte ihm einen kurzen anwendungsorientierten Einführungskurs ins Wesen der Grätsche (wofür Vidal Gelb sah). Aber Goretzka war Teil einer Mannschaft, die den FC Bayern sehr ernsthaft forderte. Er war nicht besser als der Durchschnitt seiner Mitspieler, aber auch nicht schlechter.

Die Sätze, die er hinterher vor den Journalisten sagte, klangen derweil sehr unverdächtig. «Natürlich hättten wir heute gern Punkte mitgenommen», sagte er. Und: «Ich glaube, nach der Leistung hätten wir das auch verdient gehabt. Natürlich ärgerlich, keine Frage.» Wir – dieses Wort brachte Goretzka ausgesprochen oft an, und er meinte: die Mannschaft des FC Schalke 04.

Wobei er auch einräumte: «Da brauche ich keinen Hehl draus machen, dass es sich im Vorfeld anders angefühlt hat. Trotzdem glaube ich, dass sich spätestens nach dem Anpfiff das Gefühl erübrigt hat.» Nach dem Abpfiff beklaschte das Gäste-Publikum dann die Schalker Mannschaft, vereinzelte Pfiffchen waren zu hören, aber in der Hauptsache: Applaus. Ganz vorne, vor dem Rest der Schalker Mannschaft, stand übrigens Leon Goretzka.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 12.02.2018, 08:47 Uhr

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