Zum Hauptinhalt springen

«Kein Thema, jeder macht Fehler»

Morgen spielt YB in Bellinzona. Marco Schällibaum, der Trainer der Tessiner, spricht über die Stürmer Mauro Lustrinelli und Seydou Doumbia, über die Schiedsrichter und seinen Ruf – und über seine Arbeit und die Young Boys.

Kein Freund der Schiedsrichter: Schällibaum wird regelmässig auf die Tribüne verwiesen.
Kein Freund der Schiedsrichter: Schällibaum wird regelmässig auf die Tribüne verwiesen.
Keystone

Spielt Mauro Lustrinelli am Donnerstag gegen YB? Marco Schällibaum (lacht): Das sehen Sie dann am Donnerstag. Warum fragen Sie das?

Nun, Lustrinelli beschimpfte Sie nach seinen zwei Toren am Samstag beim 2:1-Sieg in Aarau heftig, weil er nur eingewechselt worden war. Das geht natürlich nicht, das ist mangelnder Respekt. Der Vorstand und ich werden am Mittwoch entscheiden, wie Lustrinelli gebüsst wird. Ich habe in Bellinzona 22, 23 gleichwertige Spieler, und wenn Lustrinelli ein Problem hat, auch einmal auf der Bank Platz nehmen zu müssen, dann ist das nicht mein Problem. Er ist nach wie vor ein toller Stürmer, er schiesst viele Tore; aber er ist wie Gürkan Sermeter, der als Typ und Fussballer wichtig für uns ist, älter geworden und braucht ab und zu eine Auszeit. Und es war ja nicht so, dass ich in Aarau im Sturm an Stelle von Lustrinelli einen Frosch aufgestellt hatte.

Derzeit häufen sich die Disziplinlosigkeiten im Fussball. Seydou Doumbia zeigte GC-Verteidiger Kay Voser den Stinkefinger... ...das ist eine Geste, die nicht geht, da fehlt ebenfalls das Fairplay. Aber man sollte diese ganzen Sachen auch nicht dramatisieren. Auf dem Fussballplatz fliegen halt auch mal die Fetzen.

Auch Sie sorgen regelmässig für Schlagzeilen, weil Sie sich mit Schiedsrichtern anlegen. Selbst wenn Sie es mir nicht glauben, aber ich bin viel ruhiger worden. Doch ich werde immer auch ein impulsiver Mensch sein. Und mich stört das unheimlich arrogante Getue vieler Schiedsrichter, die einfach sagen: «Ruhe, ich habe entschieden.» Es geht auch anders, man muss respektvoll miteinander umgehen und diskutieren können. Als wir in Bern gegen YB in der letzten Saison einmal einen klaren Elfmeter nicht bekamen, hat sich der Schiedsrichter nach der Partie entschuldigt. Dann bin ich der Erste, der sagt: «Kein Thema, jeder macht Fehler.»

Finden Sie auch wie viele Beobachter, in der Schweiz existiere ein Schiedsrichterproblem? (lacht) Es ist vielleicht besser, wenn ich dazu nicht zu viel sage, ich bin sowieso schon auf der schwarzen Liste bei den Schiedsrichtern. Wir haben mit Massimo Busacca einen herausragenden Schiedsrichter, der seit Jahren Topleistungen zeigt. Und dann gibt es noch drei, vier, vielleicht fünf Schiedsrichter, die okay sind

Sie sagen, Sie seien ruhiger geworden. Dennoch werden Sie oft auf die Tribüne verwiesen. Ich geniesse leider keinen Kredit. Im Heimspiel gegen Basel zum Beispiel habe ich in der 74. Minute erstmals die Coachingzone kurz verlassen – und musste sofort auf die Tribüne. Da fehlt es an Fingerspitzengefühl.

Sportlich gelang Ihnen am Samstag mit dem 2:1-Sieg in Aarau ein Befreiungsschlag. Vorher hatte es geheissen, bei einer Niederlage wackle Ihr Trainerstuhl. Ach, es wird viel geschrieben. Die Boulevardpresse hatte eine Hetzkampagne gegen mich gestartet. Denen hat es kaum gefallen, siegten wir in Aarau. Ich arbeite gut mit dem Vorstand zusammen, er steht hinter mir. Und auch mit den Spielern ist die Zusammenarbeit bestens.

Letzte Saison führten Sie Bellinzona als Aufsteiger auf Rang 6, und auch jetzt liegen Sie 7 Punkte vor Aarau. Erfährt Ihre gute Arbeit zu wenig Wertschätzung? Ja, das ist vielleicht so und hängt damit zusammen, dass die Super League vor allem in der Deutschschweiz zu Hause ist und wir im Tessin halt ein wenig abgelegen sind. Wir haben das deutlich tiefste Budget der Liga und halten uns gut. Es könnten einige Punkte mehr sein, aber die Tendenz stimmt. Letzte Saison waren wir in der Rückrunde stärker, das soll auch diesmal so sein.

Und wie sind das Umfeld und die Medien im Tessin? Intern läuft es gut, aber die Medien sind ungeduldig. Und im Tessin gibt es die Angewohnheit, wie in Italien jedes Detail ausdiskutieren zu wollen. Jeder ist ein kleiner Fussballprofessor. Aber daran habe ich mich gewöhnt, die Leute sind ja enorm liebenswürdig und freundlich hier. Es gefällt mir sehr, nicht nur wegen des schönen Wetters.

Sie suchen als Nachfolger des heutigen YB-Trainers Vladimir Petkovic mit Aussenseiter Bellinzona Ihr Glück ebenfalls nicht unbedingt mit defensiver Taktik. Ich bin ein Trainer, der gepflegten Fussball spielen will und lieber 4:3 als 1:0 gewinnt. Und wir haben ein gutes Team mit zahlreichen talentierten Fussballern.

Mit welchen Gefühlen gehen Sie jetzt ins Spiel gegen YB? Wir haben zuletzt in der Meisterschaft gegen Zürich und in Aarau zweimal gewonnen. Wir möchten diese Serie ausbauen. Aber YB ist für mich das beste Team der Liga. Es ist normal, dass die Berner nach diesem sensationellen Saisonstart zuletzt ein wenig schwächer waren. Auf diesem hohen Niveau kann man nicht eine ganze Saison agieren. Und natürlich freue ich mich auf YB, auch wenn ich nach sechs Jahren nicht mehr viel Kontakt zum Verein habe. In Bern habe ich damals zwei, drei sehr gute Freunde gefunden. Und ich werde mich immer mit Freude und Wehmut an die fantastische Zeit bei den Young Boys erinnern.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch