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Kein grosser Name, dafür ein bisschen Fado

Am Samstag spielt der FC Sion im Stade de Suisse gegen YB. Die Walliser haben einen neuen, unbekannten Trainer. Der 37-jährige Portugiese Ricardo Dionisio ist weit gereist.

Samuel Waldis
Er soll frischen Wind nach Sion bringen: Ricardo Dionisio gibt am Samstag gegen Meister YB sein Debüt als Profitrainer. Foto: Daniela Frutiger (Freshfocus)
Er soll frischen Wind nach Sion bringen: Ricardo Dionisio gibt am Samstag gegen Meister YB sein Debüt als Profitrainer. Foto: Daniela Frutiger (Freshfocus)

Am Tresen in der Mitte des Raumes sitzen drei Männer. Eine Frau serviert ihnen frischen Kaffee aus einer alten Rancilio und Weisswein von irgendwoher. In einer Wandnische steht ein silbriger Plastikelefant; neben einer künstlichen Blume bewirbt eine Tafel den Croque Monsieur für 5.50 Franken. Es ist Mittwochmorgen, durch die Fenster des Bistros sieht man den Sittener Bahnhof.

Die Frau und die drei Männer sprechen miteinander Portugiesisch. Wie in allen Westschweizer Kantonen ist auch im Wallis die portugiesische Diaspora gross. Und seit Anfang Januar hat der FC Sion einen portugiesischen Trainer: Ricardo Dionisio, 37 Jahre alt. Zuletzt war er bei Stade Nyonnais in der dritthöchsten Schweizer Liga tätig. Sion ist sein erstes Profiteam als Cheftrainer. Einer der drei Männer in diesem dunklen Bistro sagt: «Wir kennen ihn nicht. Niemand kennt ihn.»

Zur gleichen Zeit leitet der Unbekannte etwas weiter talabwärts das Training des FC Sion. In der Ortschaft Riddes besitzt Präsident Christian Constantin ein Stück Land, gleich neben einem grossen Baumarkt. Er hat ein gutes Dutzend Container aufstellen lassen; darin befinden sich Garderoben, ein Whirlpool, Fitnessräume, medizinische Geräte oder Massagetische. In der zweiten Etage hat Dionisio sein Büro bezogen. Es ist aufgeräumt, auf einer weissen Wandtafel hat er das Wochenprogramm fast auf die Stunde genau geplant. Bei Stéphane Henchoz, Dionisios Vorgänger, habe das anders ausgesehen, heisst es.

Der Innendekorateur

Dionisio ist klein gewachsen, begrüsst mit festem Händedruck und redet viel. Eine seiner ersten Massnahmen war, den Presseraum zu dekorieren. Schliesslich sei Sion ein Traditionsverein. Dank Dionisio hängen an den Wänden des Containers Bilder der Erfolge, zwei Meistertitel und natürlich die 13 Cuptitel. Eine Fotografie zeigt Gennaro Gattuso, den ehemaligen Champions-League-Sieger und italienischen Weltmeister, der hier Spieler und Trainer war.

Christian Constantin mag grosse Namen. Für die nächste Gala hat er den berühmten Tenor Andrea Bocelli verpflichtet. Und eigentlich hätte er auch gerne einen Trainer mit klingendem Namen. Mircea Lucescu war sein Favorit; der rumänische Welttrainer mit 13 Meistertiteln, die meisten davon mit Schachtar Donezk. Aber nach einer Operation im Dezember rieten die Ärzte dem 74-Jährigen zu einer Pause. So erzählt es Constantin. Auch der ehemalige belgische Nationaltrainer Marc Wilmots hat sich das Wallis angeschaut. Auch dieser Deal scheiterte.

Der Anpassungsfähige

Statt eines grossen Namens sitzt jetzt also Dioniso in den Containern des FC Sion – ein junger Mann, der weit gereist ist. Meistens wirkt er als Assistent unter José Peseiro. Der portugiesische Trainer ist sein Mentor. Mit ihm arbeitet er bei al-Wahda in Abu Dhabi und später in Ägypten beim al-Ahly SC. Dionisio passt die Trainings den Gebetszeiten an; während des Ramadan stellt er gar alles auf den Kopf; und er lernt, in extremen klimatischen Bedingungen klarzukommen.

Seine Trainerkarriere beginnt früh, weil Dionisio immer wusste, dass er es als Spieler nicht nach oben schafft. Mit 19 verlässt er seinen Geburtsort Arruda dos Vinhos, um an der Universität Lissabon zu studieren und dort später zu unterrichten. Gleichzeitig treibt er seine Trainerausbildung voran. Der Portugiese João Alves holt ihn 2010 für drei Jahre zu Servette Genf. Dort lernt er Oscar Londono kennen, der in Sion sein Assistenztrainer ist. Neben Servette und den Clubs aus dem arabischen Raum arbeitet Dionisio bei Portugals vier Grossen: Porto, Sporting, Benfica und Braga; auch da vor allem unter José Peseiro.

Dieser Peseiro ist am Dienstag in Venezuela Nationaltrainer geworden und bot seinem Schüler an, wieder sein Assistent zu sein. Dionisio lehnte ab. Er hat jetzt eine Aufgabe in Sion.

Nie hat Dionisio in seiner Karriere länger als drei Jahre an einem Ort gelebt. Für ihn passt das. Solange er den Fussball hat, ist alles gut. Abschalten kann er ohnehin nicht. Alles dreht sich ständig weiter. «Der Fussball ist immer in meinem Kopf», sagt er. Wenn er mit seiner Frau Urlaub macht, besucht er in der ersten Woche die Clubs in der Region, in der zweiten versucht er, sich an den Strand zu legen. Auch weil der Fussball so viel Platz einnimmt, ist Dionisio mit 37 Jahren bereits zum zweiten Mal verheiratet. Mit seiner Frau und der dreijährigen Tochter lebt er im Wallis, wo Mitte der Woche das Taktik-Training für das Spiel gegen YB unmöglich ist, weil Schnee auf dem Kunstrasen liegt.

Der Feinfühlige

Seine warme Heimat vermisst Dionisio nicht. Aber die vertrauten Menschen, von denen er getrennt ist. Es gebe ein Wort, sagt er, das dieses Gefühl beschreibe und das man kaum übersetzen könne: Saudade, dieser Weltschmerz und das Hauptmotiv des portugiesischen Fado. Als Dionisio das erzählt, wird seine Stimme rhythmischer, melodiöser. Er scheint das Gefühl besingen zu wollen. Ein klein wenig schwingt der Fado mit in diesem Moment, hier in diesem dekorierten und doch schmucklosen Container.

Dionisio ist aufmerksam und schaut dem Gegenüber in die Augen, wenn er spricht. Meist redet er ruhig. Aber wenn ihn ein Thema aufwühlt, dann ändert sich der Ton. Er lehnt sich über den Tisch, als er schildert, wie er beim FC Sion zugesagt hat und Stade Nyonnais von einem Wechsel nichts wissen wollte. Er hatte in der Promotion League einen Vertrag bis 2021, und auch bei Dijon in der Ligue 1 sei er im Gespräch gewesen, erzählt Dionisio. Christian Constantin sagt, er habe Nyon eine Entschädigung von 50'000 Franken angeboten. Das entspricht rund sechs Monatslöhnen Dionisios. Nyon habe abgelehnt.

Der Frische

In Sion verdient Dionisio deutlich mehr. Dafür erwartet Constantin von ihm «de la fraîcheur» – frischen Wind in der Mannschaft, über die sein Sohn und Sportchef Barthélémy Constantin im Dezember gesagt haben soll: «Sie ist tot.» Zweifel habe er keine, sagt Dionisio über seine Arbeit. Constantin hat dem Mann mit dem jugendhaften Selbstbewusstsein einen Vertrag bis Ende Saison gegeben. Im Sommer wollen Club und Trainer über die kommenden zwei Jahre reden. Spätestens dann werden die Männer im Bistro wissen, wer Ricardo Dionisio ist.

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