Jubeln, weinen, ärgern, hadern

Mit der Partie Portugal gegen Island hat am Dienstagabend die erste Runde der EM geendet. Wer waren die Gewinner der ersten zwölf Spiele? Wer die Verlierer? Ein Überblick.

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Conte, der Aufopfernde

Wer sah, wie sie die Hymne sangen, wie sie rannten, kämpften und grätschten, wie sie jubelten, der sah eines: pure Leidenschaft. Es war ein Genuss, den Italienern beim 2:0-Sieg gegen Belgien zuzuschauen.

Man könnte nun Leonardo Bonucci erwähnen, der harte und smarte Innenverteidiger, der vor dem 1:0 einen wunderbaren Pass gespielt hatte. Oder Antonio Candreva, der die rechte Seite rauf und runter lief, als gäbe es kein Morgen. Oder Gianluigi Buffon, den man so oder so ­immer nennen kann.

Man würde aber einem Mann nicht gerecht werden: Antonio Conte, Trainer der ersten Runde. Der 46-Jährige war Antreiber und Taktiker, feurig und kühl. Als die Spieler sein Meisterstück mit dem 2:0 vollendeten, holte er sich in seiner Aussgelassenheit eine blutende Nase. Er sagte: «Ich lasse sie mich auch in zwei Stücke teilen, wenn es nötig ist, damit wir gewinnen.»

Payet, die Symbolfigur

Seine Leistung im Eröffnungsspiel gegen Rumänien war mit die beste im bisherigen Turnier. Sein Tor kurz vor Schluss das schönste. Seine Auswechslung die emotionalste. Als Dimitri Payet am Freitagabend im Stade de France unter Standing Ovations den Platz verliess, kamen ihm, übermannt von den Gefühlen, die Tränen.

«Das war eine Botschaft ans ganze Land», sagte Frankreichs Sportminister Patrick Kanner. Er verwies darauf, dass Payet eine schwierige Zeit hinter sich habe und jetzt wieder in den Vordergrund gerückt sei. «Mit seinen Tränen zeigt er letztlich, wozu Frankreich fähig ist.»

Fans, die sich mögen

Schweizer und Albaner, Kroaten und Türken, Iren und Schweden, Belgier und Italiener: Sie feierten, tranken, schrien, tanzten. Gemeinsam und friedlich. Leider gerieten diese Bilder zeitweise in Vergessenheit. Womit wir bei den Verlierern wären.

Russland, das Unverbesserliche

Erst wüteten die Hooligans in Marseilles Strassen, trainiert, organisiert, zu allem bereit. Dann verpassten es Spieler, Trainer, Funktionäre und Politiker, sich von den Vorfällen zu distanzieren. Jetzt droht Russland der Ausschluss, die Uefa verurteilte das Land am Dienstag auf Bewährung. 2018 findet die Weltmeisterschaft in Russland statt. Auch der Fussball ist ein Verlierer.

Stürmer, die nicht treffen

Haris Sefe­rovic boten sie sich gleich reihenweise, Armando Sadiku vergab auch welche, Martin Harnik ging sehr fahrlässig mit ihnen um: Gemeint sind die Chancen. Das Resultat: wenig Tore. Keine Mannschaft hat in den ersten zwölf Spielen mehr als zwei Treffer erzielt.

Kein Spieler traf doppelt, viele Stürmer gar nicht, prominente wie Griezmann, Ibrahimovic – ja sogar Müller blieb ohne Tor. Es ist stattdessen die EM der Verteidiger, der Bonuccis, der Piques, der Boatengs. Es passt: Die Rettungstat des Deutschen ist mit die spektakulärste Szene des bishe­rigen Turniers.

Cana, der Unglückliche

Er ist seit Ewigkeiten dabei, Lorik Cana, der unverwüstliche Captain von Albanien. 92 Länderspiele hat er bestritten. Er, der in Lausanne aufgewachsen ist, in Frankreich, England, der Türkei und in Italien spielte, sich dem Nationalteam aber immer verbunden fühlte, auch wenn es noch so schwere Zeiten durchmachte.

Man konnte nicht anders, als es ihm gönnen, als Cana am Samstagnachmittag beim ersten EM-Spiel überhaupt seine Nation auf den Rasen führte. Und dann, nach einer halben Stunde, sah der 32-Jährige die Rote Karte. Heute fehlt er gesperrt, bei der Partie gegen Frankreich in Marseille, wo er fünf Jahre gespielt hatte und seine Familie lebt.

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