Jetzt hat YB erstmals etwas zu verlieren

Der Cup-Viertelfinal gegen Luzern am Mittwoch ist das bisher wichtigste Spiel in diesem Jahr für die in der Liga erstaunlich gierigen Young Boys.

Grosser Jubel nach Minisieg: Die YB-Spieler nach dem 1:0 gegen Sion.

Grosser Jubel nach Minisieg: Die YB-Spieler nach dem 1:0 gegen Sion.

(Bild: Keystone)

Fabian Ruch

Es sind Gefühlseruptionen, die dringend erwähnt werden müssen. Gerardo Seoane, dieser oft sehr ruhige Fussballlehrer, ballt die Fäuste, hüpft auf und ab, umarmt alle Mitglieder seines Trainerstabs euphorisch, ist ausser sich vor Freude. YB hat am Samstag soeben Sion 1:0 geschlagen, ein Arbeitssieg in Runde 23, Alltagspflicht gegen einen Gegner, der 36 Punkte weniger hat.

Der Meister bejubelte den Last-Minute-Sieg vor vier Tagen beinahe, als hätte er den Cupfinal gewonnen. Und Gerardo Seoane gab in der Festhütte Stade de Suisse den Vortänzer. Man ist sich das von ihm nicht gewohnt. Ein paar Tage später sitzt er in den Katakomben des Stadions und lacht, als er auf die ausgelassenen Feierlichkeiten angesprochen wird. «Das waren schöne Emotionen, wir hatten viel Aufwand betrieben. Und es freute mich extrem für die Spieler und die Zuschauer, die uns fantastisch unterstützt hatten.»

Über 25 000 Besucher erschienen, das ist angesichts der Langeweile an der Tabellenspitze keineswegs selbstverständlich. Die Szenen nach Spielschluss symbolisieren die Gier der Young Boys, die in der Rückrunde mit 13 Punkten aus 5 Partien die gleiche Bilanz wie Basel aufweisen – aber das schlechtere Torverhältnis haben (7:1 zu 11:2). In elf Tagen tritt YB beim FCB an, in der Liga darf sich der Dominator im Frühling auch kleine Ziele setzen. Beispielsweise die Rückrundenmeisterschaft.

Die Reizpunkte

Und im Cup verfolgen die Young Boys grosse Pläne. Heute treten sie zum Viertelfinal in Luzern an, im Halbfinal würde es ein Heimspiel gegen Thun geben, der Final im Stade de Suisse wäre gegen Rivale Basel oder Zürich, den Finalgegner 2018. Beim 1:2 gegen den FCZ war es dem Favoriten YB nicht mehr gelungen, genügend Spannung aufzubauen nach all den Meisterfeierlichkeiten.

Auch in diesem Frühling ist es für den Leader bei 19 Punkten Vorsprung in der Meisterschaft alles andere als einfach, den Fokus zu behalten. Die späten Siege in Lugano und gegen Sion zuletzt haben aber bewiesen, dass die Mannschaft konzentriert und hungrig bleibt. «Das ist überhaupt kein Problem», sagt Seoane, der etwa bei der Trainingsgestaltung bewusst Reizpunkte setzt, das Team mal im 4-4-2-System aufstellt und mal mit drei Akteuren im zentralen Mittelfeld, regelmässig sogar während einer Begegnung die Aufstellung verändert. «Das fordert die Spieler.»

Konkurrenzkampf würde ebenfalls helfen, damit die Akteure nicht genügsam werden. Trotz erfolgreichen Wochen wirkte YB zuletzt ja nicht mehr ganz so leichtfüssig wie über weite Strecken in der Vorrunde. «Wir haben ein Superkader», sagt Seoane, «aber zuletzt fehlten uns 5 oder 6 Spieler aus der Stammelf der Vorrunde.» Der Coach spricht den Abgang von Sékou Sanogo an sowie die Verletzungen von Guillaume Hoarau, Kevin Mbabu, Sandro Lauper, Mohamed Camara und Miralem Sulejmani. «Wir waren aber in allen Partien überlegen und haben viermal zu null gespielt. Das sind gute Signale.»

Seoanes Rückkehr

Die einzige Saisonniederlage in der Schweiz erlitt YB zu Hause gegen den FCL, als der Meister beim 2:3 für einmal in der Schlussphase zwei Gegentore erhielt. «Das haben wir nicht vergessen», sagt Seoane. Er schaffte einst als Fussballer den Durchbruch in Luzern, arbeitete später sieben Jahre als Coach im Nachwuchs des Clubs und im letzten Frühling sehr erfolgreich mit der ersten Mannschaft. Natürlich sei es immer noch speziell, gegen den FCL anzutreten, sagt Seoane, der wie Luzerns Coach Thomas Häberli Innerschweizer ist. Im Juniorenbereich duellierten sich die Trainer mehrmals.

Cupsieger übrigens ist Seoane nie geworden, mit Luzern verlor er zwei Finals in Bern, wobei er jeweils verletzt ausfiel. 1997 gegen Sion (3:3, 4:5 nach Elfmeterschiessen) sowie zehn Jahre später gegen den FCB 0:1 nach einem Penaltytor von Daniel Majstorovic in der 93. Minute. Mit Treffern in der Nachspielzeit kennt sich der 40-Jährige aus, die Young Boys sind gerade Champions in dieser Disziplin.

Als grösstes Cup-Karriereerlebnis bezeichnet der Trainer denn auch das Weiterkommen in Biel («wie ein Spiel des Jahrhunderts!») in der 1. Runde, als zuerst Garcia in der 95. Minute (!) das 2:2 gegen den viertklassigen FCB erzielte, ehe Hoarau in der 120. Minute das 3:2 gelang. Auch in Schaffhausen siegten die Young Boys dank eines Treffers in der 120. Minute durch Camara 3:2. Im Achtelfinal schliesslich gewannen die Young Boys 1:0 in Nyon. «Wir können uns im Cup noch steigern», sagt Seoane schmunzelnd. Er wirkt ausgeglichen, zufrieden, zuversichtlich vor dem vorerst wichtigsten Spiel des Jahres. In dem YB erstmals 2019 etwas zu verlieren hat.

Berner Zeitung

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