«Ja, das tut mir weh, das stresst mich»

Granit Xhaka erklärt, wie sehr es ihn trifft, wenn er als halber Schweizer bezeichnet wird.

Granit Xhaka: «Dass ich zwei Herzen in meiner Brust habe, ist ein Fakt  – dafür kann ich übrigens auch nichts.» Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Granit Xhaka: «Dass ich zwei Herzen in meiner Brust habe, ist ein Fakt  – dafür kann ich übrigens auch nichts.» Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Wie stark hat Ihnen die WM auf den Magen geschlagen?
Mich hat am meisten enttäuscht, was nachher kam. Klar, wir waren wohl zu überzeugt davon, die Schweden zu schlagen – das war ein grosser Fehler. Aber eben, was dann kam, hat mich richtiggehend geschüttelt.

Was ging in Ihrem Kopf vor?
Mich wunderte, wie heftig auf ­alles eingeschlagen worden ist – als ob man nur auf einen solchen Moment gewartet hätte, endlich loslegen zu können. Sportlich gab es wenig zu kritisieren, diese Mannschaft hat in den letzten Jahren nicht manches Spiel verloren. Ich fragte mich echt: Was läuft genau ab jetzt? Stimmen die Relationen noch?

Am Dienstag sind alle 24 Nationalspieler zur Medienkonferenz erschienen. Wessen Idee war dieser Auftritt?
Wir haben interne Gespräche geführt – mit dem kompletten Staff, mit allen Spielern. Dann gab es eine zweite Sitzung mit dem Mannschaftsrat, mit dem Coach, mit Claudio (Sulser) und Vincent (Cavin). Da entschieden wir, alle an Bord zu nehmen, so quasi zu zeigen: «Hey, egal wer in der Kritik steht, wir stehen zusammen, wir sind eine Einheit, niemand kann uns zu Boden drücken.»

Zeigte der Auftritt auch die Dimension der Probleme, die sich in und um das Nationalteam aufgestaut hatten?
Die ganze Mannschaft war überrascht von der Intensität der Diskussionen und der Konsequenzen. Ob das am Ende auf das enttäuschende Out gegen Schweden zurückging oder die Handgeste alleiniger Auslöser war, wissen wir nicht. Aber die Lawine setzte sich in Bewegung.

Mit Ihrer Geste, mit dem ­Doppeladler, haben Sie eine Reihe von Irritationen und Missverständnissen ausgelöst.
Ich reagierte emotional, ich schoss ein extrem wichtiges Tor für die Schweiz. Ich machte etwas, was mir viel bedeutete, was auch die Menschen im Land meiner Eltern extrem bewegte – ich habe nichts Bösartiges gemacht und niemandem wehtun wollen.

Bildstrecke: Die Chronologie der Doppeladler-Affäre

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Können Sie nachvollziehen, dass es im Umfeld des ­Nationalteams Stimmen gibt, die keine solchen Statements im Nationaldress tolerieren?
Das habe ich zu akzeptieren, klar. Ich weiss, wie schwierig und schwer verständlich das Thema ist. Entschuldigen muss ich mich aber nur für das, was danach passiert ist, für das, was ich damit ausgelöst habe. Aber bitte, soll ich im Nachhinein eine Geste verteufeln, die andernorts als friedliches Zeichen bekannt ist?

Respekt und Verständnis für beide Seiten?
So kann man es sehen. Ich werde in Zukunft auf den Adler verzichten. Aber ich vergesse nicht, wie viele Tausend in Albanien und im Kosovo vor dem Fern­seher sitzen und der Schweizer Nationalmannschaft zujubeln und sich ehrlich über jeden unserer Erfolge freuen.

Mit Valon Behrami zog sich ein enger Vertrauter von Ihnen wutentbrannt aus der Nationalmannschaft zurück.
Er informierte mich per Telefon. Das war für mich ein Schock, seine Message kam völlig unerwartet. Was zwischen ihm und dem Coach abgelaufen ist, weiss ich nicht, da mische ich mich nicht ein. Valon war für mich ein gigantisches Vorbild, er zog die Jungen mit.

Sie treten forsch auf und schweigen auch in problematischen Situationen nicht. Entsprechend werden Sie beurteilt.
Ich kann durchaus einstecken, das ist nicht das Problem. Welche qualifizierten oder unqualifizierten Experten sich auch zu Wort melden: Wir leben in einem Land, das die Meinungsäusserungsfreiheit hoch hält, das ist gut und bleibt hoffentlich so. Fachliche Vorwürfe stören mich nicht. Aber schlimm wird es, wenn mir solche Leute vorwerfen, ich repräsentiere die Schweiz nicht richtig.

«Hören mir gewisse Leute nicht zu, oder wollen sie mich nicht verstehen?»

Sie wirken verletzt.
Es tut weh! Ich würde lügen, wenn ich etwas anderes behaupten würde. Ich wurde in der Schweiz geboren und bin hier aufgewachsen. Dass ich zwei Herzen in der Brust habe, ist ein Fakt – dafür kann ich übrigens auch nichts. Aber ich trage seit bald neun Jahren die Farben dieses Landes, meiner Heimat! Der Vorwurf, ich stünde nicht für die Schweiz ein, geht ins Leere. In Gladbach oder jetzt in London bin ich der respektierte Schweizer, der den Erfolg bringt – und plötzlich soll ich nur noch ein halber Schweizer sein. Ja, das tut mir weh, das stresst mich, das ist schwer verdaulich.

Was löst das aus?
Traurigkeit und Fragezeichen. Es hat manchmal etwas Entmutigendes. Leute, die nie mit mir ein Wort gewechselt haben, die meine Familie und unsere Geschichte nicht kennen, urteilen so über mich – puh, das setzt mir zu.

Als Nationalspieler müssen Sie in der Schweiz einem gewissen Bild gerecht werden, in der Heimat der Eltern erwarten die Menschen aber andere Signale und Bekenntnisse. Können Sie da noch unbeschwert sein?
Schwierig ist primär, immer wieder alles zu erklären. Das Thema keimt wieder und wieder auf. Das kann ermüdend sein. Manchmal denke ich: Wollen mich gewisse Leute nicht verstehen, oder hören Sie mir nicht richtig zu? Oder läuft sonst irgendwas schief? Was soll ich denn sagen? Soll ich meine Herkunft ausblenden? Was würden denn meine Eltern von mir denken? Zur Schweiz gehört der multikulturelle Teil, die internationalen Wurzeln sind nun einfach Teil der Gesellschaft.

Klare Ansagen sind Ihr Markenzeichen – woher kommt dieser Zug, Profil zu bekennen?
Es gibt ein albanisches Sprichwort. Strecke deine Füsse nur soweit aus, wie die Decke reicht. Das bedeutet: hinzustehen, zu seinem Wort zu stehen, Fehler einzugestehen. Im übertragenen Sinn: Überschreite deine Grenzen nicht! Bis heute habe ich niemandem was angetan, ich war immer ehrlich, ich habe mich nie verstellt.

Ein Blick auf das Nationalteam: Wurde dieses mehrwöchige Sommertheater bereits ­verarbeitet – oder kostet es noch immer Energie?
Ich habe gesehen, mit welcher Energie die Mannschaft eingerückt ist. Sie will nun wieder sportlich relevante Themen in den Mittelpunkt rücken. Die Mannschaft hat keinen nachhaltigen Schaden erlitten, das Team wird weiterhin funktionieren. Schluss, aus, es geht weiter.

Tages-Anzeiger

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