Irgendeiner trifft immer noch

YB erzielt gegen Sion erneut in der Nachspielzeit das 1:0. Damit verlängern die Young Boys ihre spektakuläre Torserie, während Sion in Bern weiter seit 1996 auf einen Ligasieg wartet.

Er kam spät, schoss und traf sehr spät: Einwechselspieler Ulisses Garcia erzielt in der 91. Minute das 1:0 für YB.

Er kam spät, schoss und traf sehr spät: Einwechselspieler Ulisses Garcia erzielt in der 91. Minute das 1:0 für YB.

(Bild: Freshfocus/Urs Lindt)

Fabian Ruch

Die Young Boys sind so frei und besorgen sich die Spannung gleich selber, wenn diese in der Liga gänzlich fehlt. Sie machen 2019 einfach so weiter, wie sie 2018 über weite Strecken bestritten haben – mit euphorisch bejubelten Siegen. Das 1:0 gegen Sion hört sich wie das 1:0 eine Runde zuvor in Lugano nach einem Erfolg im Arbeitskleid an.

Im Tessin jedoch erzielte Jean-Pierre Nsame in der 94. Minute das Siegtor, diesmal ist es Ulisses Garcia, der in der Nachspielzeit (und bereits nach 91 Minuten) reüssiert. Von «überragender Mentalität» und «tollem Spirit» spricht Garcia, als er erklärt, warum es den Young Boys regelmässig gelingt, in extremis zu gewinnen. In dieser Saison haben sie – Cup inklusive – schon sechsmal in der Nachspielzeit zum Sieg getroffen!

Sions Anti-Fussball

Und so feiert der souveräne Leader den Minisieg gegen einen krassen Aussenseiter erneut nicht handelsüblich routiniert, sondern vor über 25000 Festgästen bemerkenswert emotional. «Wir haben nie aufgegeben und sind belohnt worden», sagt Verteidiger Loris Benito. Sein Trainer Gerardo Seoane verteilt ein Kompliment für die «überzeugende erste Halbzeit», vergisst aber nicht zu erwähnen, dass er vom Vortrag nach der Pause weniger überzeugt war.

Die Young Boys hätten sich den Samstagabend deutlich entspannter gestalten können. In der Startphase erspielten sie sich auch dank rasantem Umschaltspiel eine gute Chance nach der anderen, sündigten aber im Abschluss. 22:3 Schüsse und 8:0 Eckbälle zeugen von ihrer Überlegenheit, doch die wackeren Gäste wären für ihren Abwehrkampf beinahe mit einem Pünktchen belohnt worden.

Es wäre ein Hohn gewesen. Trainer Murat Yakin hatte seinen Spielern eher nicht den Auftrag erteilt, auch nur ein Minimum zu einer lebhaften Begegnung beizusteuern. Sion mauerte, zuerst mit brüchigem Bollwerk, später solidarisch, wobei Yakin kaum einen Stammspieler einsetzte. Wahrscheinlich hatte er sich für den Auftritt in Bern nach dem bitteren Ausscheiden im Cupviertelfinal gegen Basel (2:4 nach Verlängerung und 2:0-Führung bis zur 82. Minute) wenig ausgerechnet.

Erstaunlicherweise jammerte Yakin über die Spielansetzung in Bern drei Tage nach der Partie gegen den FCB – als würden englische Wochen mit exakt diesem Pensum nicht seit mindestens 1996 zum Profifussball gehören. Vor 23 Jahren siegte Sion letztmals in der Meisterschaft in Bern, es ist eine unheimliche Bilanz, die noch unheimlicher wird, wenn man berücksichtigt, dass die Walliser in dieser Zeit zwei Cupfinals im Stade de Suisse gegen YB gewannen.

Reizvolle Aussichten im Cup

In diesem Pokal warten die Young Boys seit 32 Jahren auf einen Titelgewinn, so war das bis 2018 ja auch in der Liga. Ihren Viertelfinal bestreiten sie am Mittwoch in Luzern, im Halbfinal würde ein Heimspiel gegen Thun warten, der Final ist im Stade de Suisse. Es sind verlockende Aussichten, doch restlos überzeugend tritt YB derzeit nicht auf. Auch gegen Sion fehlt es trotz enormer Dominanz an Leichtigkeit, im Angriff wird der verletzte Torjäger Guillaume Hoarau vermisst und im Aufbau der im Winter abgewanderte Vorkämpfer Sékou Sanogo.

Immerhin brillierte der 2018 überragende Kevin Mbabu in seinem ersten Einsatz dieses Jahres nach Verletzungspause, er erhöht die Qualität deutlich und ist mit seiner unvergleichlichen Dynamik auf Abschiedstournee. Miralem Sulejmani wiederum, mit Klasse und Finesse letztes Jahr auch ein wertvoller Faktor, wurde erstmals nach seinem Fussbruch eingesetzt – und musste kurz nach seiner Einwechslung wegen Oberschenkelproblemen ausgetauscht werden. Garcia kam spät, schoss und traf sehr spät.

Am Ende gewinnt YB fast immer, irgendeiner trifft dann schon noch. Das dokumentiert auch der Schweizer Rekord von 54 Super-League-Spielen nacheinander mit mindestens einem Treffer. Trainer Seoane aber freut sich wie Abwehrkraft Benito stärker darüber, zum vierten Mal in der Rückrunde kein Gegentor erhalten zu haben. «Eine stabile Defensive ist die Basis unseres Erfolgs», sagt Benito.

Übrigens: Adi Hütter surft in Frankfurt ebenfalls auf der Erfolgswelle und ist nur noch drei Punkte von einem Champions-League-Platz entfernt. Und auch der YB-Meistertrainer kann Last-Minute-Siege immer noch. Gegen Hoffenheim glich Frankfurt am Samstag nach einer Roten Karte gegen Hoffenheims YB-Meisterverteidiger Kasim Adams (in Bern als Nuhu bekannt) in der 89. Minute aus – und erzielte in der 96. Minute das 3:2!

Berner Zeitung

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