Passt nicht, gibts nicht

Sandro Lauper ist gerade der aufregendste Verteidiger bei YB. Vielleicht, weil er eigentlich im Mittelfeld zu Hause ist.

Überzeugt bereits auf der ganz grossen Fussballbühne: Sandro Lauper im Duell mit Valencias Michy Batshuayi.

Überzeugt bereits auf der ganz grossen Fussballbühne: Sandro Lauper im Duell mit Valencias Michy Batshuayi.

(Bild: Raphael Moser)

An einem Sonntag im Juli läuft Sandro Lauper in der Thuner Arena ein, 4500 Zuschauer, ein Heimspiel gegen Vaduz, Saisonauftakt in der Super League, er stellt sich vor dem Anpfiff hin, neben Thomas Reinmann in der Innenverteidigung, und er denkt sich: «Ich muss helfen.» Und an einem Dienstag in Oktober läuft Lauper im Stade de Suisse ein, 31000 Zuschauer, Champions League gegen Valencia, er lauscht der Hymne, steigt neben Steve von Bergen ins Spiel und sagt später: «Ich musste helfen.»

2016 und 2018, das eine ist Sandro Laupers erster Auftritt als Innenverteidiger auf Profistufe, das andere sein bislang letzter. Der Mannschaft der Young Boys hilft Sandro Lauper, seit vorgestern 22 Jahre alt, in diesen Wochen auf sehr vielseitige Weise, und dass der gelernte Mittelfeldspieler mit sporadischen Einsätzen auf der Abwehrposition nun in der Champions League gross aufspielen kann, ist bemerkenswert. «Meine Vielseitigkeit ist ein Vor- und Nachteil», sagt Lauper selber, am Freitag vor dem Spiel heute im Stade de Suisse. Er habe viele Chancen auf Einsätze, «aber vielleicht bin ich so weniger ein Kandidat für einen fixen Platz». Acht Spiele hat er in der Meisterschaft bestritten, vier in der Abwehr, vier im Mittelfeld. Zwei Partien waren es in der Champions League, eine in der Abwehr, eine im Mittelfeld.

Der Polyvalente

Doch wie ein Notnagel mutet dieser selbstbewusste und spielkluge Fussballer nicht an. Überhaupt kann man sich gerade schlecht vorstellen, dass Trainer Gerardo Seoane überhaupt je auf die Qualitäten Laupers verzichten mag. Und es sind eben genau die Qualitäten des Konolfingers im Spielaufbau, die ihn auch zu einem ziemlich aufregenden Abwehrspieler machen.

Weil er den letzten Schritt zum behelfsmässigen Wettbewerbsverteidiger erst auf Profistufe vollzogen hat, steckt noch viel von diesem Ballverteiler in ihm, wenn er in der Innenverteidigung Pass um Pass übers halbe Feld wie an der Schnur gezogen spielt. «Ich bin es gewohnt, die Bälle unter Druck präzise zu spielen», sagt Lauper, wie immer ziemlich unaufgeregt. Der Befreiungsschlag scheint nicht sein Ding – passt nicht, gibts nicht. Und wie ein ausgebuffter Anlageberater klingt er, wenn er sagt: «Als Innenverteidiger trägst du einfach mehr Risiko mit.»

So geht das gerade mit Sandro Lauper, rund um ihn herum nimmt in diesem Königsklassen-Herbst vieles einen aussergewöhnlichen Lauf bei YB. Doch er bleibt ruhig. Nach den Trainings fährt er zurück ins Elternhaus in Konolfingen, «für den Moment passt das so für mich». Eine ähnlich pragmatische Analyse machte Lauper auch im Frühling, als er noch bei Thun spielte und schon da das Interesse von Clubs aus der Bundesliga weckte. «Ich hab das mit meinem Berater angeschaut, bei dem einen Verein schien das Klima unruhig.» Die Avancen sollen aus Wolfsburg und aus Mainz gekommen sein, aber als sich im Sommer der Wechsel zu YB konkretisierte, war sowieso alles andere sekundär. «Dieser Schritt war perfekt: die nächste Stufe und doch ein gewohntes Umfeld.»

Der Pragmatiker

Man vergisst rund um Sandro Lauper ja gerne, dass es für ihn mehr eine Rückkehr zu als ein Neuanfang bei den Young Boys war. Vor etwa zehn Jahren kam er als Junior zu YB, erst in der U-21 erhielt er unter Joel Magnin nicht mehr viel Spielzeit. Ausgemustert sei er nicht geworden, greift Lauper korrigierend ein. «Aber die Einsatzzeit hat nicht mehr meinen Vorstellungen entsprochen.»

Es ist eine gesunde, zielführende Mischung aus Bescheidenheit und Selbstvertrauen, mit der dieser junge Fussballer ans Werk geht. Dem FC Thun brachte er bei seinem Abgang über eine Million Franken Ablöse ein, dereinst könnte es für die Young Boys ein Vielfaches werden, denn nebst seinen spielerischen Qualitäten macht Lauper seine Vielseitigkeit attraktiv für grössere Vereine. Den Kollegen macht er gleich in zwei Reihen Konkurrenz.

Für den Platz neben Captain von Bergen hat er gegenüber Mohamed Ali Camara die Nase vorn. Und im Aufbau figuriert er hinter dem Duo Sékou Sanogo und Djibril Sow als erster Ersatz. Dass er heute gegen Sion einläuft, ist also wahrscheinlich. Was ihm vor dem Spiel durch den Kopf gegangen ist, erfährt man vielleicht bald.

Berner Zeitung

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