Seoanes Rückkehr nach Luzern

Nach einem Traumstart trifft Gerardo Seoane am Sonntag mit YB in Luzern auf seinen langjährigen Arbeitgeber. Der Trainer steht vor besonderen Wochen.

Nur Siege mit YB: Trainer Gerardo Seoane ist bei seinem neuen Arbeitgeber erfolgreich gestartet.

Nur Siege mit YB: Trainer Gerardo Seoane ist bei seinem neuen Arbeitgeber erfolgreich gestartet.

(Bild: Thomas Hodel)

Fabian Ruch

Am 11.11. schlug die U-21-Auswahl Luzerns den FC Langenthal in der 1. Liga vor 250 Zuschauern 2:0. Es war das letzte Spiel von Trainer Gerardo Seoane in der vierthöchsten Schweizer Liga. Mitte September könnte er, knapp zehn Monate später, Champions-League-Coach sein.

Es wäre der vorläufige Höhepunkt in einer atemberaubend rasanten Erfolgsgeschichte, in welcher der Protagonist zuerst den FCL im Frühling von Rang 9 auf Rang 3 und in den Europacup führte, im Sommer zu YB wechselte und mit dem Meister nach drei Runden eine perfekte Bilanz aufweist: 2:0 gegen GC, 2:0 in Lugano, 4:0 gegen Zürich, 9 Punkte, 8:0 Tore, Rang 1.

Insbesondere der Kantersieg gegen den FCZ im Spitzenkampf zuletzt war ein Statement der überzeugenden Young Boys: Seht her, der Meister ist nicht schwächer geworden! Wobei: Vor einem Jahr startete YB mit 9 Punkten aus drei Partien – und 9:0 Toren.

Und jetzt also vielleicht bald Champions League. Die Young Boys werden im Playoff, vermutlich gegen Dinamo Zagreb, favorisiert sein. Und man ahnt, was in Bern los wäre, wenn Real, Barcelona oder Bayern, Cristiano Ronaldo, Neymar oder Lionel Messi zu Besuch sein würden.

Seoanes Puls würde wegen des Ausnahmezustandes in der Stadt kaum in die Höhe schnellen. Er ist ein ruhiger Mensch, das sagen langjährige Weggefährten und YB-Angestellte, die ihn nun ein paar Wochen erlebt haben. Auch vor Spielbeginn ist er entspannt wie beim Ausfüllen einer Steuererklärung.

Die Ausbildung

Am Donnerstagnachmittag sitzt Seoane im Stade de Suisse, und als es um die Champions League geht, fragt er: «Was darf ich schon dazu sagen? Ich habe noch nie in der Champions League trainiert.»

Seoane ist kein Sprücheklopfer, das lässt sich nach den wenigen Monaten, in denen er als Trainer im Rampenlicht steht, behaupten. Er ist zielstrebig, ehrgeizig, wissbegierig, hat sich jahrelang auf die Arbeit als Fussballlehrer im Profibereich vorbereitet, zwischen 2010 und 2017 im Nachwuchs des FC Luzern, aber auch in allen wesentlichen Bereichen wie Teamführung, Psychologie, Medienarbeit, Sportwissenschaft.

Er ist ein moderner Trainer, der bereits als intelligenter Mittelfeldspieler im Zentrum des Aufbaus wie ein moderner Trainer dachte. Er hat lange gewartet, sich weitergebildet, und als die Anfrage des FCL im Winter kam, zögerte er keine Sekunde.

Obwohl er viel hätte verlieren können, denn wenn er gescheitert wäre, hätte er es schwer gehabt, noch mal eine Anstellung auf allerhöchster Ebene zu erhalten. Und er hat erst recht keine Sekunde gezögert, als Mitte Mai die YB-Offerte vorlag. «Solch eine Chance muss man nutzen», sagt er. Was zweifellos korrekt ist.

Die Vorwürfe

In Luzern aber waren einige beleidigt, weil Seoane nach fünf Monaten in der Super League schon weiterzog. In der Karriere des 39-Jährigen lief nicht immer alles rund, die Rede war einst von einem Fussballer, der dem Geld nachrenne und zuweilen arrogant sei.

Seoane wechselte jung zu Sion, bei La Coruña sass er den Vertrag jahrelang auf der Bank ab, es gab wenig schmeichelhafte Medien­berichte – und weil man wissen möchte, wie er zu diesen Vorwürfen stehe und ob er das Gefühl habe, früher möglicherweise ein bisschen überheblich gewesen zu sein, fragt man, ob und wie er sich verändert habe.

Denn arrogant wirkt Seoane keineswegs, Menschen, die ihn länger kennen, sagen, er habe sich gewandelt. «Ich finde, ich war nie arrogant», sagt er. «Vielleicht war ich ein Spieler, der es nicht immer liebte, mit den Journalisten zu reden. Für einen Trainer gehört es dazu, mit den Medien im Austausch zu stehen. Das ist kein Problem.»

Seoane spricht nicht gerne über die Vergangenheit, das sagt er sehr direkt. «Was war, das war. Und das lässt sich nicht ändern.» Jeder Mensch, das erwähnt der zweifache Familienvater noch, entwickle sich immer weiter, das sei normal. Und er sei eine Person, die nie aufhöre zu lernen.

Die Demut

Gerardo Seoane hat nach einer Fussballerkarriere, die sehr viel versprochen hatte und nicht ganz alles hielt, als Trainer offenbar schnell und viel und exzellent gelernt. Er ist noch keine 40, befehligt aber bereits den Schweizer Meister, es gibt nicht wenige, die ihm eine ganz grosse Laufbahn prophezeien.

Bestens ausgebildet und vielsprachig ist er, erfolgreich bisher auch, das ist nicht ganz unerheblich, und trotz bemerkenswerten YB-Auftritten in den ersten Saisonwochen äussert er sich betont bescheiden und demütig. Nach dem 4:0 gegen Zürich meinte er, sein Vorgänger Adi Hütter habe das alles auf die Beine gestellt.

Er führe die Arbeit nur fort. Durchaus ambitioniert, man hört von klaren Ansprachen, die Trainings sollen noch intensiver sein als unter Hütter und ballorientierter. Seoanes Rucksack ist gefüllt mit Ideen und Know-how, und je besser die Spieler sind, umso schneller kapieren sie die Vorgaben.

Seoane war smart genug, das erfolgreiche 4-4-2-System Hütters nicht zu verändern, weil das YB-Kader «sehr gut und nach diesem System zusammengestellt» worden sei, wie er sagt.

Die Rückkehr

Seoane erklärt, er sei in Bern bisher von nichts überrascht worden. «Ich habe gewusst, dass YB ein top geführter Club ist mit kompetenten Leuten auf allen Ebenen», sagt er. Und: «Mir ist klar gewesen, dass bei den Young Boys alles eine Nummer grösser ist als in Luzern.» Das Team sei stark und breit besetzt, und als es um fachspezifische Dinge geht, antwortetund spricht Seoane mit Begeisterung.

Über die vielen begabten YB-Akteure, die irgendwann in einer Topliga spielen könnten; über den harten Konkurrenzkampf und darüber, dass es die Aufgabe des Trainerteams sei, die Einsatzzeiten zu verteilen; über die taktische Flexibilität, die er sich wünsche und die er mit Einwechslungen auch provoziere; über mögliche Abgänge im August wie des brillanten Kevin Mbabu, auf die YB vorbereitet wäre; und darüber, dass es kein A- und B-Team gebe. «Jeder Spieler ist fähig, in jedem Wettbewerb eine wertvolle Rolle zu übernehmen.»

Gerardo Seoane hinterlässt einen gelassenen Eindruck, vieles ist gerade flott im Fluss. Am Sonntag folgt die Rückkehr nach Luzern, natürlich wird es speziell sein für ihn im Stadion, in dem er jahrelang täglich arbeitete.

Der FCL steht nach schwachem Saisonstart auf Rang 7, am Donnerstag verlor er im Hinspiel der 3. Qualifikationsrunde zur Europa League 0:4 bei Olympiakos Piräus. Seoane sagt, er freue sich auf das Spiel, er habe ohnehin fast nur positive ­Reaktionen erhalten nach seinem Abgang.

Derzeit denke er einzig an die Begegnung am Sonntag, danach an den Cupmatch in Biel, erst dann komme das Champions-League-Playoff. «Spiel für Spiel nehmen», so sagt er das in purer Fussballsprache. Ein Trainer denkt und spricht immer so.

Die Warnung

Und doch: Wenn Seoane YB in die Champions League führt, wird er für immer jener Trainer sein, der YB in die Champions League geführt hat. Was aber auch stimmt: Eine Niederlage in Luzern oder eine Blamage in Biel wenige Tage vor den Zulassungsspielen zur Königsklasse wären Rückschläge für die bisher verlustpunkt- und gegentorlosen Young Boys. Vor einem Jahr übrigens verloren die verlustpunkt- und gegentorlosen Young Boys am 4. Spieltag zu Hause gegen Thun 0:4.

Berner Zeitung

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