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Im Fussballfieber sind die Israeli fast eins

Vor dem morgigen Auftakt in die WM-Qualifikation wissen die Israeli einiges über die Schweiz. Fussball ist in Israel populärster Sport, für die arabische Minderheit ist er Integrationsfaktor.

Fussballfieber: Fans im Ramat-Gan-Stadion in Tel Aviv.
Fussballfieber: Fans im Ramat-Gan-Stadion in Tel Aviv.
Keystone

Für einen Platz im Stadion von Ramat Gan habe es ihr zwar nicht gereicht, «für kleine Leute wie unsereins liegt so etwas nicht drin», sagt Jacqueline Abu Manneh, christlich-arabische Einwohnerin der israelischen Stadt Lod. Doch das WM-Qualifikationsspiel Israel - Schweiz von morgen Samstagabend werde sie sich selbstverständlich ansehen. «Wir werden alle vor dem Fernseher sitzen und dem israelischen Team die Daumen drücken, unser Herz aber wird für Salim Tuama schlagen, unseren Nachbarn und Freund.»

Der Mittelfeldspieler Salim Tuama stammt selbst aus Lod. Im historischen Palästina hiess dieser Ort Lydda und war fast ausschliesslich von Arabern bewohnt. Im Krieg von 1948 wurden die meisten von ihnen vertrieben. Die Minderheit von arabischen Palästinensern, die ausharrte, erhielt später die israelische Staatsbürgerschaft. Als Bürger zweiter Klasse fühlen sich viele davon bis in diese Tage. Ein Tuama aber spielt derzeit bei Standard Lüttich und zählt zu den Stützen der israelischen Nationalmannschaft. Der 29-Jährige spricht ein ausgezeichnetes Hebräisch und beweist taktisches Geschick, nicht nur im Spiel. Gern führen ihn seine Landsleute darum als Beispiel an, dass es ein Araber auch in Israel «zu etwas bringen kann».

Jacqueline Abu Manneh macht sich indes nichts vor. Schulen und Trainingsstätten für arabische Jugendliche würden in Israel bis heute arg vernachlässigt. Salim Tuama habe die ärmlichen Bedingungen in Lod nur «dank Talent und klugem Agieren» überwinden können, betont die Frau.

Viele Temperamente und Konzepte

Ihr Sohn Philip ist 17-jährig. Wie Tuama spielt er im Mittelfeld, wie diesem bot ihm Hapoel Tel Aviv, ein Klub mit europäisch-jüdischer Tradition und einer bestimmten Integrationskraft gegenüber arabischen Mitbürgern, die Chance, sich auch international hervorzutun. Jetzt gehört der Junge zum israelischen Nachwuchskader. «Der Erfolg im Ausland ist wichtig, für arabische Israeli erst recht», sagt Abu Manneh. Für ihren Sohn ist Tuama «das grosse Vorbild».

Laut dem Journalisten Yoram Arbell zeigt sich hier ein Grundzug des israelischen Fussballs. Mit all den Leuten, die aus Ost und West zusammenkamen, habe Israel viele Temperamente und Konzepte auch im sportlichen Bereich miteinander versöhnen müssen. Das drücke mitunter auf die Gesamtleistung, meint Arbell. «Als Ganzes hat Israels Nationalteam bisher jedenfalls keine Glanzlichter gesetzt - weder bei der Weltmeisterschaft noch im Uefa-Cup. Die Schweizer schafften immerhin die Teilnahme an der EM 2004 und 08 sowie der WM 2006, da haben sie uns einiges voraus. Immerhin haben einzelne Spieler im heutigen israelischen Team international in einer Weise reüssiert, dass uns andere Länder dafür beneiden», konstatiert der Mann, der für den Sportkanal und andere israelische TV-Sender Erstliga-Spiele und das internationale Geschehen kommentiert.

Ganz Israel sitzt vor dem Fernseher

Zu jenen, die sich vom Durchschnitt deutlich abheben, rechnet Arbell neben Tuama den heutigen Captain Yossi Benayoun, einen weiteren Mittelfeldspieler, der speziell seine offensiven Qualitäten derzeit bei Liverpool beweist. Zu den Stars zählt der Journalist auch den Innenverteidiger Tal Ben Haim, der bei Manchester City unter Vertrag ist, sowie den Stürmer Roberto Colautti, einen Argentinier, der durch Heirat israelischer Staatsbürger wurde und jetzt bei Borussia Mönchengladbach spielt. Insgesamt stuft Arbell Israel und die Schweiz in etwa ebenbürtig ein.

Fussball ist der mit Abstand beliebteste Sport zwischen dem Jordan und dem östlichen Mittelmeer. So wird morgen Abend ganz Israel vor dem Fernseher sitzen. Ministerpräsident Ehud Olmert geht es dabei gleich wie Jacqueline Abu Manneh, der Frau aus dem Volk. Sie sind orientiert und wissen sehr vieles über die Schweizer Spieler und deren neuen Trainer Ottmar Hitzfeld.

«Das passiert uns nicht nochmals»

Sie haben aber auch die Qualifikation zur WM 2006 nicht vergessen. Abas Suan, ein Araber aus Haifa, hatte damals im Spiel gegen Irland durch den Ausgleich zum 1:1 in der 90. Minute Israels Hoffnung auf ein Weiterkommen geweckt. Suan avancierte vorübergehend zum Volkshelden. Die Schweizer aber drängten die Israeli am Ende durch das Torverhältnis aus dem Wettbewerb. Auch die Erinnerung an dieses «nationale Debakel» und die Zuversicht, «dass uns das nicht nochmals passiert», hat einigende Wirkung.

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