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Im Fadenkreuz der Erdogan-Anhänger

Sperre in der Türkei, Schüsse auf sein Auto: Ex-Bundesliga-Spieler Deniz Naki solidarisierte sich mit kurdischen Opfern, jetzt bangt er um sein Leben.

Wurde auf der Autobahn angeschossen: Fussballer Deniz Naki. Video: Tamedia/AFP

Diese Januarnacht veränderte alles. Anfeindungen, Pöbeleien, das kannte er ja schon vorher. Aber nun, als Deniz Naki auf der A4 bei Düren unterwegs war, plötzlich einen schwarzen Wagen neben sich bemerkte, und eine Schusswaffe auf sein Fahrzeug gerichtet sah, beschlich sie ihn: die Todesangst.

Der Unbekannte feuerte Schüsse ab. Sie trafen die Wagentür, die Reifen, aber nicht Deniz Naki. Wer auf ihn zielte, ist unklar. Er kann sich vorstellen, dass türkische Agenten oder rechtsradikale Türken dahinterstecken. «Ich glaube, dass es hier um eine politische Sache geht», sagte er dem Nachrichtenportal «Bento». Noch ist aber vieles ungewiss. Genauso, wie sein Leben nun weitergeht.

Im Alltag ist Deniz Naki Fussballer. Er spielte mit St. Pauli in der Saison 2010/11 ein Jahr in der Bundesliga, ansonsten blieb er spielerisch unter dem Radar. Durchschnitt eben. Alles andere als durchschnittlich sind aber seine Aussagen. Der Deutsch-Türke äussert sich regelmässig prokurdisch. Deshalb sagt er längst von sich, eine laufende Zielscheibe zu sein.

Unter Vertrag steht Naki bei Amedsport, einem Drittligisten in der kurdischen Provinz Diyarbakir. Die Farben des Clubs, für den er zweieinhalb Jahre spielte, gleichen jenen der kurdischen Flagge. Für Erdogan-nahe Türken macht ihn das zum Feindbild. Als Captain und einer, der sich für die Rechte der Kurden starkmacht, ist Naki vielleicht der grösste Feind.

Selbst im Stadion attackiert

Für Amedsport wird er nicht mehr spielen. Er hat beschlossen, nicht mehr in die Türkei zurückzukehren. Wegen massiver Sicherheitsbedenken, wie er sagt. Der türkische Präsident und seine Gefolgsleute mögen sie nicht, die Andersdenkenden. Naki spürte das. Er, der sportliche Triumphe auch mal kurdischen Opfern widmete und sich in sozialen Netzwerken mit ihnen solidarisierte.

«Sie haben es nicht geschafft, mich umzubringen, und sie werden es nicht schaffen.»

Deniz Naki, Fussballer

Man warf ihm Terror-Propaganda für die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK vor. Erst wurde er freigesprochen, dann wurde das Verfahren wiederholt. Ein Gericht verurteilte ihn zu einer 18-monatigen Freiheitsstrafe – auf Bewährung. Daneben wurde er auf Strassen beschimpft, bedroht, geschlagen. Sogar während eines Fussballspiels trat ihn ein Zuschauer.

Er selbst hat nie etwas an seiner Einstellung verändert, ist seinen Voten stets treu geblieben. Er sagt, dass er sich für diesen Weg entschieden habe und dazu stehe. Auch deshalb geniesst er bei vielen Kurden den Nimbus des Unbrechbaren. Davon büsste er auch nach dem Attentat nichts ein, als er zur «Zeit» sagte: «Sie haben es nicht geschafft, mich umzubringen, und sie werden es nicht schaffen.»

Busse für «Diskriminierung und Propaganda»

Selbst wenn er dereinst wieder in die Türkei zurückkehren würde, Fussball wird er dort nie mehr spielen dürfen. Der türkische Fussballverband sperrte ihn kürzlich lebenslang. Er begründete den Entscheid damit, dass der Spieler «Diskriminierung und ideologische Propaganda» betrieben habe. Dafür wird er zusätzlich mit 58'000 Euro gebüsst. Es wird vermutet, dass die Erdogan-Regierung ihre Finger im Spiel hat.

Das pure Gegenteil zu Naki ist der Erdogan-freundliche Milan-Spieler Hakan Calhanoglu, der im Frühling 2017 per Video für die Annahme des Verfassungsreferendums weibelte. Nakis Leben wäre weit weniger gefährdet, hätte er in all den Jahren geschwiegen. So wie das viele in seiner Branche tun. Dieses eine kurdische Wort hat er sich einst aber nicht ohne Grund auf seinen linken Unterarm tätowieren lassen: Azadi. Es bedeutet Freiheit.

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