Im dreckigen Arbeitskleid

YB siegt weiter. Beim 1:0 gegen den Letzten Sion tut sich der Leader aber schwer. Guillaume Hoaraus Kopfballstärke rettet die Gastgeber.

  • loading indicator
Fabian Ruch

Vielleicht wird man irgendwann im milden Frühling auf jenen kalten Samstagabend Ende Februar zurückblicken und behaupten, am 24. Februar habe YB einen entscheidenden Schritt Richtung Titelgewinn realisiert. «Solche Siege braucht es auch», sagt Captain Steve von Bergen nach dem 1:0 gegen den FC Sion. Und Mitspieler Loris Benito kalauert im Fussballjargon, er zahle gerne fünf Franken ins Phrasenschwein, aber heute seien nur die drei Punkte wichtig gewesen.

Befreiender Jubel

Die Leistung der Young Boys gegen Sion wird kaum lange in Erinnerung bleiben. Es war in bitterer Kälte lange Zeit ein harziger Auftritt. Trainer Adi Hütter spricht von einem «Arbeitssieg» und «drei dreckigen Punkten». Sie hätten gelitten, sagt Hütter, die Leichtigkeit habe gefehlt.

Im YB-Lager freute man sich herzhaft über den Minisieg, das bewiesen die überschwänglichen Jubelgesten. Wenn der Erste zu Hause den Letzten schlägt, wird das normalerweise emotional nicht mit solcher Intensität begleitet. Aber YB mit seiner grossen Titelsehnsucht ist kein normaler Leader, der FC Sion mit seiner individuellen Qualität erst recht kein normaler Tabellenletzter.

Auf der prominent besetzten Walliser Ersatzbank versammelten sich jede Menge teure Arbeitnehmer: Federico Dimarco, einst bei Inter Mailand, beispielsweise kostete dem Vernehmen nach über vier Millionen Franken Ablösesumme, Jan Bamert holte Sion für weit über eine Million von GC, der langjährige Nationalspieler Pajtim Kasami gehört wie der Brasilianer Adryan zu den talentiertesten und bestbezahlten Akteuren der Liga.

Der neue Sion-Trainer Maurizio Jacobacci setzt auf Teamgeist – und nicht Talent. Die Walliser präsentierten sich sattelfest, der starke Innenverteidiger Eray Cümart, eine Leihgabe des FC Basel, organisierte die Defensive prächtig. Und hätte Marco Schneuwly eine Minute vor Ende der ersten Hälfte das 0:1 erzielt, wäre die Gästeführung keineswegs schmeichelhaft gewesen. Der frühere YB-Stürmer scheiterte am Pfosten, der aktuelle YB-Stürmer Guillaume Hoarau traf eine Minute nach dem Seitenwechsel mit einem herrlichen Kopfball in allerbester Hoarau-Manier zum 1:0. Wenn wenig geht, fliegt Hoarau.

Mit einem Kopfballtor kurz nach der Pause führt Guillaume Hoarau YB zum 1:0-Sieg über Sion. Quelle: SRF

FCB-Spielabsage gut für YB?

Die Führung wirkte befreiend auf den Favoriten, in einer nun lebhafteren Begegnung verpasste er es aber, das zweite Tor zu erzielen. «Unsere Chancenauswertung war ungenügend», kritisiert Hütter, «deshalb mussten wir am Ende auch noch zittern.»

Sion wartet also weiter auf den ersten Ligasieg in Bern seit 1996 (5 Remis, 24 Niederlagen!), hätte für seinen beherzten Auftritt aber einen Punkt verdient gehabt. Das befand auch Trainer Jacobacci. «Wir sind auf dem richtigen Weg. Nun müssen wir die Fortschritte in den Heimspielen gegen Luzern und Thun bestätigen.»

Während auf Sion wegweisende Duelle im Abstiegskampf warten, marschiert YB unbeirrt Richtung Meistertitel. Elf Punkte beträgt der Vorsprung auf den Verfolger Basel, dessen Begegnung in Lausanne wegen unbespielbaren Terrains verschoben wurde. Und weil der FCB immer ein bisschen umherschwirrt im YB-Kosmos, wurde im Stade de Suisse eifrig debattiert, ob die Spielabsage ein Vorteil oder ein Nachteil für die Young Boys sei. Schliesslich hätte Basel auf schwierigem Terrain eine heikle Partie absolvieren müssen, wird aber nun am Dienstag im Cuphalbfinal in Bern ausgeruht sein. Flügelkraft Christian Fassnacht meint, es sei besser für YB, habe Basel nicht gespielt. «Wir haben drei Punkte mehr, der Druck auf Basel nimmt zu. Zudem hätte der FCB sicher auch gerne noch ein Erfolgserlebniserlebt vor dem Halbfinal.»

Hoarau angeschlagen

Beim selbstbewussten YB wird gerade vieles positiv gedeutet. Sorgen bereitet einzig der Gesundheitszustand Guillaume Hoaraus. Der Franzose liess sich gegen Sion angeschlagen auswechseln. Am Sonntag meldete sein Club, Hoarau werde am Montag noch mal untersucht, aber es gebe guten Grund zur Hoffnung, dass der Angreifer gegen Basel einsetzbar sei.

Die Partie am Dienstag ist bedeutend, vielleicht mit Auswirkungen auf den Titelkampf. Es würde nicht überraschen, wenn man irgendwann im milden Frühling behaupten wird, an jenem bitterkalten Abend Ende Februar sei auch die Entscheidung in der Meisterschaft gefallen.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt