«Ich denke nicht, dass die Stadien durch Attentate verwundbar sind»

Martin Kallen ist OK-Chef der Fussball-EM 2016. Der Berner Oberländer spricht über seine Arbeit und die Stimmung im Gastgeberland Frankreich, über die schwierige Sicherheitslage sowie den aktuell gesperrten Uefa-Präsidenten Michel Platini.

«Wir wissen, was zu tun ist, wenn es zu Sicherheitsproblemen kommt»: Martin Kallen, OK-Chef der Fussball-Europameisterschaft in Frankreich, die am 10. Juni startet.

«Wir wissen, was zu tun ist, wenn es zu Sicherheitsproblemen kommt»: Martin Kallen, OK-Chef der Fussball-Europameisterschaft in Frankreich, die am 10. Juni startet.

(Bild: Urs Baumann)

Fabian Ruch

Wer wird Europameister?Martin Kallen:Frankreich. Mein Wunsch wäre natürlich die Schweiz, aber da sehe ich gerade gewisse Schwierigkeiten. (lacht) Die Franzosen wurden übrigens 1984 im eigenen Land Europameister, 16 Jahre später dann erneut. Und nun sind wieder 16 Jahre seit 2000 vergangen.

In 39 Tagen beginnt bereits die Euro 2016, von Euphorie ist wenig zu spüren. Stört Sie das?Nein, das ist ja vor jedem grossen Turnier so. Sobald der Ball rollt, sind die Leute dabei. Für die meisten Schweizer beginnt die EM mit dem Eröffnungsspiel, vorher beschäftigt sie anderes. Und wenn es unserer Nationalmannschaft gut läuft, kommt die Euphorie auch hier von alleine.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Stand der EM-Vorbereitungen?Wir sind sehr zufrieden und im Plan, die Stadien sind fertig, wir haben wenig offene Punkte.

Es ist wohl einfacher, eine Euro in Frankreich zu organisieren, als wie 2012 in Polen und in der Ukraine.Von der Infrastruktur her auf jeden Fall. Transportwesen, Hotels, Flughäfen und solche Sachen sind in Frankreich auf einem ausgezeichneten Niveau. Es hat sehr viele Gästezimmer übers Land verteilt, einzig in Lens ist die Situation kompliziert, das ist eine Kleinstadt mit rund 30 000 Einwohnern, da leben weniger Menschen als in Thun. Von den Emotionen her aber war es vor vier Jahren natürlich grossartig, weil eine Euro für Länder wie Polen und die Ukraine etwas sehr Besonderes war. Frankreich dagegen hat schon viele grosse Events durchgeführt.

Sie erklärten kürzlich, es sei nicht immer einfach mit den Franzosen.Ja, ganz grundsätzlich steckt Frankreich in einer Krise, vor allem wirtschaftlich, da musste in den letzten Jahren stark gespart werden. Das hatte Einfluss aufs Budget für die Euro. Staat und Bund, Städte und Regionen hatten weniger Geld zur Verfügung, es gab viel mehr Diskussionen. Das war ab und zu sehr mühsam.

Man sagt, der Franzose, vor allem jener aus Paris, sei sehr stolz.(lacht) Er ist sehr, sehr selbstbewusst. Das dürfen die Leute auch sein. Vieles ist zentralistisch organisiert, Paris ist der Mittelpunkt. Und die Franzosen lassen sich nicht so leicht beeinflussen.

Was bedeutet das für Sie und Ihre wichtigsten Aufgaben?Das Wichtigste ist, dass alle gut arbeiten können. Das ist wie bei einem Orchester. Ich dirigiere und schaue, dass die Musiker spielen können und kompetent genug sind. Für mich ist es einfacher als bei anderen Turnieren, weil die französische Lebensart sehr nahe an unserer ist. Es gibt zudem eine grosse Fussballkultur und eine ausgeprägte Servicekultur. Frankreich ist auch geografisch ganz gut gelegen, vom Uefa-Sitz in Nyon aus gesehen.

Wie stark schaden denn die Skandale um die Fifa und die Uefa der Euro 2016?Also, bei der Uefa haben wir doch keine grossen Skandale . . .

. . . wenn beispielsweise der Deutsche Fussball-Bund in der Kritik steht wegen der WM 2006, betrifft das die Uefa auch . . .. . . auf operativer Ebene ist das kein grosses Thema. Selbstverständlich werde ich oft darauf angesprochen, aber in der Arbeit behindert es uns nicht. Es geht um das Turnier und um den Fussball.

Hat sich in der Fussballkultur etwas geändert nach den Veränderungen vor allem bei der Fifa?Wie gesagt, bei der Uefa ist keine Veränderung nötig, wir haben ja nichts falsch gemacht. Auch bezüglich der Panama Papers war da letztlich nichts, was man der Uefa anlasten könnte. Da wurde vieles aufgebauscht. Die Uefa ist sehr transparent, alles andere könnten wir uns nicht erlauben.

Uefa-Präsident Michel Platini aber ist für sechs Jahre gesperrt wegen einer umstrittenen Zahlung des früheren Fifa-Chefs Sepp Blatter an ihn. Wird Platini an der EM dabei sein?Das kann ich heute nicht beantworten. Warten wir einmal ab, wie das Urteil gegen ihn vor dem Internationalen Gerichtshof ­ausfallen wird. Michel Platini darf im Moment nicht arbeiten.

Ist diese Situation nicht sehr belastend, weil Platini in Frankreich ein Nationalheld ist und nun keinen Einfluss mehr ausüben darf?Wir sind sehr traurig, ist er derzeit nicht dabei. Es ist sein Turnier, er war und ist die wichtige Person in Frankreich. Wir hoffen, dass Platini die Euro als Uefa-Präsident geniessen darf. Und in der täglichen Arbeit bedeutet es, dass wir in einigen Dossiers nicht mehr so schnell vorankommen, weil Platini nicht da ist.

Und was ist, wenn Sepp Blatter Sie fragt, ob er ans Eröffnungsspiel kommen darf? Er ist ja auch jahrelang gesperrt.Das ist am Ende auch eine juris­tische Frage. Grundsätzlich sehe ich nicht, wieso Platini und Blatter als Privatpersonen nicht an ein EM-Spiel kommen könnten.

Finden Sie es eigentlich richtig, wurde das EM-Teilnehmerfeld auf 24 Teams aufgestockt?In der Qualifikation war es bis zum Schluss spannend, da gab es keine Verwässerung, wie vorher befürchtet worden war.

Ein Euro-2016-Schlüsselthema ist die Sicherheit. Sie sagten vor einigen Wochen, es würde mehrere Notfallszenarien bezüglich Terrorattacken geben. Kann man so etwas bis ins allerletzte Detail planen und vorbereiten?Nein, vermutlich nicht, aber darum geht es auch nicht. Wir haben in den letzten Jahren auf allen Ebenen viele Erfahrungen gesammelt und Sachen simulieren können. Fällt das Licht aus, setzen wir auf Notfallgeneratoren, das ist ein Beispiel. Wir haben für zahlreiche Vorfälle Massnahmen

vorbereitet, auch bezüglich der Sicherheit wissen wir, was zu tun ist, wenn es zu Problemen kommt. Etwa bei Gewalt im Stadion oder Bombendrohungen.

Eine Möglichkeit ist es, Partien vor leeren Rängen auszutragen oder in andere Städte zu verlegen.Solche Szenarien würden im äussersten Notfall angewendet werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so weit kommen wird.

Wer entscheidet denn abschliessend, wie bei einer Terrorgefahr vorgegangen wird?Die Polizei. Denn die Sicherheit geht in jedem Fall vor.

Die Terroristen, die kürzlich in Paris und Brüssel zuschlugen, hatten eigentlich die Euro im Visier.Wir haben in den Zeitungen gelesen, dass sie eines ihrer vielen Ziele wäre, aber wir haben darüber keine Bestätigung von den Behörden bekommen.

Mit einer Attacke während der Euro würde man weltweit viel Aufmerksamkeit erregen, die Stadien werden zu Hochsicherheitszonen. Was aber ist mit den vielen Fanzonen in Frankreich?Sie werden, Stand heute, geöffnet sein. Man weiss nie, was passiert, aber es ist wichtig und schön, gibt es solche Begegnungszonen. Was aber auch klar ist: Die Fanzonen werden wie Stadien beurteilt werden. Sie werden also eingezäunt sein, mit Videokameras, ­jeder wird abgetastet, zahlreiche Polizisten werden vor Ort sein.

Welches ist denn der wundeste Punkt bei der Sicherheit?Ich denke nicht, dass Stadien oder Fanzonen verwundbar sind. Öffentliche Plätze wie Bahnhöfe eignen sich deutlich besser für ein Attentat. Da kann man lo­gischerweise nicht für jeden Ort die gleichen aufwendigen Sicherheitsvorkehrungen treffen wie an einem EM-Spiel.

Und wie ist diesbezüglich die Stimmungslage in Frankreich?Angst wäre der falsche Ratgeber. Alle haben Respekt, auch wir, die Franzosen noch ein bisschen mehr, weil sie letztes Jahr mehrmals Opfer von Terroranschlägen wurden. Aber, so simpel das klingen mag, das Leben geht immer weiter. Während der Euro wird im Land der Ausnahmezustand herrschen, die Sicherheit wird gross sein, zahlreiche Polizisten stehen im Einsatz, die Behörden können schnell reagieren.

Ein Ausweichen in ein anderes Land wie zum Beispiel Deutschland war nie ein Thema?Nein. Und im Übrigen war die Sicherheit immer schon ein grosses Thema vor Europameisterschaften. Ich erinnere an die EM 2004 in Portugal, als es zwei Monate vorher Anschläge in Madrid gab. Dort kamen wir viel mehr ins Schwimmen, weil wir noch nicht so umfassende Sicherheitsmassnahmen hatten. Und weil wir seit dreieinhalb Jahren mit der höchsten Sicherheitsstufe planen, hat sich für uns durch die Anschläge in Frankreich letztes Jahr gar nicht so viel geändert. Zudem ist der Austausch unter den Ländern ausgezeichnet.

Es gab letzte Woche grosse Schlagzeilen, der IS wolle im Sommer an Stränden im Mittelmeer Attentate verüben. Wie stark beeinträchtigen solche Meldungen die Vorbereitungen?Das habe ich nicht gross mitbekommen. Es wird so viel geschrieben und gesagt. Wir haben sehr wenige Anfragen von Leuten, die ihre Tickets aus Sicherheitsgründen zurückgeben möchten. Das ist vernachlässigbar.

Wurden alle Ticketkontingente für die Teams verkauft?Das kann man nicht so einfach beantworten, weil es am Ende eine Mischrechnung geben wird. Kleinere Länder wie Island mit 300 000 Einwohnern haben bei Partien in grossen Stadien nicht alle Billette gekauft, dafür gibt es aus anderen Nationen enorm viele Interessenten. Die letzte Verkaufsphase läuft, aber das sind sehr wenige Tickets. Es ist davon auszugehen, dass die 2,5 Millionen Karten alle weg sein werden.

Frankreich ist das beliebteste Reiseland der Welt. Rechnen Sie mit Zehntausenden von Fans, etwa aus England, die ohne Eintrittskarten kommen werden?Wir haben Informationen, dass wie immer relativ viele Engländer kommen. Vor allem der Match gegen Wales interessiert sie sehr, allerdings ist das Spiel in Lens, das ist vielleicht ein bisschen weniger spannend für die Fans. Ich persönlich finde es enorm schade, sind die Holländer diesmal nicht dabei, sie sorgen stets für eine tolle und friedliche Stimmung. Aber die Engländer und die Schweden kompensieren das.

Wo war das Interesse an Tickets am höchsten?In Polen ist die Euphorie am grössten. Das Land war die Nummer 1 im Ticketing, für ein Vorrundenspiel bewarben sich dort 300 000 Leute, das ist gewaltig. Dann kommen die Österreicher, die waren halt lange nicht mehr an einem Turnier dabei. Die Schweizer sind Vierte in dieser Rangliste, vorher kommen natürlich auch noch die Franzosen.

Gab es andere Vorkommnisse, die Sie überrascht haben?Es läuft nie alles perfekt. Überraschend für uns war, dass Leute im Ticketing mit Robotern operierten. Sie haben Programme entwickelt, um möglichst viele Karten zu erwischen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen hatten wir nach Beginn der Verkaufsphase bereits unheimlich viele Anfragen. Diese Computerprogramme sind sehr gut, da hatten wir Mühe, alles zu filtern. Aber das gehört halt einfach dazu, es wird immer einen Schwarzmarkt geben.

Und wieso wird die Euro 2016 die beste EM der Geschichte?(schmunzelt) Das werden wir erst nach dem Turnier sagen können. Ich bin aber ganz sicher, dass die Euro ein grosses Fest wird. Das liegt an den Franzosen, die bewiesen haben, solche Grossanlässe organisieren zu können. Zudem haben sie eine starke Mannschaft und können weit kommen, das wäre auch gut fürs Turnier.

Aber in Frankreich ist es nicht ganz so wichtig, wie stark das Heimteam abschneidet, weil das Sportinteresse ohnehin riesig ist.Das sehe ich genau anders. Ich glaube, in Frankreich braucht es das Heimteam noch mehr als in anderen Ländern. Die Bevölkerung fiebert mit, wenn es den eigenen Equipen und Sportlern gut läuft. Aber weil das Land dermassen viel zu bieten hat, ist so eine EM nichts Besonderes mehr für die Leute. Das war in kleineren Ländern wie in Polen, der ­Ukraine, aber auch in Österreich, der Schweiz und Portugal an den letzten Turnieren anders. Da stand die EM im Zentrum. Erinnern Sie sich an die WM 1998?

Ja, wieso?Damals war die Euphorie in Frankreich nicht riesig zum Turnierstart, aber die Leute liessen sich vom Nationalteam mitreissen. Und nach dem Titelgewinn Frankreichs ging die Post so richtig ab. So kann das erneut werden.

Die nächste EM in vier Jahren wird über den gesamten Kontinent verteilt stattfinden. Was halten Sie von dieser Idee?Das ist spannend und etwas Spezielles, weil es das 60-Jahr-EM-Jubiläum sein wird. Das Turnier wird in grossen Städten stattfinden, mit Ausnahme von Baku und St. Petersburg liegen die Spielorte sehr eng zusammen. Wir sind bereits relativ weit in der Planung für die Euro 2020, da kommen ganz andere Aufgaben auf uns zu, etwa beim Transport der Fans.

Sie arbeiten seit über 20 Jahren für die Uefa, leiten wichtige Wettbewerbe wie die Champions League und sind seit 2004 Chef der Euro. Haben Sie keine Ambitionen im Verband? Schliesslich dürften bald ein ­neuer Präsident und ein neuer Generalsekretär gewählt ­werden, weil Gianni Infantino neuer Fifa-Chef ist.Zum heutigen Zeitpunkt nicht, nein, meine Arbeit gefällt mir sehr gut. Das sind sowieso politische Entscheide, das kann man nicht im Detail planen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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