Hütter erklärt seinen Plan mit YB

Der neue YB-Trainer Adi Hütter spricht im Interview über seine Spielphilosophie, die Arbeit bei den Young Boys und Pep Guardiola. Er sagt: «Mein Ansatz ist nicht, ein 1:0 zu verteidigen, ich strebe das 2:0 an.»

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Fabian Ruch

Wissen Sie, wann YB den letzten Titel gewonnen hat?
Adi Hütter: Vor 29 Jahren wurde YB letztmals Meister.

Spüren Sie die riesengrosse Titelsehnsucht in Bern?
Man wird oft darauf angesprochen und bei YB an den Zielen gemessen, die formuliert worden sind. Das reizt mich, aber es ist auch eine Bürde, wenn ein Verein so lange auf einen Titel wartet.

Für YB gibt es diese Saison wohl nur noch im Cup die Chance, einen Pokal zu gewinnen.
Na, na, es sind noch 28 Runden zu spielen, da kann viel passieren. Klar, wir sind 12 Punkte hinter dem FC Basel, der einen sehr starken, stabilen, selbstbewussten Eindruck hinterlässt. Aber vielleicht gelingt es uns ja am Mittwoch, mit einem Heimsieg näher an den FCB zu rücken.

Sie übernahmen ein Team, das tief in der Krise steckte. Spürten Sie diese Verunsicherung?
Die Mannschaft war in keiner guten Phase, als ich kam, sonst wäre ich nicht YB-Trainer. Die Spieler strotzten nicht vor Selbstvertrauen, aber als dann einige verletzte Fussballer zurückkamen, ging ein Schub durch die Mannschaft. Die zwei Siege zuletzt halfen, doch unser Weg ist noch weit.

Wie war das eigentlich, als Sie erstmals vom YB-Interesse hörten? Informierten Sie sich auf Websites über die Mannschaft?
Ja, und ich sprach mit Österreichs Nationaltrainer Marcel Koller sowie mit Christian Schwegler, der lange bei YB gespielt hatte und in Salzburg mein Spieler war. Ich hörte nur positive Dinge. Ich wusste, dass die Mannschaft grosses Potenzial hat und die Erwartungen hoch sind. Das hat mich sehr gereizt.

Wie viele YB-Spieler kannten Sie vorher schon?
Ehrlich gesagt nicht so viele, weil nicht nur die Schweizer, sondern auch die Österreicher vor allem Richtung Deutschland blicken. Renato Steffen und Yvon Mvogo waren mir ein Begriff, weil sie ein Thema bei Red Bull waren, Miralem Sulejmani kannte ich wegen dessen 25-Millionen-Transfer zu Ajax und Steve von Bergen als Schweizer Nationalspieler.

Wo steht YB im Vergleich zu Red Bull Salzburg?
Red Bull kann man eher mit dem FC Basel vergleichen, es ist die klar beste Mannschaft des Landes und gewann in den letzten Jahren viele Titel. YB ist noch nicht ganz auf diesem Niveau, aber die Möglichkeiten sind vorhanden, um erfolgreich zu sein.

Bezüglich Trainingsbedingungen dürften Sie in Bern einen Kulturschock erlitten haben.
Ich bin nicht erschrocken, aber bei Red Bull herrschen perfekte Bedingungen, da wurde enorm viel Geld investiert. Doch ich arbeitete bei Vereinen, in denen die Trainingsanlage viel schlechter als bei YB war. Man muss die Gegebenheiten akzeptieren, und das Stadion in Bern ist toll.

Im modernen Fussball wird viel über Systeme diskutiert. Muss sich ein Trainer dem Spielermaterial anpassen, oder sollte er seinen Matchplan durchsetzen?
Die Mischung macht es aus. Man kann einer Mannschaft viel beibringen, aber ich bin erst vierzehn Tage hier, es braucht Zeit, zu erkennen, was möglich ist.

Wenn Stürmer Guillaume Hoarau wieder fit ist, dürften Sie auf ein 4-4-2-System setzen...
... man darf das nicht auf ein System manifestieren. Ein Team muss flexibel sein, ob 4-4-2, 4-2-2-2, 4-2-3-1 oder 4-1-4-1, das ist nicht wichtig. Entscheidend ist die Spielanlage, wir wollen hohes Pressing gehen und Bälle früh erobern, das soll man erkennen. Da fliessen dann auch die Systeme ineinander. Man muss dem Team einen klaren Plan mitgeben.

Ihre Spielweise ist reizvoll, aber äusserst riskant.
Ich schätze das Risiko. Es ist attraktiv und begeisternd, wenn man so agiert. Ich mag Passivität nicht, ich will aktiv sein, dominant, das Team soll Akzente setzen und Spektakel bieten. Das geht nicht mit einer vorsichtigen Ausrichtung. Mein Ansatz ist nicht, ein 1:0 zu verteidigen, ich strebe das 2:0 an. Die Spieler müssen von dieser Idee überzeugt werden und daran glauben, dass sie damit Erfolg haben.

Um Ihre Ideen umzusetzen, benötigt es einen ausgesprochen guten Fitnesszustand.
Es ist für die Fussballer eine Riesenherausforderung, die Bedingungen anzunehmen und umzusetzen, gerade im physischen Bereich. Die Sprintbereitschaft ist elementar, es geht nicht um die Anzahl gelaufene Kilometer oder Ballbesitz, sondern um die Qualität, immer wieder zu sprinten. Es lief mit YB ordentlich, aber wir haben Luft nach oben, weil die neue Spielweise sich recht stark von der vorherigen unterscheidet. Es ist für die Spieler eine gewaltige Umstellung.

Hätten Sie als Fussballer gerne unter Trainer Adi Hütter gespielt?
Ja, aber früher gab es ganz andere Trainertypen, die Arbeit hat sich stark geändert. Ich sehe nicht nur den Fussballer, sondern auch den Menschen dahinter, man muss auf die Spieler eingehen und ihre Probleme ernst nehmen.

Gibt es ein Trainervorbild für Sie?
Ich mag Trainer, die ständig nachdenken, die versuchen, eine Mannschaft weiterzuentwickeln und auf eine neue Ebene zu bringen. Pep Guardiola macht das ausgezeichnet, er dreht immer wieder an Schrauben, verändert viel, davon profitieren die Spieler. Der Fussball ist so komplex geworden mit Videoanalysten, Ernährungsberatern, Statistikern, da ist es wichtig, dass man die Spieler mitnehmen kann.

Sie sagten im Sommer, Sie seien kein Ausbildungstrainer...
... allzu oft möchte ich dazu nicht mehr Stellung nehmen müssen. Man kann, wenn man möchte, meine Aussage kritisch bewerten. Ich bin sicher kein reiner Ausbildungstrainer, aber ich arbeite sehr gerne mit jungen Spielern zusammen und setze sie seit Jahren regelmässig ein. Bei YB war das ja jetzt in den ersten zwei Begegnungen nicht anders.

Was sagt es über Sie aus, dass Sie als Red-Bull-Trainer aufhörten, obwohl Sie das Double holten?
Ich war nicht mehr bereit, diesen Weg mitzugehen und ständig die besten Spieler zu verlieren. Red Bull hat im Unterschied zu YB oder vielen anderen Vereinen einen hochprofessionellen Nachwuchsapparat aufgebaut für über 70 Millionen Euro mit Akademien auf der ganzen Welt. Am Ende der Kette steht das Team in Leipzig. Das stimmte für mich nicht, wir hatten unterschiedliche Ansichten, die Trennung war sauber.

Es war eine mutige Entscheidung, diesen Job aufzugeben.
Ich bin ein zielstrebiger, ehrgeiziger Mensch. Ich fühlte mich in dieser Konstellation nicht mehr wohl und wollte keinen Konflikt. Es war mir wichtig, mir treu zu bleiben und in den Spiegel schauen zu können. Mut gehört in meinem Leben dazu, Mut zum Risiko gefällt mir. Und ich wusste, dass ich als Meister und Cupsieger nicht auf der Strasse lande.

Erhielten Sie vor Ihrem Engagement bei YB viele Angebote?
Die Saison ging ja gerade erst los, ich hatte endlich Zeit, zu reflektieren. Ich spekulierte auf ein Angebot aus der 2.Bundesliga und bin nun sehr stolz, wurde ich von YB ausgewählt. Es gab ja auch andere, prominente Kandidaten, deshalb erachte ich es als Privileg, hier arbeiten zu dürfen.

Wenn man Sie so reden hört, spürt man, dass Sie hohe Ambitionen haben. In welcher Liga möchten Sie später arbeiten?
Wie jeder Mensch möchte ich immer weiterkommen, aber daran denke ich jetzt doch nicht. Ich möchte bei YB viel bewegen und Spuren hinterlassen.

Berner Zeitung

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