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HSV-Spieler Jatta spricht von einer Hexenjagd

Im Fall um den jungen Gambier hatten viele ihre Meinung kundgetan. Nur einer nicht. Bis am Donnerstag.

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Bakery Jatta kam 2015 nach Deutschland. Damals sei er 17 Jahre alt gewesen. In seiner gambischen Heimat habe er zuvor nur Strassenfussball gespielt.
Bakery Jatta kam 2015 nach Deutschland. Damals sei er 17 Jahre alt gewesen. In seiner gambischen Heimat habe er zuvor nur Strassenfussball gespielt.
Cathrin Mueller/Bongarts/Getty Images
Sein Bundesliga-Debüt feierte er 2017 gegen Werder Bremen.
Sein Bundesliga-Debüt feierte er 2017 gegen Werder Bremen.
Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images
Doch im Sommer 2019 kamen Zweifel an Jattas Fussballmärchen auf. Er sollte gemäss «Sport Bild» Bakary Daffeh heissen und rund zweieinhalb Jahre älter sein als angegeben.
Doch im Sommer 2019 kamen Zweifel an Jattas Fussballmärchen auf. Er sollte gemäss «Sport Bild» Bakary Daffeh heissen und rund zweieinhalb Jahre älter sein als angegeben.
Cathrin Mueller/Bongarts/Getty Images
Auf dem Mannschaftsfoto von Brikama United aus Gambia ist Daffeh (hintere Reihe, 2. v. r.) zu sehen.
Auf dem Mannschaftsfoto von Brikama United aus Gambia ist Daffeh (hintere Reihe, 2. v. r.) zu sehen.
Brikama United
Hier ist Daffeh (hintere Reihe, 3. v. r.) auch zu sehen. Es ist das Mannschaftsbild des senegalesischen Clubs Casa Sports. Die Ähnlichkeiten sind doch frappant.
Hier ist Daffeh (hintere Reihe, 3. v. r.) auch zu sehen. Es ist das Mannschaftsbild des senegalesischen Clubs Casa Sports. Die Ähnlichkeiten sind doch frappant.
CAF
Dieses Bild zeigt Daffeh während eines U-20-Nationalspiels.
Dieses Bild zeigt Daffeh während eines U-20-Nationalspiels.
Commit FC
Hier das Bild von Jattas Präsentation beim HSV im Jahr 2016.
Hier das Bild von Jattas Präsentation beim HSV im Jahr 2016.
Boris Streubel/Bongarts/Getty Images
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Ganz Deutschland kennt seinen Fall. Viele haben ihre Meinung geäussert. Einige haben gepfiffen, andere protestiert. Bakery Jatta war allgegenwärtig in deutschen Medien und Stadien. Er muss sich niemandem mehr vorstellen. Und tut es trotzdem. «My Name is Bakery Jatta», schreibt er auf Instagram – nachdem er angekündigt hat, er lerne zwar fleissig Deutsch, werde aber das, was er jetzt zu sagen habe, auf Englisch sagen. Er äussert sich, weil er klarstellen will, wer er ist. Zum letzten Mal und nach über einem Monat der Hexenjagd, wie er schreibt.

Jatta kam als Flüchtling nach Deutschland, 2015 mit 17 Jahren, alleine, aus Gambia. Er war ein begnadeter Fussballer, schaffte es bis zum Hamburger SV, ein Märchen war geschrieben inmitten der Schreckensmeldungen vom Mittelmeer. Ein Märchen, das im August zu bröckeln begann. Die «Sport Bild» berichtete von umfassenden Recherchen, die Zeitung will herausgefunden haben, dass Jatta eben nicht Jatta heisst, sondern Daffeh. Und dass er nicht 21, sondern 23 ist, bei seiner Einreise nach Deutschland also volljährig war.

Die Meldung machte die Runde, auch über die Landesgrenzen hinaus. Gegner witterten ihre Chance, Nürnberg legte Protest ein, nachdem es gegen den HSV mit Jatta 0:4 untergegangen war. Keines der vier Tore hatte Jatta erzielt. Beim Spiel in Karlsruhe gab es Pfiffe von den Rängen, auch die Süddeutschen und der VfL Bochum protestierten gegen ihre Niederlagen. Jatta dürfe gar nicht spielberechtigt sein, hiess es. Wegen Identitätsdiebstahl wurde gegen ihn ermittelt.

Jatta bedankt sich beim ganzen HSV

Es folgte ein Hin und Her, da waren die Stimmen früherer Trainer von Jatta, die belegen sollten, dass die «Sport Bild» mit ihrer Vermutung richtig lag. Da war aber auch eine offenbar einwandfreie Geburtsurkunde, die Jattas Anwalt dem Bezirksamt Hamburg-Mitte vorlegte, worauf dieses das Verfahren am 2. September einstellte. Kurz darauf zog Nürnberg seinen Einspruch zurück. Der HSV hatte immer an seinem Spieler festgehalten, Jatta blieb trotz der Diskussionen Stammspieler.

Gesagt hat er nie etwas zu dem Fall. Bis am Donnerstag, auf Instagram. Jatta bedankt sich bei all jenen, die auf seiner Seite standen. «Ihr, der Hamburger SV, seid meine Familie geworden», schreibt er, das Präsidium des Vereins, der Staff, die Teamkollegen, die Bodyguards, die fantastischen Fans, sein Anwalt, einfach jeder im Club habe ihm bedingungslose Liebe gezeigt. Speziell hob er dabei Sportvorstand Jonas Boldt und Trainer Dieter Hecking hervor. In der schwierigsten Zeit seiner jungen Karriere seien sie immer für ihn dagewesen. Er wisse, er sei nicht so gut wie seine Mitspieler Aaron Hunt und Sonny Kittel, «doch solange meine Beine mich durchs Leben tragen, werde ich da sein für euch. Solange ich lebe».

«Getrennt in den Farben, vereint in der Sache»

Nicht nur beim HSV fühlte sich Jatta stets willkommen. Stefan Kuntz, der Trainer der deutschen U-21-Nationalmannschaft sagte, er wolle dem Gambier bei der Einbürgerung helfen, um ihn an die Olympischen Spiele 2020 in Tokio mitzunehmen. Etwas, was ihn unglaublich stolz mache, so Jatta. Am meisten stolz aber sei er darauf, dass er Support aus St. Pauli bekam, vom grössten Rivalen seines Clubs, «getrennt in den Farben, vereint in der Sache», schreibt er.

Jatta äussert sich in seinem langen Post auch zu den Pfiffen in Karlsruhe. «Das war bei weitem das schlimmste Gefühl, das ich je erlebt habe.» Schreibt ein Mann, der vor nicht allzu langer Zeit, im Alter von 17, eine 6000 km lange Reise durch die Sahara und das Mittelmeer hinter sich gebracht hatte. Zum Schluss hat er noch eine Botschaft: «Jetzt, wo ihr alle wisst, wo ich aufwuchs, wo ich ass, wo ich schlief und mich in den Fussball verliebte … Ihr alle solltet meine Heimat besuchen. Wo ich herkomme, ist jeder extrem offen und freundlich. Und wird immer willkommen sein.»

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