Häuptling wider Willen

Die Zukunft, die liess Nelson Ferreira eigentlich immer so geschehen. Jetzt hat der 35-Jährige beim FC Thun plötzlich mehr hinter als vor sich. Vor dem Spiel in Lugano hat er seinen Vertrag um ein Jahr verlängert.

<b>Ein Jahr mehr – und dann?</b> Nelson Ferreira ist sich nach der Vertragsverlängerung bei Thun noch nicht im Klaren über seine Zukunft.<p class='credit'>(Bild: Raphael Moser)</p>

Ein Jahr mehr – und dann? Nelson Ferreira ist sich nach der Vertragsverlängerung bei Thun noch nicht im Klaren über seine Zukunft.

(Bild: Raphael Moser)

Der Mann lässt sich nicht stressen. Rund um die Arena Thun probt die Kantonspolizei den Ernstfall, es knallt und funkt und raucht auch mal, auf dem Kunstrasen im Stadion trainiert der FC Thun, ab und zu zuckt ein Spieler zusammen. Nicht so Nelson Ferreira.

Seit 17 Jahren spielt er in der höchsten Schweizer Spielklasse, und geht man davon aus, dass der Mann jeweils mindestens fünf Einheiten die Woche mitgemacht hat, so kommen bis heute mehr als 4000 Trainings zusammen. Ferreira lächelt, für einmal zuckt er doch, wenn auch nur mit den Schultern, und sagt: «Ich mache mir nicht so viel aus Statistiken.»

Süffisanter Seufzer

Anfang März wurde Ferreira von der Liga für seine 400. Partie in der Super League geehrt. Blumen, ein Foto, ein Händedruck. Das Geschenk zum Rekord, ein gerahmtes Bild, steht zu Hause, «vielleicht hänge ich es mal auf», sagt Ferreira.

«Ich mache mir nicht so viel aus Statistiken.»Nelson Ferreira

Nelson Ferreira ist bald 36 Jahre alt, und es scheint, als habe er all die Jahre seine Zukunft einfach so geschehen lassen. «Ich denke nicht zu viel nach», sagt er selber, «auf dem Platz schon gar nicht.» Vielleicht war das vor 27 Jahren noch anders, damals, in den 90er-Jahren, als Ferreira aus dem nördlichen Portugal nahe Guimaraes zu seinen Eltern nach Interlaken zog. Sie waren schon vor ihm da, zum «schaffe», sagt Ferreira, das tun sie auch heute noch, Haco Gümligen, jeden Tag aus Thun.

Mit Arbeit hat sich Ferreira nie schwergetan. Und es ist ja ein süffisanter Seufzer des Schicksals, dass der stille, immer etwas demütig anmutende Ferreira eine Lehre als Bodenleger absolviert hat. Verloren hat er seinen Arbeitsplatz nie ganz, zumindest unter den Füssen nicht.

Auf dem Gipfel in London

«Im Fussball kann es schnell gehen», sinniert Ferreira im April 2018 über den Abstiegskampf mit Thun. Und das erlebt er 2005 im grössten Moment seiner Karriere. Thun spielt im Londoner High­bury gegen Arsenal in der Champions League, Ferreira steht am linken Flügel und flankt, der Ball fliegt lang und länger, senkt sich ins Tor.

Es ist die Klimax eines steilen Aufstiegs: Unverhofft bekam der 3.-Liga-Fussballer Ferreira 2001 eine zweite Chance beim FC Thun, nachdem er zuvor im Nachwuchs als zu leicht befunden worden war. In 4 Jahren von der 3. Liga in die Champions League: Plötzlich kannte jeder den schmächtigen Portugiesen aus dem Berner Oberland.

Vertrag unter Freunden

Er hat es weit gebracht: heute in Lugano bestreitet Ferreira sein 417. Spiel in der SuperLeague. Es ist alles einfach so geschehen, hat man den Eindruck, die 13. Saison bei Thun, der Wechsel zu Luzern, die Rückkehr. «Geplant hatte ich den übernächsten Schritt nie. Als ich zum FCL ging, dachte ich nicht: In 4 Jahren bin ich wieder da.»

Vor 2 Jahren hat er seinen Vertrag um 2 Jahre verlängert, nun hat er ein weiteres Jahr nachgelegt, bis im Sommer 2019. «Dass wir öfter mal zusammen reden, kann man sich ja vorstellen», sagt Ferreira über seine Beziehung zu Sportchef Andres Gerber. Die beiden haben eine lange Vergangenheit, waren Mitspieler, sind Freunde. Ferreira ist Götti von Gerbers zweitem Kind.

Wer die Bilder von damals durchgeht – Champions League, Abstiegssorgen mit Thun, ein Cupfinal mit Luzern –, der stellt äusserlich kaum Veränderung fest. Die Figur Ferreira aber, sie hat einen anderen Einfluss heute. Der Teamälteste ist eine Art Häuptling wider Willen, weil er sich nie in den Vordergrund drängen würde, aber dort unweigerlich steht, wenn er, wie zuletzt, nach längerer Verletzungsabsenz zurückkehrt – und seiner Mannschaft zu alter Stabilität verhilft.

«Geplant hatte ich den übernächsten Schritt nie.»Nelson Ferreira

Thun ist wieder besser unterwegs, mit sieben Punkten aus drei Spielen, und besser unterwegs ist auch Ferreira. Eine Hirnerschütterung aus der Vorsaison hat ihn zunächst noch ausser Gefecht gesetzt, zuvor war es eine Zerrung am Oberschenkel. «Das bringt es halt mit sich», sagt Ferreira, zuckt mal wieder mit den Schultern und meint damit gleichermassen den körperlichen Verschleiss und seine reiche Erfahrung.

Trainer – oder doch Handwerk?

In einem Jahr steht Nelson Ferreira wieder vor einem auslaufenden Vertrag. Optionen gibt es für ihn viele. Einmal die Woche schaut er schon heute im Thuner Nachwuchs vorbei, Trainerluft schnuppern. Als er sich vor geraumer Zeit ein Haus in Unterseen bei Interlaken baute und ­dabei den Boden gleich selber verlegte, kam die Überlegung, dereinst wieder auf dem an­gestammten Berufsfeld tätig zu sein, dazu. Der Fussballarbeiter wieder als Handwerker? Ferreira lässt sich nicht stressen. «Wir wollen jetzt erst mal oben bleiben», sagt er.

Berner Zeitung

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